Sven Plöger zum Klimawandel

„Schwarzweißmalerei bringt niemals etwas“

Von Joachim Müller-Jung
 - 20:20
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FRAGE: Sie sind als Buchautor viel unterwegs in Sachen Klimawandel. Haben Sie eine Mission?

ANTWORT: Nein, ich bin nicht unterwegs, um die Welt zu retten. Ich erzähle vielmehr Geschichten über die Zusammenhänge, zum Beispiel wie der schnelle Rückzug des arktischen Eises zu mehr Starkregen bei uns führen kann. Missionarisch geht immer schief. Da kommt immer der Belehrende mit dem erhobenen Zeigefinger und möchte den Leuten erklären: Das musst du besser machen. Dann kommt die berechtigte Rückfrage: Und was machst du denn? Dann stelle ich fest: Ich bin auch ganz normaler Teil der Bevölkerung, ich muss auch mal Auto fahren, auch mal fliegen, ich lebe auch nicht in der Höhle. Ich habe zwar eine Solarzelle auf mein Ferienhaus gebaut und habe dort praktisch die Energieversorgung komplett umgebaut, aber nun beobachte ich mal, ob das wirklich funktioniert. Inzwischen ist klar: Es funktioniert. So kann man auch mit Zahlen sehr gut den Kritikern begegnen. Bei heutigen Preisen hätte ich durch die Einspeisung in 38 Jahren nicht nur die Kosten für die Anlage wieder eingespielt, sondern auch sämtliche Energiekosten bis dahin.

FRAGE: Kann man damit jeden von den Risiken des Klimawandels überzeugen?

ANTWORT: Jedenfalls können die Leute, indem ich die Komplexität in meinen Geschichten herunterbreche, spüren und verstehen, was sich da tut. Klimawandel ist fast immer furchtbar theoretisch, er ist kaum greifbar, für unsere Sinnesorgane eben nicht spürbar. Ich versuche ihn dann mit den beispielhaften Geschichten erlebbar zu machen. Feinheiten rausarbeiten und einordnen. Und ich sage auch mal deutlich, dass die Wissenschaft logischerweise nicht alles weiß. Das macht es für viele Leute akzeptabler.

FRAGE: Was halten Sie für die wichtigste Botschaft, die so transportiert wird?

ANTWORT: Dass wir immer noch Zeit haben, etwas gegen den Klimawandel zu tun. Der Untergang ist nicht vorgezeichnet. Wir haben noch gute zwanzig Jahre, die man sinnvoll verbringen kann, wenn man die Dinge tut, die man politisch auch angekündigt hat. Die Frage ist allerdings, ob man das auch wirklich tut. Seit der Rio-Konferenz 1992 haben wir einen unglaublichen Zuwachs bei den Kohlendioxid-Emissionen um 60 Prozent. Kyoto hatte auch mehr einen symbolischen Charakter. Paris hat jetzt theoretisch die Chance, ein Ergebnis zu haben. Die spannende Frage ist nun: Machen wir es auch praktisch?

FRAGE: Wie oft treffen Sie bei ihren Auftritten auf Leute, die den Klimawandel leugnen?

ANTWORT: Klar begegne ich denen, aber immer seltener. Komplett leugnen tut ihn aufgrund der Messungen und Bilder, die wir weltweit präsentiert bekommen, kaum noch jemand. Aber für einige bleibt ein Zweifel am menschlichen Beitrag zum Klimawandel. Darunter gibt es zwei Typen: Der felsenfest davon überzeugte, dass alles nur natürliche Prozesse sind, wurscht, was wir Menschen für Fußabdrücke hinterlassen. Er bestreitet, oft mit wenig Eigenwissen, alle Erkenntnisse der Klimaforschung. Ihn kann ich nicht erreichen, egal was ich erkläre. Aber es gibt auch den kritischen Interessenten, der durchaus bereit ist, sich informieren zu lassen. Mit diesen Leuten kann ein Gespräch sehr fruchtbar sein – auch für mich, um zu lernen, welche Fragen die Menschen umtreiben! Man kann den Leuten zum Beispiel erklären, warum sich das Eis der Arktis und der Westantarktis schnell zurückzieht, das der Ostantarktis aber nicht. Oder ein anderes Feld: Man muss den Leuten etwa erklären, dass Elektromobilität klimatisch begrüßenswert ist, aber die Batterieherstellung und -entsorgung noch ein schwieriges Feld ist. Und auch der Strommix: Das E-Auto ist erst durch regenerativen Strom sauberer. Sonst ist es zunächst nur eine regionale Umverteilung der Emission – für Städte ist aber auch das schon ein Gewinn. An solchen Beispielen sieht man: Schwarzweißmalerei bringt niemals etwas! Das gilt übrigens für alle Themen auf dieser Welt.

