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Investmentausblick

Ende gut, alles gut für Europa?

Von Joachim Fels

Im Januar vertrat ich in der „Financial Times“ die These, dass Präsident Trumps Versprechen „to make America great again“ (MAGA, wie er das in seinen Tweets nennt), tatsächlich auch Europa helfen könnte, zu alter Größe zurückzufinden. Nun, „MEGA“ ist ihm tatsächlich geglückt. Ich beschreibe jetzt mal, wie er dabei geholfen hat. Aber ich werde auch aufzeigen, warum Europas Stern vielleicht schon bald seinen Glanz wieder verlieren könnte.

Europa profitierte dieses Jahr in dreierlei Hinsicht von Trump. Erstens: Die Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar um fünf Prozent zwischen der Wahl am 8. November und Ende Dezember 2016 half den Exporten, stärkte das Unternehmervertrauen und trug so zusätzlich zur konjunkturellen Erholung in der Eurozone bei. Natürlich hatte dieser Aufschwung bereits zuvor begonnen, dank stark steigender globaler Handelsströme und wieder üppiger gewährter Kredite infolge der EZB-Politik des „Quantitative Easing“. Als Konsequenz daraus wuchs das BIP in der Eurozone mit einer durchschnittlichen annualisierten Rate von 2,2 Prozent während des ersten Halbjahres 2017 – und übertraf damit sogar die USA, wo das BIP im selben Zeitraum nur um 1,9 Prozent zulegen konnte.

Zweitens: Donald Trumps Wahl war wohl ein Weckruf für die Wähler in den Niederlanden und in Frankreich, wo populistische Kandidaten und Parteien bei den diesjährigen (Parlaments-)Wahlen schlechter abschnitten als erwartet worden war. Natürlich lässt sich europäische Politik nicht auf so einfache Erklärungsmuster reduzieren. Aber es gab wahrscheinlich schon eine „Gegenreaktion auf die populistische Gegenreaktion“ bei den Wahlergebnissen in den Niederlanden und in Frankreich.

Drittens: Der mehr nach innen gerichtete und isolationistische Ansatz der USA und Präsident Trumps Warnung, dass andere Staaten ihren NATO-Verpflichtungen endlich gerecht werden sollen, bedeutete neuen Schwung für eine deutsch-französische Initiative zur Intensivierung der militärischen Zusammenarbeit in der Europäischen Union. Eventuell könnte daraus sogar ein Verteidigungsbündnis entstehen. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zitierte in der vergangenen Woche einen Regierungspolitiker mit den Worten, dass in den zurückliegenden sechs Monaten mehr Fortschritte auf dem Weg zu einer gemeinsamen europäischen Verteidigungspolitik erzielt worden seien als in den ganzen 60 Jahren davor. Die EU-Kommission wurde beauftragt, bis September konkretere Vorschläge zu präsentieren. Die Mitgliedsstaaten werden dann bis Dezember Zeit haben, darauf zu reagieren. Es wird zum jetzigen Zeitpunkt erwartet, dass mindestens 20 EU-Mitgliedsländer an einer immer engeren Verteidigungsgemeinschaft teilnehmen könnten.

Dennoch: Trotz dieser positiven Entwicklungen ist es wenig wahrscheinlich, dass Europas neuer Schwung von langer Dauer sein wird. Das politische und wirtschaftliche Momentum dürfte schon in den kommenden sechs bis zwölf Monaten abebben. Dies sind die Gründe dafür:

Zunächst einmal: Der Euro-Wechselkurs zum Dollar markierte zwar um die Jahreswende einen Tiefpunkt, ist seither aber um gewaltige 15 Prozent gestiegen und hat den höchsten Stand seit dem Beginn des Jahres 2015 erreicht. Die Euro-Aufwertung bedeutet einen Dämpfer für den Export und auch für die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe insgesamt für den Rest des Jahres 2017 und auch für 2018. Dieser Effekt dürfte sich noch verstärken, wenn sich demnächst das Wachstum des globalen Handels verlangsamt – eine Entwicklung, die wir deshalb erwarten, weil in China weniger Kredite vergeben werden.

