Ansteckendes Verhalten

Warum dem Gähnen nicht zu entkommen ist

 - 22:54

Sie müssen gähnen, wenn andere gähnen? Kein Wunder, denn ansteckendes Gähnen wird durch primitive Reflexe in der primären motorischen Hirnrinde ausgelöst.Menschen können sich diesen Reflexen nicht widersetzen. Je mehr sie es versuchen, desto stärker wird der Hang zum Gähnen. Am Ende tun sie es trotzdem, nur weniger offensichtlich. Wie dieser Prozess im Einzelnen abläuft und wie das unterdrückte Gähnen letztlich aussieht, ist dabei genauso individuell wie der menschliche Fingerabdruck. Das haben Wissenschaftler um Beverly Brown von der Universität Nottingham herausgefunden. In der Zeitschrift „Current Biology“ (doi.10.1016/j.cub.2017.07.062) berichten sie über ihre Versuche mit 36 Probanden, die sie gebeten haben, Videos von gähnenden Menschen anzusehen.

Die Versuchspersonen sollten ihrem Drang entweder bewusst nachgeben oder ihn unterdrücken. Wer nicht gähnen wollte, scheiterte. Die Testpersonen gähnten lediglich anders, nicht seltener. Die Ergebnisse sind auch für die Medizin relevant. Ansteckendes Gähnen ist ein sogenanntes Echophänomen. Die Neurologen verstehen darunter die unwillkürliche Imitation eines Verhaltens oder einer Reaktion. Echophänomene entstehen durch eine starke Erregbarkeit der motorischen Hirnrinde. Auch nachgeahmtes Zucken ist ein Echophänomen. Wer sieht, dass andere zucken, zuckt nach einer Weile selbst. Beverly Brown hofft nun, dass sie durch weitere Untersuchungen zeigen kann, wie die erhöhte Erregbarkeit der primären motorischen Rinde Reaktionen hervorruft, die eigentlich unterdrückt werden sollen. Die Ergebnisse könnten für die Behandlung des Tourette-Syndroms hilfreich sein. Bei dieser Erkrankung leiden die Menschen unter unwillkürlichen Bewegungen, sogenannten Tics.

Quelle: F.A.Z.
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