Burnout-Syndrom

Wege aus der Burnout-Falle

Von Susanne Amrhein, PRIMO MEDICO
 - 12:44

Wer lange Zeit über seine körperlichen, seelischen oder geistigen Grenzen hinaus lebt, läuft Gefahr, ein Burnout-Syndrom zu entwickeln. Typische Symptome sind Schlafstörungen, rasche Erschöpfbarkeit, Kopfschmerzen, Unruhe und ein Rückzug aus dem Sozialleben. Im Beruf mangelt es an Konzentration und Durchhaltevermögen, der Job erscheint sinnlos. Um dies zu kompensieren, werden die eigenen Bedürfnisse immer weiter zurückgestellt, gepaart mit der Angst, den Alltag oder die gestellten Aufgaben nicht zu bewältigen. In vielen Fällen kommen körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen, funktionelle Magen- oder Herzbeschwerden sowie häufige Infekte hinzu. Hilfe im Rahmen einer Psychotherapie zu erhalten, ist für Betroffene häufig ein Problem. Wartezeiten von sechs Monaten sind keine Seltenheit – eine Ewigkeit für Menschen, die sich durch jeden einzelnen Tag quälen. Das auf Stressfolgestörungen spezialisierte private Fachkrankenhaus „Gezeiten Haus“ mit insgesamt drei Standorten in Nordrhein-Westfalen dagegen nimmt akute Fälle sofort auf. Auch die „normale“ Wartezeit betrage in der Regel lediglich zwei Wochen, betont Chefarzt und Ärztlicher Direktor Dr. med. Clemens Boehle.

„Eine gute Therapie braucht ein gutes Ende“

Der Spezialist für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie begründet das ungewöhnlich schnell greifende Hilfskonzept mit der ganzheitlichen Herangehensweise in der Therapie: „Wir hören immer wieder, dass manche Therapeuten ihre Patienten nicht mehr aus den Fingern lassen. Wir bemühen uns, die stationäre Verweildauer nicht in die Länge zu ziehen, sondern arbeiten darauf hin, die Betroffenen möglichst schnell zu einer selbständigen Lebensführung zurück zu führen. Ist der Patient stabilisiert, reicht in der Regel eine tagesklinische oder ambulante Therapie in immer größer werdenden Intervallen, später sogar nur noch, falls bei besonderen Krisen akuter Beratungsbedarf besteht. Eine gute Therapie braucht immer auch ein gutes Ende.“ Dieses Konzept und die Aufteilung besonderer Kompetenzen auf die drei Standorte mache es möglich, auch kurzfristig Therapieplätze anzubieten.

Risikozustand „Burnout“

Für Betroffene ist es zunächst nicht einfach zu erkennen, ob sie durch eine besondere Situation in ihrem Leben einfach erschöpft und frustriert sind, oder ob ein Burnout-Syndrom vorliegt. „Wer die eingangs erwähnten Burnout-Symptome bei sich erkennt, sollte kritisch hinterfragen, wie lange diese schon andauern. Wochenlang anhaltende Schlafstörungen beispielsweise sind ein klares Indiz dafür, dass ein Risikozustand erreicht wurde, der behandlungsbedürftig ist“, erklärt Dr. Boehle. „Auch die Feststellung, dass man an Wochenenden oder im Urlaub nicht mehr in der Lage ist sich wirklich zu erholen, ist ein klassisches Warnsignal.“ Der wichtigste Schritt für die Betroffenen ist die Anerkennung der Problematik und folglich die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen. Der etwas abgenutzte, gern belächelte Begriff „Burnout“ helfe dabei, dass Stressfolgeerkrankungen, die einer Behandlung bedürfen, enttabuisiert und nicht mehr stigmatisiert werden. Eine psychische Erkrankung werde noch viel zu häufig mit persönlicher Schwäche assoziiert. Dabei gebe es wie bei anderen Erkrankungen auch medizinische Messmethoden, die eine innere Belastung nachweisen, so Dr. Boehle. „In unserer Ambulanz bieten wir eine sogenannte Stress-Diagnostik an, bei dem wir unter anderem eine Herzratenvariabilitäts-Messung vornehmen. Diese zeigt das Verhältnis von Aktiv- und Passiv-Phasen des vegetativen Nervensystems an. Typisch für das Burnout-Syndrom ist eine überschießende Aktivität, obwohl nur eine geringe Leistung abgefordert wird. Auch eine Einschränkung der nächtlichen Erholungsphase erlaubt eine klare Diagnose.“

Raus aus dem Stress-Alltag

Der erste Schritt einer Burnout-Therapie besteht darin, dass der Betroffene seine eigenen Grenzen wahrnimmt und die Akzeptanz entwickelt, dass er diese einhalten muss. Im zweiten Schritt versuchen Therapeut und Patient die bestehenden Belastungen zu reduzieren. Dies kann eine Neuregelung der Arbeitszeiten, Klärung von Konflikten oder im privaten Bereich ein konkretes Hilfsangebot für Paare oder die Familie sein. In einigen Fällen reichen bereits Tipps, die zu einer Veränderung des Lebensstils führen, erklärt Psychosomatik Spezialist Boehle. „Wichtig ist, diese Veränderungen zu etablieren. In der Regel braucht man sechs Wochen, um die ausgetretenen Pfade zu verlassen. Wenn ein tiefergehendes Problem vorliegt, ist es wichtig, den Organismus zur Ruhe kommen zu lassen. Sie können bei einem fahrenden Auto auch nicht in vollem Tempo die Richtung ändern. Dazu müssen sie zunächst langsamer fahren oder anhalten, sich neu orientieren, abbiegen und dann erst langsam wieder Fahrt aufnehmen. Diese Ruhigstellung kann durch eine längere Auszeit, Urlaub oder Krankschreibung erreicht werden. Bei unseren stationären Therapien schränken wir die medialen Reize stark ein, die unser Nervensystem nonstop bombardieren. Wir streben eine Harmonie von Körper, Geist und Seele an. Wichtig ist es dabei auch, Partner oder Angehörige einzubeziehen.“

Balance wird durch Wechsel und Zusammenspiel erreicht

Die Gezeiten Haus Kliniken haben ihren Namen mit Bedacht gewählt, erklärt Dr. Boehle: „Die Gezeiten, der Wechsel von Ebbe und Flut, entsprechen den Belastungen und Entlastungen in unserem Leben. Eine zu hohe Flut richtet Schaden an, genau wie eine andauernde Ebbe. Daher wenden wir im Rahmen unserer Therapien auch gerne Methoden der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) an. Dazu gehören u.a. körperliches Training mit meditativen Elementen wie beim Qigong, die chinesische Heilmassage Tuina und eine ausgewogene Ernährung mit genussvollem Essen.“ Die beste Burnout-Prävention sei es, seine Entspannungsfähigkeit zu erhalten, Pausen zu machen, Dauerreize auch mal auszuschalten und sich Zeit für seinen Partner, für Familie und Freunde zu nehmen, so der Psychotherapeut. Dann ließen sich auch Phasen höchster Beanspruchung ohne psychische Schäden überstehen.

Quelle:
  Zur Startseite