FRAGE: Hamburger Klimaforscher haben nach dem Klimagipfel von Paris vor zwei Jahren eine repräsentative Umfrage gemacht, was die Konferenz-Berichterstattung in den Medien den Leuten draußen an neuen Erkenntnissen gebracht hat. Fazit: Die Klimakonferenz hat zur Beruhigung beigetragen, aber es hat keinen Wissenszuwachs gegeben und sie hat vor allem auch die Menschen nicht motiviert, mehr für den Klimaschutz zu tun. Ist die Kommunikation überfordert?

ANTWORT: Wir versuchen seit dreißig Jahren, gegen die Trägheit zu kämpfen, eine Übersprungshandlung zu erreichen. Die Betroffenheit ist ja da. Die Leute sehen sich die Filme von Al Gore an, finden das alles ein Wahnsinn, und dann kaufen sie für einsachtzig das nächste Stück Fleisch, das von einem Tier kommt, das es sicher nicht gut hatte. Wir schaffen ganz schwer diese Transferleistung. Klimabewusstes Handeln findet in der Masse nur begrenzt statt. Andere Dinge laufen dagegen rasant ab: Vor 10 Jahren gab es noch gar kein Smartphone, heute hat man den Eindruck, dass viele Menschen ohne ein solches Gerät kaum noch existieren können". Der Unterschied: Beim Smartphone sehe ich sofort einen Erfolg meines Tuns, seien es schöne Bilder, lustige Spiele zum "daddeln" oder ein tolles Video. Klimafreundliches Handeln ist hingegen unsichtbar! Ich sehe nichs davon. Wenn ich der klimafreundlichste Mensch auf Erden bin und mein Nachbar eine große ‚Umweltsau‘, dann sieht die Welt für uns beide gleich aus! Uns fehlt der direkte Zugriff.

FRAGE: Muss man daraus den Schluss ziehen, dass die Klimaforscher vielleicht noch aktiver aufrütteln, noch mehr politisch eine Haltung annehmen, wie das etwa der ehemalige Kanzlerinnenberater Joachim Schellnhuber öffentlich getan hat?

ANTWORT: Ich glaube, das geht nach hinten los. Wenn verunsicherte Leute immer heftigeren Thesen begegnen, stumpft das einerseits ab und führt andererseits zum Vorwurf der Panikmache. Ich glaube an den zähen Weg der guten Erklärung und wir müssen der Öffentlichkeit viel mehr erfolgreiche Klimaschutzprojekte zeigen und nicht immer nur erzählen, was wir alles nicht können oder falsch gemacht haben!

FRAGE: Sie nutzen also die starke Häufung von zerstörerischen Hurrikans in diesem Jahr, um für den Klimaschutz zu werben?

ANTWORT: Nutzen ist zu viel gesagt. Ich erwähne sie und versuche einzuordnen, was normales Wetter und was durch den Klimawandel verändertes Wetter sein kann. 2005 mit dem Hurrikan "Katrina" war etwa eine sehr intensive Saison, 1934 vor dem menschenmitgemachten Klimawandel aber auch. Und was ist in der Zukunft zu erwarten? Gar nicht so einfach zu sagen! Die Ozeane werden zwar wärmer, was auch niemand bezweifelt, weil es definitiv gemessen wird. Und weil ein solcher Wirbelsturm seine Energie maßgeblich aus dem Wasser bezieht, spricht das für eine Intensivierung. Aber gleichzeitig kann sich auch die Windscherung (Änderung von Windrichtung und -stärke mit der Höhe) verändern und das wiederum erschwert die Wirbelsturmentwicklung. Kurzum: Derzeit wird überwiegend angenommen, dass sich die Wirbelstürme, die da sind, durch den Klimawandel verstärken können, sie sich aber nicht unbedingt häufen werden.

FRAGE: Unter den Zweiflern haben Meteorologen immer eine besondere Rolle eingenommen, weil man ja auch immer relativieren und warnen muss, ganz bestimmte Wetterextreme direkt auf den Klimawandel zurückzuführen. Fühlt sich die Meteorologie auch aufgefordert wie die Klimaforscher, in die Kommunikationstrickkiste zu greifen und quasi als populäre Instanz für die Akzeptanz des Klimawandels in die Bresche zu springen?

