Ein universaler Code für Lieder?

Von JOACHIM MÜLLER-JUNG
Ein Straßenmusiker spielt auf einem selbstgebauten Instrument, bestehend aus Abflussrohren und Kabelbindern. Foto: dpa

Musik das ist mehr als Kunst, es ist auch eine erstaunlich formale Weltsprache: In einer erdumspannenden Studie mit seltenen, kurzen Melodien haben Harvardforscher gezeigt: Schlaflieder und Tanzmusik erkennt man überall schnell – auch wenn sie von urtümlichen Völkern stammen. Machen Sie selbst den Test!

D as Beste in der Musik, da war sich der österreichische Komponist Gustav Mahler nach vielen Übungseinheiten sicher, steht nicht in den Noten. Musik ist keine Sache der Form und Partituren, keine Formalitäten. Das mag Mahler im Sinn gehabt haben, um unseren Blick auf das in seiner Kunst zu lenken, was Musik in uns auslöst, wie sie unsere Wahrnehmung ändert, unsere Gefühle anspricht und welche Fantasien bis hin zur Spiritualität sie auszulösen vermag. Musik als eigene, sehr spezielle Sprache also? Diese These ist uralt, mehr noch: Musik gilt vielen längst als eine Art Universalsprache, Musikalität funktioniert überall – aber überall auch anders. Sie ist kulturell geprägt, heißt es dann oft. Und tatsächlich sind diese musikalischen Unterschiede und die Vorlieben der Völker unbestreitbar. Doch ebenso gut könnte man, wenn man die evolutionäre These annimmt, dass Musik in den unterschiedlichen Gesellschaften eine Funktion jenseits des Hörgenusses übernimmt, auf einen faszinierenden Gedanken kommen: Ist in den Musiken also im Kern über alle menschlichen Kulturen hinweg ein Code eingebaut, der ihr ganz bestimmte Aufgaben jenseits von Riten und Kulthandlungen zuweist? Gibt es anders gesagt Formen in der Musik, die ganz bestimmten Funktionen entsprechen? So etwas wie ein musikalisches Reiz-Reaktionsschema?

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Soviel steht fest: in unterschiedlichsten Kulturkreisen zelebrieren die Menschen ihre traditionellen Riten und Kulthandlungen zum Klang von Musik.

Viele Musikpraktiker und -theoretiker können dem Gedanken, dass Musik nicht allein kulturell und historisch geprägt ist und nicht vollends dem Schaffensprozess von ein paar Kreativgenies entspringen soll, wenig abgewinnen. Ein paar Harvard-Forscher hingegen sehr wohl. Samuel Mehr und Max Krasnow sind nach ihren jüngsten Studien überzeugt, dass Musik in vieler Hinsicht reine Formsache ist – dass Melodien und Laute nicht ihrer Ästhetik wegen, sondern aufgrund ihrer Nützlichkeit überhaupt erst entstanden sind. Musik zum Einschlafen also oder Musik zum Tanzen und Fröhlichsein, Musik zum Verlieben oder Melodien zur Linderung von Leiden und Trauer, oder eben Musik einfach als akustische Übersetzung von Geschichten und zur Unterhaltung des Hörers.

Dass Laute, Gesänge und Melodien als formale biologische Konstrukte daher kommen, liegt auf der Hand. Balzgesänge von Vögeln, die oft durchaus musikalische Qualitäten annehmen, sind das beste Beispiel dafür. Aber auch das Brüllen des Löwen oder der Warnruf sozialer Tiere sind für Wissenschaftler wie Mehr und Krasnow Vorläufer einer akustischen Sprache, die ganz bestimmte Funktionen besitzen – und die sich formal sogar in vielem ähneln: kurze, laute, aggressive oft weithin hörbare niederfrequente Töne, die vor allem eins erreichen sollen: andere einzuschüchtern.

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Und an solchen artübergreifenden Gemeinsamkeiten setzt die Musikstudie der Harvard-Forscher an. Dazu hatten sie 750 Internetnutzer in sechzig Ländern – Akademiker hauptsächlich – angeschrieben und gebeten, sich Auszüge von 86 unterschiedlichen Melodien und Gesängen anzuhören. Die Musikexzerpte waren jeweils lediglich 14 Sekunden lang. Und sie stammten von meist kleinen, oft isoliert lebenden indigenen Völkern aus aller Welt – von den Saami aus der Finnmark bis zu siebzig Jahre alten Aufnahmen der australischen Yolngu-Aborigines. Zu jedem Musikfragment sollten die Probanden angeben, welchen Kontext bzw. welche Funktion das zugehörige Musikstück haben könnte. Zur Auswahl standen: Tanzlied, Schlaflied, Heilgesang, Liebeslied, Trauergesang, oder Unterhaltungsmusik. Lediglich die ersten vier Funktionen waren allerdings tatsächlich auch vertreten. Insgesamt hörten die Probanden mehr als 26.000 Musikfragmente und die Forscher sammelten 150.000 Bewertungen.

In einem zweiten Teil der Studie wurde an knapp tausend amerikanischen und indischen Internetteilnehmern versucht herauszufinden, aufgrund welcher Eigenschaften der Melodien die Menschen ihre Zuschreibung herleiten. Die Ergebnisse lassen für die Wissenschaftler keinen Zweifel: Gleich, wo die Menschen leben auf der Welt, und egal wie sie musikalisch sozialisiert sind – den Kontext einer Musik, die Funktion einer bestimmten Melodie, können sie in den allermeisten Fällen aus den Tönen, Akkorden und dem Rhythmus aller 86 Musikproben korrekt heraushören. Besonders treffsicher waren die Probanden bei Schlafliedern für Babys und bei Tanzmusik: die einen sind selbst in den entlegensten Kulturen eher trauriger, langsam und melodisch einfacher gestrickt, die anderen voller Temperament, mit Abwechslung und schnellen Tonfolgen. „Obwohl sich die Musik für uns oft so völlig unterschiedlich anhört“, resümierte Samuel Mehr, „scheint es doch elementare Strukturen in den Melodien zu geben, die sämtliche kulturellen Unterschiede überschreiten“ – und die wir demnach als musikalisches Erbe der Menschheitsentwicklung unbewusst weiter tragen.

Quelle: F.A.Z.