Leben auf der ISS

Gibt es da oben einen Putzplan, Herr Reiter?

Von Hannah Knuth und Fabian Swidrak
 - 21:30

Thomas Reiter flog zweimal ins All und verbrachte mehr Zeit im Weltraum als jeder andere Europäer. Für 350 Tage, 55 Stunden und 40 Minuten war er getrennt von Familie und Freunden, von allem Bekannten – lebte nur mit seinen Kollegen auf engstem Raum im All. Reiter, 60, kann erzählen, was dieser Kontrast mit einem Menschen macht. Es war 1995, als er zur russischen Raumstation MIR flog, wo er als erster Deutscher in den Weltraum ausstieg. 2006 lebte er für ein halbes Jahr auf der internationalen Raumstation ISS. Heute berät Thomas Reiter den Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation ESA.

Herr Reiter, gibt es auf der ISS einen Putzplan?

Jeden Samstag stand Putzen auf dem Arbeitsplan. Da mussten alle mitmachen. Es war klar festgelegt, was sauber zu machen ist. Die Oberflächen mussten zum Beispiel desinfiziert und die Luftfilter gereinigt werden. So verging dann immer ein ganzer Vormittag.

Können wir uns das Zusammenleben im All vorstellen wie in einer WG?

Auf der Raumstation ist es ähnlich eng wie in einer Studentenbutze. Trotzdem sitzt man nicht die ganze Zeit aufeinander. Es gab Phasen, in denen ich meine Crewmitglieder kaum gesehen habe, weil alle in verschiedenen Modulen der Raumstation beschäftigt waren. Wenn ich dann spätabends endlich mal zur Ruhe kam, schwebte ich gerne vor einem der Fenster, hörte Musik, zum Beispiel Pink Floyd, und genoss den überwältigenden Blick auf die Erde.

Haben Sie außer Putzen nichts gemeinsam gemacht?

Die Freizeit ist begrenzt, aber am Freitag- oder Samstagabend ließen wir die Arbeitswoche meistens gemeinsam ausklingen. Wir haben dann einen Film angesehen oder zusammen aus dem Fenster geschaut und sind bei dem Ausblick ins Philosophieren gekommen.

Worüber haben Sie in solchen Momenten gesprochen?

Wenn Sie da oben lesen, was auf der Erde gerade so passiert, dann fragen Sie sich: Warum ist es für uns Menschen so schwierig, miteinander auszukommen? Als ich 2006 an Bord der ISS war, gab es einen bewaffneten Konflikt zwischen Israel und Libanon: Wir flogen über den Norden der Sahara, waren hin und weg von dem Anblick, den Farben, und sahen dann plötzlich den Rauch über Beirut. Da wurden wir in die Realität zurückgerissen.

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Fühlt man sich dieser Realität überhaupt noch zugehörig, wenn man 400 Kilometer entfernt von der Erde durchs All fliegt?

Definitiv, ja. Ich habe mir beim Anblick aus dem Erdorbit nicht etwa gedacht: Jetzt schaut mal, wie ihr da unten zurecht kommt. Wir haben große Probleme auf der Erde, deren Lösungen teilweise nur von Grenzen in unseren Köpfen behindert werden. Aus dem Weltraum betrachtet gibt es keine Landesgrenzen. Es wird einem bewusst, dass wir dringend Lösungen für die wirklich großen Probleme finden müssen, wie Klimaveränderungen und Kriege.

Waren Sie sich in solchen Gesprächen mit Ihren Kollegen immer einig? An Bord der ISS leben ja auf engem Raum Menschen aus sehr verschiedenen Kulturen.

Die ISS ist kein Ort, an dem man politische oder religiöse Sichten ausfechtet. Man entwickelt eine Sensibilität für heikle Themen. Meine erste Mission auf der russischen Raumstation MIR war während des Tschetschenien-Konflikts. Da hatten meine beiden russischen Kollegen eine sehr dezidierte Meinung, die sich nicht unbedingt mit meiner gedeckt hat. Darüber haben wir dann einfach nicht gesprochen.

Wie würde man an Bord einer Raumstation überhaupt streiten? Man kann der Situation ja nicht entfliehen.