ANTWORT: Ich denke seit Jahren drüber nach, und es gibt ja solche Ansätze. Der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hatte uns Meteorologen beispielsweisen eingeladen, für den New Yorker UN-Gipfel vor Paris eine fiktive Wettervorhersage für den 7. August 2050 zu präsentieren, um zu zeigen, was da passieren kann. Bei ganz vielen bin ich damit auf Begeisterung gestoßen, bei Kritikern hat das allerdings auch für Verstärkung ihrer kritischen Haltung gesorgt. Man hat mir absurdes Theater vorgeworfen, weil diese Leute gar nicht begriffen haben, was die Absicht war und glaubten, ich würde mir heute anmaßen zu wissen, wie das Wetter an diesem Tag würde. In meinen Sendungen mache ich aber immer klar, dass man zwischen Wetter und Klima unterscheiden muss. Im Fernsehen bin ich nunmal der Wettervorhersager. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, dass man neue Formate für Klimadokumentationen entwickelt oder den Klimawandel in kurzen Sequenzen ähnlich wie bei „Wissen vor acht“ von einem Meteorologen erklären lässt. Nur: Das muss dann auch einen guten Sendeplatz bekommen. Das Thema ist längst nicht durch.

FRAGE: Viele Wissenschaftler halten das Problem für so drängend, dass sie Notbremsen einbauen wollen wie die Geoengineering-Lösungen. Was halten Sie davon?

ANTWORT: Gar nichts. Erstens weil es unbezahlbar und deshalb politisch nicht durchsetzbar ist und zweitens weil man die Nebenwirkungen nicht abschätzen kann. Denken Sie an den Assuan-Staudamm in Ägypten. Man wollte das Nilhochwasser in den Griff bekommen und den Anrainern Gutes tun. Aber gleichzeitig hat man ein riesiges Wasserbecken gebaut, in dem in dieser Trockenregion jährlich 2000 Liter pro Quadratmeter verdunsten – mehr als im Alpenraum an Regen fällt! Die Hälfte des Staudamms ist mittlerweile verschlackt und wegen des schwächeren Strömens von Nilwasser ins Mittelmeer strömt nun mehr Salzwasser vom Meer ins Delta, das die hier vielfältige Natur zerstört. All das wollte man natürlich nicht vorsätzlich tun, es ist aber passiert. Und je größer das Projekt, desto größer die möglichen Nebenwirkungen. Menschliche Phantasie zuzulassen ist immer gut, aber zwischen Theorie und Praxis steckt so viel Geld, dass man damit das Klima- und Müllproblem in kleinen Schritten viel erfolgreicher angehen kann.

FRAGE: Kann man auch ohne Notbremse optimistisch bleiben, dass die Klimakrise gelöst wird?

ANTWORT: Ich bin durchaus optimistisch, auch wenn die Politik jetzt erst mal liefern muss, nachdem man erst einmal alles aufgeschrieben hat. Die wirklich ernste Frage ist: Wie zieht man weltweit wirklich an einem Strang? Das ist wie das berühmte Allmendeproblem. Da steht eine Ressource zur Verfügung, die jeder nutzen könnte. Warum soll ich mich aber nun selbst beschränken in der Ausbeutung, wenn das nur dazu führt, dass mein skrupelloserer Nachbar sich alles einverleibt. Dann doch lieber ich selbst! Schaffen wir es, diese Haltung zu überwinden? Grundsätzlich haben wir schon viel geschafft. Denken Sie nur ans Ende des Zweiten Weltkriegs. Alles lag in Schutt und Asche, und doch haben wir nicht resigniert, sondern alles wieder aufgebaut! Auch muss uns beim Umgang mit dem Klimawandel klar sein, dass jeder Einzelne einen entscheidenden Beitrag liefert. Ein Beispiel dafür ist das Ende der DDR 1989. Jeder hat gespürt, dass er auf die Straße gehen muss, um das Ziel der Freiheit zu erreichen. Hätte jeder gesagt, auf ihn käme es nicht an, es genügt, wenn die anderen gehen, dann wäre niemand auf die Straße gegangen, und die Mauer stünde immer noch. Jeder hat seinen Anteil, und jeder muss motiviert sein. Das ist für mich die Lösung.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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