Leuchtendes Himmelsobjekt

Auf der Staubspur der Leoniden

Von Manfred Lindinger
 - 20:29

Ein helles, sich schnell bewegendes Licht hat am Dienstagabend viele Menschen in Hessen und in anderen Teilen Süddeutschlands beschäftigt. Insbesondere in den sozialen Netzwerken berichteten viele von ihrer Beobachtung und fragten sich, was sie da am Nachthimmel gesehen hatten. Möglicherweise handelte es sich um einen Vorboten der sogenannten Leoniden, einem Meteorschwarm, der jedes Jahr um diese Zeit im Anflug ist. Doch dazu war der Brocken, der in die Atmosphäre eindrang und darin verglühte, deutlich zu groß. Berechnungen zufolge war er etwas kleiner als ein Fußball. Ein typischer Meteor ist dagegen nur wenige Millimeter groß.

Seinen Höhepunkt hat der Meteorschwarm Donnerstag Nacht erreicht. Doch lohnt sich weiter der Blick in den Nachthimmel. Im Rhein-Main-Gebiet sind die Aussichten allerdings eher schlecht, Sternschnuppen zu sichten. Die Meteorologen sagen bisher nur für den Süden Deutschlands einen wolkenlosen Himmel voraus. Zudem wird dieses Jahr kein Mondlicht das Leuchten der Meteore überstrahlen. Allerdings wird das Himmelsfeuerwerk Astronomen zufolge in diesem Jahr aufgrund bestimmter Himmelkonstellationen ohnehin etwas bescheidender ausfallen als die vergangenen Jahre.

Wolke winziger Partikel

Seinen Namen hat der herbstliche Meteorschwarm vom Sternbild Löwe (lat. Leo). Denn dort liegt der scheinbare Ausgangspunkt der Meteore. Tatsächlich kommen sie aber aus der unmittelbaren Umgebung der Erde: Auf seiner Bahn um die Sonne kreuzt unser Planet alljährlich im November eine Wolke winziger Partikeln, die der Komet „55P/Temple-Tuttle“ auf seiner Bahn um unser Zentralgestirn zurückgelassen hat.Trifft die Erde auf die kosmische Staubspur dieses etwa alle 33 Jahre wiederkehrenden Kometen, dringen die oft nur stecknadelkopfgroßen Partikeln in die Erdatmosphäre ein. In einer Höhe von 80 bis 100 Kilometern erzeugen die kleinen Staubteilchen dann die Lichterscheinung, die wir Sternschnuppe nennen. Am intensivsten ist der Leonidenschwarm, wenn unser Planet den staubigsten Teil des Kometenschweifs von Temple-Tuttle durchfliegt, das wird am 16. und 17. November der Fall sein.

Zum ersten Mal wurden die Leoniden einer schriftlichen Überlieferung nach vermutlich vor 1115 Jahren in Nordafrika beobachtet. Im November 1799 wurde Alexander von Humboldt in Venezuela ebenfalls Zeuge eines prächtigen Sternschnuppenschwarms, der den ganzen Nachthimmel erhellte. Im Jahr 1833 wiederholte sich fast zur gleichen Jahreszeit das Himmelereignis mit noch größerer Intensität. Die Ursache konnte vier Jahre später der Bremer Arzt und Astronom Wilhelm Olbers erklären. Er erkannte, dass sich die imposantesten Meteorschauer etwa alle 33 Jahre wiederholten. Daraus schloss er, dass winzige „Sternschnuppen-Asteroiden“ in unterschiedlich dichten Schwärmen in ein und derselben Bahn um die Sonne kreisen. Tatsächlich trat im November 1866, wie vorausgesagt, abermals ein besonders prächtiger Leonidenschauer auf. Und diesmal kam man ihm endgültig auf die Schliche.

Knapp ein Jahr zuvor hatte der deutsche Lithograph und Amateurastronom Ernst Wilhelm Leberecht Tempel einen Kometen entdeckt, kurze Zeit später spürte auch Horace Parnell Tuttle den Schweifstern auf. Berechnungen zeigten, dass „Temple-Tuttle“ der Sonne alle 33 Jahre am nächsten kommt. Dann sind die Meteoritenschauer auch am größten, mit mehreren tausend Sternschnuppen pro Stunde. Im Jahr 1998 erreichte der Komet auf seiner Bahn zum letzten Mal den sonnennächsten Punkt. Überraschenderweise fiel damals der Leonidenschwarm schwächer aus als vorausgesagt. Das nächste große Feuerwerk am herbstlichen Nachthimmel ist erst wieder im Jahr 2031 zu erwarten. Dennoch sollte man nicht versäumen, auch in diesen Tagen den Blick nach oben zu richten.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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