Kafkas Sätze (19)

„Es gibt nur eine geistige Welt.“

Von Michael Maar
 - 10:49

Erstaunlich viele Aufzeichnungen in Kafkas Tagebuch kreisen um das Böse. Es ist ein Kreisen um jene Ursünde, die auf das Konto der Schlange geht, Adams erstes Haustier nach der Vertreibung aus dem Paradies, wie es in einem anderen Aperçu heißt. Adam wird die Schlange nicht los, die das Böse in die Welt gebracht hat. Dieses Böse setzt Kafka selbstverständlich mit dem Sinnlichen gleich. Es ist eine Gleichsetzung, die asketische, ja, gnostische Züge trägt. Sein jüngster Biograph sieht denn auch in der Askese Kafkas großes Lebensprogramm: die Klammer, ohne die alles auseinanderfiele. Also lebte Kafka nur im Geistigen? Der Coitus als Bestrafung für das Glück des Zusammenseins - der Seufzer in seinem Tagebuch ist berühmt. Das Paradies mit Felice oder Milena, den aus der Ferne Geliebten, wäre das Zusammensein ohne zischelnde Einflüsterung.

Aber Kafka starrt auf das böse Sinnliche wie das Kaninchen. Er kann sich seinem Bann nicht entziehen. Sein Werk ist voller Hinweise auf etwas Dunkles, Ominöses, Zentrales, eine nicht zu bekennende Schuld. Bezeichnend ist sein Bild von den Leoparden, die so lange in den Tempel einbrechen und die Opferkrüge leer saufen, bis man sich an sie gewöhnt und in die Zeremonie einbezieht.

Denkt er dabei an triebhafte Gewohnheiten, die sich einem asketischen Leben, wie er es führte, allmählich einfügen? Wären die Leoparden die Hunde im Souterrain, von denen Nietzsche gesprochen hatte und die Kafka ab und zu von der Kette ließ? In seinem Werk finden sich dazu nur Andeutungen. Dieses Werk hat selbst etwas von einem Tempel, der im Halbdunkel liegt, mit flackernden Opferfeuern und Zeremonien, die wir nicht recht verstehen; ein Tempel, der die Pilgerströme der Deuter zu Recht anzieht.

Quelle: F.A.Z.
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