Kafkas Sätze (35)

Das komische Talent eines Schmerzensmannes

Von Bernd Eilert
 - 16:22

Bernhard Kellermann hat vorgelesen: einiges ungedruckte aus meiner Feder, so fing er an.

Mit dieser Mitteilung beginnt Kafkas Tagebucheintrag vom 27. November 1910, für mich einer der schlüssigsten Belege für eine These, die sich doch allmählich durchzusetzen beginnt: dass dieser Schmerzensmann bisweilen auch zu Scherzen aufgelegt war und dabei ein komisches Talent zeigt, das sich dem offenbart, der bereit ist, seine Texte unvoreingenommen zu lesen, weder als Menetekel noch als Konfession, sondern einfach als glanzvolle Literatur.

Wenn Kafka Kellermann, der zu seiner Zeit wesentlich erfolgreicher und bekannter war als er selbst, kühl als „mittelmäßigen Schriftsteller mit guten Stellen“ qualifiziert, zeigt der noch nicht Dreißigjährige damit ein Selbstvertrauen, das seine besseren Seiten mehr als rechtfertigen werden. Dies ist eine.

Dementsprechend harmlos fängt Kafkas Bericht über die albtraumhafte Lesung auch an: „Scheinbar ein lieber Mensch“ sei Bernhard Kellermann, „auch ein ehrlicher Mensch, der lesen will, was er versprochen hat“. Doch kaum hat er damit begonnen, „giengen die Leute immerfort einzeln weg mit einem Eifer, als ob nebenan vorgelesen werde“. Schon eine hübsche Pointe, doch Kafka bleibt sitzen, denn er ahnt, dass es noch besser kommt: „Als er nach dem 1/3 der Geschichte ein wenig Mineralwasser trank, gieng eine ganze Menge Leute weg. Er erschrak. Es ist gleich fertig, log er einfach.“

Einer blieb sitzen

Eine Behauptung, die übrigens ebenso dreist ist wie die Kellermann unterstellte, wissentlich die Unwahrheit zu sagen, und deren Berechtigung Kafkas direkter Anschluss letztlich offenlässt: „Als er fertig war, stand alles auf, es gab etwas Beifall, der so klang, als wäre mitten unter allen den stehenden Menschen einer sitzen geblieben und klatschte für sich.“ Zu behaupten, der Applaudierende sei Kafka selbst gewesen, wäre ebenfalls eine Unterstellung, für die aber einiges spricht, denn der Beifall ermutigt den Vorlesenden, sich in das Unheil einer Zugabe zu stürzen, die Kafka seinerseits Gelegenheit zu einer eigenen gibt: „Nun wollte aber Kellermann noch weiterlesen, eine andere Geschichte, vielleicht noch mehrere.“

Die Publikumsreaktion ist schon klar: „Gegen den Aufbruch öffnete er nur den Mund. Endlich, nachdem er beraten worden war, sagte er: Ich möchte noch gerne ein kleines Märchen vorlesen, das nur 15 Minuten dauert. Ich mache 5 Minuten Pause.“ Was in diesen fünf Minuten passiert, spart Kafka ebenfalls aus, um sogleich zu seiner kaum zu übertreffenden, beinah selbstparodistischen Apotheose zu kommen: „Einige blieben noch, worauf er ein Märchen vorlas, das Stellen hatte, die jeden berechtigt hätten, von der äußersten Stelle des Saales mitten durch und über alle Zuhörer hinauszurennen.“ Die Vorstellung, dass unter den dergestalt Fliehenden Franz Kafka war, macht die Sache noch ein wenig komischer.

Von Bernd Eilert erschien zuletzt die CD „Pisa und die Volgen“ (Audiobuch-Verlag, zus. mit Robert Gernhardt und Pit Knorr).

Quelle: F.A.Z.
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