Ich hatte erwartet, dass solche Situationen auftreten, aber es ist nicht passiert. Denn jeder von uns wusste, dass er auf den anderen angewiesen ist. Wenn einer aus der Crew an einem Montag mal den „Blues“ hatte, ein bisschen bedrückt oder introvertiert war, haben die anderen immer versucht, den ein bisschen mitzureißen. Da wurden dann einfach ein paar Scherze gemacht.

Wie kann man sich denn zurückziehen, wenn man mal Ruhe braucht?

Auf der ISS gibt es für jedes Besatzungsmitglied eine kleine Kajüte. Wenn ein Versorgungsraumschiff Briefe von der Familie und Freunden gebracht hat oder ich Emails geschrieben habe, waren das die Momente, in denen ich allein sein wollte. Dann konnte ich die Tür zumachen und war für mich.

Wie haben Sie die Distanz zu Ihrer Familie ausgehalten?

Ich konnte fast jeden Tag mit meiner Familie telefonieren, und wenn es auch nur eine Minute war, zum Beispiel in der kurzen Mittagspause. Von der ISS aus kann man jede beliebige Nummer auf der Erde anrufen. Einmal pro Woche gab es außerdem eine Videokonferenz. Dabei konnte ich meine Familie zuhause sehen. Manchmal hatten sie auch Nachbarn oder Freunde eingeladen. An Bord der MIR, 1995, war das nicht so einfach.

Wieso?

Wir hatten damals nur einmal pro Woche die Möglichkeit, mit unseren Familien zu sprechen. Alle zwei Wochen gab es eine Videoverbindung, während der meine Kollegen und ich immer zusammen vor der Kamera saßen. Unsere Familien mussten dafür in das russische Kontrollzentrum nach Moskau kommen. Wir hatten insgesamt 40 Minuten Zeit, jeder durfte reihum fünf Minuten mit seiner Familie sprechen.

Ein halbes Jahr getrennt von Familie und Freunden, immer dieselbe Umgebung, immer dieselben Menschen – vergeht die Zeit an Bord einer Raumstation schneller oder langsamer als auf der Erde?

Die ersten drei Monate vergehen wie im Flug. Da funktionierst du einfach und alles ist toll. Danach wird dir langsam bewusst, wie eng es dort oben ist und dass du doch auf viele Dinge verzichten musst: frisch zubereitetes Essen oder den Geruch einer gerade gemähten Wiese. Nach vier Monaten schaute ich das erste Mal auf den Kalender, um zu sehen, wie lange die Mission noch dauert. Aber generell ist die Zeit unheimlich schnell vergangen. Kaum war ich wieder am Boden, fielen mir so viele Sachen ein, die ich dort oben noch gerne gemacht oder mir angeschaut hätte.

Wie haben die Aufenthalte im All Ihr Verhältnis zu Ihren Mitmenschen auf der Erde verändert?

Ich bin entspannter geworden im Umgang mit Menschen. Wenn ich an der Supermarktkasse oder im Stau stehe und ungeduldig werde, erinnere ich mich an das beruhigende Gefühl, das ich hatte, als ich von weit weg auf unsere Welt geschaut habe. Das war tiefgreifend, intensiv, weil es jenseits des normalen Erfahrungshorizontes war.

Haben Sie nach Ihren Missionen gefremdelt?

Nein, es war schön, aber anstrengend, plötzlich wieder unter so vielen Menschen zu sein. Nach meiner zweiten Mission gab es in Houston einen großen Empfang, da saß ich dann auf einer Bühne und musste zahlreiche Fragen beantworten. Das war zwar toll, aber ich war sehr geschafft, weil ich erst seit kurzer Zeit wieder in der Schwerkraft war.

Ein Glück, dass Astronauten nach ihrer Rückkehr erst einmal in Quarantäne müssen.

Ich kam nach dieser Veranstaltung in die Quarantänestation, einen Tag vor Weihnachten, kein Mensch weit und breit, und am Kühlschrank hing ein Aufkleber: „Hi Thomas, welcome back, food is in the fridge.“ Da dachte ich mir: Ich komme doch jetzt nicht wirklich nach einem halben Jahr aus dem All zurück, um ein paar trockene Sandwiches zu essen? Trotz der Bedenken meines Crewarztes sind wir dann in ein Restaurant gegangen. Einen Tag nach der Landung einen frisch zubereiteten Salat zu vertilgen, hat sich überirdisch angefühlt.

Quelle: FAZ.NET
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