Kafkas Sätze (22)

Treue zum ersten Eindruck

Von Harald Hartung
 - 14:16

„Gestern abend auf dem Belvedere unter den Sternen.“

Vor einiger Zeit blätterte ich in Kafkas Tagebüchern, in denen ich lange nicht gelesen hatte, und stieß auf eine Stelle, von der ein eigentümlicher kleiner Glanz ausging. Sie ging mir nach, und als ich sie wieder lesen wollte, entzog sie sich meinem nervösen Suchen. Das steigerte meine Faszination, leider nicht meine Geduld.

Die Frage nach Kafkas Sätzen brachte mich auf die Sache zurück. Nun las ich noch einmal von Anfang und kam an vielen wunderbaren Einträgen vorüber; gleich zu Anfang der Befund: „Meine Ohrmuschel fühlte sich frisch, rauh, kühl, saftig an wie ein Blatt.“ Dann der berühmte Satz, dass Schriftsteller Gestank reden; oder der nicht minder berühmte, wonach ein wahllos hingeschriebener Satz - bei ihm, bei Kafka - bereits vollkommen sei. Ich eilte an all dem vorüber, im Vorschein des erinnerten Glanzes. Und natürlich fand ich die Stelle, fand sie auf halber Strecke, unter dem Datum des 13. August 1913: „Gestern abend auf dem Belvedere unter den Sternen.“ Das war es also, und ich war fast ein bisschen enttäuscht. Das verheißungsvoll Halbvergessene schien mir plötzlich bloß ein simples Notat. Nun gut, dachte ich, aber dann hast du wenigstens etwas, das nicht nach Kafka klingt. Man sieht, meine Ungeduld war noch immer virulent. Doch etwas hielt mich fest. Etwas wie Treue zu meinem ersten Eindruck. Ich hatte den Gestus der Stelle unterschätzt.

Kafka scheint für diese knappe Notiz frei von aller quälenden und selbstquälerischen Reflexion. Frei für einen zeitlosen Moment, frei für eine Epiphanie, die er gar nicht weiter bezeichnet. Vielleicht weil sie ihm an einem vertrauten Ziel vieler Spaziergänge erscheint, in den Kronprinz-Rudolf-Anlagen, wie sie damals hießen. Das Belvedere, das allen Prag-Besuchern vertraute Lustschloss auf der Burg, gibt nur den Fixpunkt. Von ihm aus öffnet sich der Raum. Ganz ohne Deutung, ohne kosmische Idee. Kafka kommt ohne Kants „gestirnten Himmel“ aus. Er sieht sich in der einfachsten, größten Konstellation: „unter den Sternen“. Das kann jeder sagen, und doch ist es hier wie zum ersten Mal gesagt. Und versiegelt dem, der es ausdeuten möchte, die Lippen.

Quelle: F.A.Z.
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