Kafkas Sätze (10)

Der Satz tut mir heute noch weh

Von Wilfried Wiegand
 - 17:28

In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.

Zu meiner Zeit wurde Kafka nicht im Deutschunterricht gelesen. Aber sein Ruhm sprach sich auch so herum, und Mitte der fünfziger Jahre, ein oder zwei Jahre vor dem Abitur, las ich ihn zum ersten Mal im Fischer-Taschenbuch „Das Urteil und andere Erzählungen“. So kam es, dass meine erste Kafka-Lektüre „Das Urteil“ wurde und dass sich dessen letzter Satz damals in mein Gedächtnis brannte und nie mehr daraus verschwand: „In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr.“

Es gibt Sätze bei Kafka, die bekannter sind. Auch mir fallen auf Anhieb einige ein, aber keiner von ihnen hat mich so treu ein halbes Jahrhundert lang begleitet wie der Schlusssatz aus dem „Urteil“. In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr - das ist mein Kafka-Satz. Und warum hat gerade er mich so beeindruckt? Weil er so unendlich grausam ist, so gnadenlos, so erschreckend. Der Satz hat mich auf Anhieb schockiert, er überwältigte mich mit der Rücksichtslosigkeit großer Literatur.

Aus einer fremdartigen, einer grausam gleichgültigen Welt

Bekanntlich endet „Das Urteil“ damit, dass der bedauernswerte Georg Bendemann, dem väterlichen Fluch gehorchend, von der Brücke in die Tiefe springt. Bis dahin ist alles Erzählung, Bericht über ein beklagenswertes Schicksal. Man kann sich in die Figur hineinversetzen und das ganze Geschehen psychologisch deuten. Der Schlusssatz ist anders. Er hat mit Georg Bendemann, und das ist das Grausame, gar nichts mehr zu tun. Vorbei ist alle Psychologie, vorbei die Geschichte eines Menschen, stattdessen werden wir über die Beschaffenheit des Straßenverkehrs informiert. Nicht nur Gregor lässt sich fallen, auch der Erzähler, und das schmerzt viel mehr, weil es noch unerklärlicher ist, hat ihn fallengelassen, einfach so.

Der letzte Satz kommt aus einer fremdartigen, einer grausam gleichgültigen Welt, die offenbar ganz prächtig ohne das Individuum und sein Schicksal zurechtkommt. Wenn der arme Gregor sich von der Brücke schwingt, erzählt Kafka vom nahenden Tod. Im Schlusssatz lässt er uns allein. Wo ist der Erzähler geblieben? Zwar ist der Schlusssatz voller Pathos, aber es scheint keinem Menschen mehr anzugehören, es ist nur noch Ausdruck einer Verlassenheit von biblischen Dimensionen. Vor nichts und niemand macht diese Verlassenheit halt: nicht vor Gregor und nicht vor dem Erzähler, nicht vor dem Leser und nicht vor der ganzen Welt.

„In diesem Augenblick ging über die Brücke ein geradezu unendlicher Verkehr“ - der Satz tut mir heute noch weh.

Quelle: F.A.Z.
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