Kreuzschmerzen

Neues Therapiekonzept aus Hamburg

Von Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO
 - 12:41

Langanhaltende Schmerzen schränken unsere Lebensqualität massiv ein. Sie führen dazu, dass wir Bewegungen und Aktivitäten unterlassen. Im Privatleben empfinden wir es als frustrierend, aufgrund von Beschwerden auf die regelmäßige Joggingrunde oder den Skiurlaub verzichten zu müssen. Treten die Schmerzen im Rahmen unserer Erwerbstätigkeit auf, kommen häufig Existenzängste, wie Furcht vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, hinzu. Im Rückenzentrum am Michel haben sich Dr. med. Joachim Mallwitz und sein Team aus Ärzten, Psychotherapeuten, Physio- und Sporttherapeuten auf die multimodale Schmerztherapie spezialisiert und erzielen erstaunliche Erfolge.

Verstehen, woher der Schmerz kommt

Dr. Mallwitz ist Spezialist für konservative Orthopädie mit Zusatzbezeichnungen in Manueller Medizin/Chirotherapie und Sportmedizin. Vor dem Studium der Humanmedizin praktizierte er als Physiotherapeut. Er weiß aus Erfahrung, dass ein radiologischer Befund allein nicht ausreicht, um Kreuzschmerzen erfolgreich therapieren zu können: „Ein Röntgenbild ist viel zu ungenau. Und im MRT findet man häufig Veränderungen, die aber keinerlei Beschwerden auslösen. Daher muss der Arzt sorgfältig untersuchen und den MRT-Befund mit dem Patienten besprechen. Tut er das nicht, wird der Betroffene verunsichert und vermeidet bestimmte Bewegungen, weil er meint, das ginge aufgrund seiner Erkrankung nicht mehr.“ Natürlich wird auf die Auswertung konkreter Befunde nicht verzichtet: Im Rahmen der Erstuntersuchung werden sogenannte „Red Flags“ überprüft. Dazu gehören Verletzungen, Tumorerkrankungen, Infektionen oder Beeinträchtigungen des Nervensystems. Akute Probleme werden separat behandelt. Bei langanhaltenden Beschwerden sei wichtig, die psychosozialen Faktoren abzuklären, betont Dr. Mallwitz: „Eine ganz wichtige Rolle spielt es, ob familiäre Probleme vorliegen, Sorge um den Arbeitsplatz besteht oder vielleicht im Team schlechte Stimmung herrscht. Diese Faktoren wirken nachweislich schmerzverstärkend und müssen genauso beachtet werden, wie die physischen Ursachen. 70 Prozent aller Patienten mit chronischen Kreuzschmerzen zeigen Anzeichen einer Depression.“

Erfolgsmodell: interdisziplinäre Diagnostik und multimodale Therapie

Die Schmerzen ihres Patienten zu verstehen, ist die größte Herausforderung für die Mediziner. Seit nunmehr sechzehn Jahren bietet das Rückenzentrum daher einen sogenannten „Interdisziplinären Diagnostiktag“ an: Er nimmt drei Stunden in Anspruch und besteht aus einer Untersuchung durch einen Orthopäden sowie einer Beurteilung der körperlichen Leistungsfähigkeit durch einen Physiotherapeuten. Die psychische Belastung wird im Gespräch mit einem Psychotherapeuten abgeschätzt. Anschließend wird das Ergebnis von dem interdisziplinären Team besprochen und ein Therapieziel festgelegt. Dabei steht vor allem die Wiederherstellung der schmerzhaften Funktionen im Vordergrund. „Schmerzen sind wie graue Haare“, erklärt Dr. Mallwitz. „Wir können sie nicht vermeiden. Aber wir können lernen, mit ihnen zu leben.“

Bewegung ist das A&O

Um Schmerzen zu vermeiden, verzichten wir instinktiv auf alle Bewegungen, die ihn auslösen. Dr. Mallwitz und sein Team vom Rückenzentrum setzen darauf, eben diese Abläufe wieder weitgehend schmerzfrei zu ermöglichen. Das Geheimnis des Erfolges liege im Trainieren von individuell angepassten Alltagssituationen, erklärt der Orthopäde. „Der Mitarbeiter der Stadtreinigung, der Angst hat, seinen Job zu verlieren, weil er die schweren Mülltonnen nicht mehr vom Souterrain auf den Gehweg heben kann, trainiert genau diesen Ablauf mit steigender Intensität, bis er sie wieder ausführen kann.“ Zusammen mit dem Müllwerker trainiert in dem großzügigen Therapieraum eine Krankenschwester mit einer lebensechten Puppe das Umlagern und Heben von schweren Patienten. Ein Handwerker befestigt in Vorbeugehaltung Schrauben in einer Wand. So eine Aufbautherapie braucht Zeit: Drei bis vier Wochen benötigt Dr. Mallwitz mit seinem Team, um Schmerzpatienten alltagsfit zu entlassen. „Und auch danach ist Bewegung das A&O, ob im Verein, im Fitnessstudio oder Zuhause. Auch Gartenarbeit ist ideal, selbst wenn sie oft belächelt wird.“

Medikamente nur in Maßen

Gerade bei Kreuzschmerzen greifen viele zu Medikamenten wie Ibuprofen oder Diclofenac, die frei erhältlich sind und schnelle Linderung versprechen. Dr. Mallwitz winkt ab: „Es gibt keine Tablette gegen Rückenschmerzen. Und es hilft gar nicht, Medikamente einzuwerfen und sich dann aufs Sofa zu legen. Wenn schon Medikamente, dann um die Beweglichkeit wiederherzustellen. Wir setzen Medikamente ein, um den Behandlungserfolg zu unterstützen, zum Beispiel Anticonvulsiva gegen nervenbezogene Kreuz- oder Beinschmerzen. Bei psychischer Belastung helfen Antidepressiva wie Amitriptylin in niedriger Dosierung. Aber es geht vor allem darum, dem Körper zu ermöglichen, das bestehende Problem auszugleichen. Da helfen auf Dauer auch keine Massagen oder Fangopackungen, sondern nur gezielte Trainingseinheiten.“

Umdenken im Gesundheitssystem erforderlich

Bei anhaltenden Kreuzschmerzen sind Krankschreibungen von sechs bis acht Monaten keine Seltenheit. Dr. Mallwitz kritisiert, dass die fortschreitende Spezialisierung im Gesundheitssystem sowie starre Kostenerstattungskonzepte den Bedürfnissen chronischer Schmerzpatienten nicht gerecht werden. Dabei ließen sich lange Ausfallzeiten im Beruf durch das rechtzeitige Ansetzen einer Therapie vermeiden, erklärt Dr. Mallwitz. Mittlerweile haben das auch viele Krankenkassen erkannt: Patienten mit Kreuzschmerzen würden teilweise schon nach vier Wochen Krankschreibung identifiziert und zur Therapie ins Rückenzentrum geschickt. „Eine Verbesserung ist immer möglich, egal in welchem Alter jemand zu uns kommt“, behauptet Rückenspezialist Mallwitz. „Bei Erkrankungen, die eine längere Ausfallzeit im Beruf mit sich führen, haben wir dank unseres Konzepts eine Rückführungsquote von 90 Prozent.“

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