Darüber hinaus dürfte die europäische Politik, die dieses Jahr bis dato eine Hilfe für europäische Wertpapiere war, künftig weniger Unterstützung bieten oder längerfristig sogar für Gegenwind sorgen:

  • In Frankreich sieht es so aus, als ob Präsident Macrons Stern bereits am Sinken ist – und das nach nur drei Monaten im Amt. Die Zustimmungsraten zu seiner Politik sanken beträchtlich, nachdem gleich mehrere seiner Minister über Skandale gestolpert waren und daraufhin zurücktreten mussten. Vor allem aber: Es regt sich wachsender öffentlicher Widerstand gegen seine Reform-Agenda, die schon jetzt ziemlich verwässert wirkt im Vergleich zu seinen Versprechen aus dem Wahlkampf.
  • In Deutschland legen Wähler-Umfragen den Schluss nahe, dass die nächste Bundesregierung eine Koalition aus Kanzlerin Merkels CDU/CSU und der liberal-konservativen FDP sein wird. Dies würde Schritte hin zu einer gemeinsamen Steuerpolitik in der Eurozone und der Teilung von Haushaltsrisiken vermutlich noch schwieriger gestalten als dies bei einer Neuauflage einer Großen Koalition mit der eher pro-europäischen SPD der Fall wäre.
  • Am schwersten wiegt jedoch: Die Italiener werden spätestens Ende April kommenden Jahres an die Urnen gerufen, um ein neues Parlament zu wählen – während derweil die Unterstützung für anti-europäische oder europa-skeptische Parteien wächst. Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Thema für den Rest des Jahres in den Fokus der Märkte rücken wird.

Zu guter Letzt: Europas langfristiger Konjunkturausblick wird weiterhin eingetrübt von potenziell schwachen Wachstumsaussichten, einer hartnäckig niedrigen Inflationsrate, steuer- und haushaltspolitischen Herausforderungen, sowie dem Risiko, dass ein Mitgliedsland sich dazu entschließt, den Euroraum zu verlassen, oder es von den Märkten dazu gezwungen wird (siehe hierzu auch das jüngste Stück meines Kollegen Andrew Bosomworth zum langfristigen Konjunkturausblick). Es stimmt schon: Europa hat beim Aufbau von Institutionen einige Fortschritte gemacht, etwa bei der Banken-Union und dem Europäischen Stabilitäts-Mechanismus nach der (Finanz-)Krise. Aber Europa bleibt ein nur halb fertiges Haus mit einer lückenhaften Risikoaufteilung, die es – um die Worte meines Kollegen Gene Frieda zu benutzen – zu einem „unsicheren Ort, und zwar bei jeder Geschwindigkeit“, macht.

Was bedeutet das für die Märkte? Erstens: Staatsanleihen aus den europäischen Kernländern, die die meiste Zeit des laufenden Jahres schlechter abschnitten als vergleichbare US-Bonds, könnten nun für eine Outperformance gut sein, da ein stärkerer Euro das BIP-Wachstum Europas dämpft und die EZB in der Folge auf einem relativ „weichen“ (zinspolitischen) Kurs hält. Zweitens: Die Aufschläge für Anleihen aus den Ländern der Peripherie der Eurozone könnten größer werden, wenn das Wachstums-Momentum abebbt und die Wahlen in Italien in den Fokus rücken. Und drittens: Europäische Aktien, die der Liebling der Anleger rund um den Globus waren und die dieses Jahr bis dato besser abschnitten als US-amerikanische Aktien, versprechen für den Rest des Jahres eher eine unterdurchschnittliche Wertentwicklung.

Um mehr über PIMCOs langfristigen Prognosen für die Weltwirtschaft zu erfahren, lesen Sie auch unseren jüngsten Langfristigen Ausblick “Wendepunkte”.

Joachim Fels ist Managing Director und Global Economic Advisor in PIMCOs Firmenzentrale in Newport Beach, USA. Er ist Mitglied des Investmentkomitees und Co-Leiter von PIMCOs vierteljährlichem Cyclical Forum. Bevor er 2015 zu PIMCO kam, war er Chefvolkswirt bei Morgan Stanley in London. Vorher arbeitete er als Ökonom für internationale Wirtschaftsfragen bei Goldman Sachs und als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kieler Institut für Weltwirtschaft.

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