Kafkas Sätze (38)

Mäuse treiben keine Geschichte

Von Peter-André Alt
 - 10:26

Vielleicht werden wir also gar nicht sehr viel entbehren, Josefine aber, erlöst von der irdischen Plage, die aber ihrer Meinung nach Auserwählten bereitet ist, wird fröhlich sich verlieren in der zahllosen Menge der Helden unseres Volkes, und bald, da wir keine Geschichte treiben, in gesteigerter Erlösung vergessen sein wie alle ihre Brüder.

Der abschließende Satz der letzten Erzählung, die Kafka schrieb, handelt von der Dialektik des historischen Gedächtnisses. Zeitlebens hat die Sängerin Josefine, so heißt es, um Anerkennung für ihre Kunst gerungen. Das Volk der Mäuse verweigert ihr diese Anerkennung. Ernst und streng, den Imperativen der harten Alltagswelt unterworfen, zeigt es für Gesang keinen Sinn. Mit dem letzten Satz scheint Josefines Aufbegehren gegen die Forderungen ihres Volkes gescheitert. Ihre Spur wird verlöschen, das Vergessen ihr Schicksal sein: Mäuse treiben keine Geschichte. Der Schluss-Satz stammt aus jenem Geschlecht von Kafka-Sätzen, die ihre zweite Bedeutung im Widerspruch zur ersten enthüllen.

Das berühmteste Beispiel dafür bietet die an Max Brod gerichtete, testamentarische Verfügung, alle unpublizierten Schriften aus dem Nachlass zu verbrennen - eine Bitte, die letzthin die versteckte Aufforderung zur Lektüre implizierte, weil Kafka wusste, dass der Freund sie missachten würde. Ähnlich verhält es sich mit Josefine; deren Verschwinden im Vergessen wird verhindert durch das Erzählen ihrer Geschichte, die ihr ein Gedächtnis stiftet. Das erinnert an eine chassidische Anekdote, die Gershom Scholem - in Anlehnung an den hebräischen Schriftsteller Samuel Agnon - überliefert hat: Während früher das Entzünden eines Feuers an einem geheimen Ort ein Wunder vollbringen half, sind die heiligen Rituale heute vergessen; an ihre Stelle tritt als neue Form der Magie das Erzählen der Legenden über sie.

Kafkas Schluss-Satz lässt uns ahnen, dass die Literatur das Vergessen aufhebt. Josefine geht in einer Geschichte ohne Geschichtsschreibung nicht unter, sondern ist gegenwärtig durch die Erzählung (und durch die Kommentare, die sie immer wieder neu provoziert). Freilich hat diese Aufbewahrung im Gedächtnis auch ihren Preis. Die Erlösung bleibt aus, denn der Fluch der Erinnerung liegt im Verzicht auf Rettung durch das Vergessen. Die Untoten der Literatur leben in unseren Lektüren weiter, zur ewigen Dauer verdammt. Kafkas letzter Satz bewirkt dasselbe wie seine letzte Bitte - das Gegenteil dessen, was er sagt.

Peter-André Alt ist Professor für Germanistik an der Freien Universität Berlin.

Quelle: F.A.Z.
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