Kafkas Sätze (40)

Die Sprache der Verlierer

Von Karlheinz Fingerhut
 - 10:43

„Der große Schwimmer! Der große Schwimmer!“ riefen die Leute. Ich kam von der Olympiade in X, wo ich einen Weltrekord im Schwimmen erkämpft hatte.

Kafkas Sätze sind Versteckspiele, in denen der Leser das Versteckte oft nur dann finden kann, wenn er das in der Handschrift Gestrichene mitliest. Der zitierte Satz hat ursprünglich so gelautet: „Ich kam von der Olympiade in Antwerpen, wo ich einen Weltrekord in 1500 erkämpft hatte.“ Er wurde vermutlich am 28. August 1920 geschrieben, zwei Tage nachdem in Antwerpen der Amerikaner Norman Ross die 400 Meter und die 1500 Meter Kraul gewonnen hatte. Den expliziten Hinweis auf Antwerpen und den indirekten auf den Sieger Ross tilgt Kafka sofort. Aber den Empfang auf den Stufen des Bahnhofs und das anschließende Festbankett mit Minister und Bürgermeister gestaltet er aus.

Über das Schwimmen und das Erinnern

Kafkas Versteckspiele mit Namen sind bekannt, sie haben ihn manchmal selbst überrascht. Als er die Korrekturfahnen des „Urteils“ las, notiert er im Tagebuch, dass er hinter „Frieda Brandenfeld“, der Braut des Helden Georg Bendemann, Felice Bauer aus der Mark Brandenburg und hinter Bende sich selbst, eben Kafka wiederentdeckte. Und bei seiner Lektüre im „Prager Tagblatt“ stieg in ihm die Erinnerung an den Helden seines ersten Romans auf, Karl Rossmann, der nach Amerika geschickt wird und dort nach einer Reise durch das Land „verschollen“ ist. Nun scheint er - Zufälle gibt es nicht, alles ist Zeichen - als NorMAN ROSS aus Amerika zurückgekehrt, wurde auf die Olympiade geschickt und hat dort die Goldmedaille über 1500 Meter mit einem Weltrekord gewonnen. Während der Rekordschwimmer von der Menge am Bahnhof willkommen geheißen wird, reflektiert er, zwar den Rekord zu halten, aber nicht befriedigend erklären zu können, wie er ihn erreicht habe: „Eigentlich kann ich nämlich gar nicht schwimmen.“ Das ist denn doch irritierend, ruft geradezu nach einer Auslegung als Traum-Metapher.

Kafkas Verhältnis zum Schwimmen ist ambivalent. Natürlich beherrscht er es. Er ist aktiver Gesundheitssportler. Aber das Schwimmen erinnert ihn an die Situation, als er es lernte. Der Vater ist mit ihm in die „Civil-Schwimmschule“ in der Moldau gegangen. Schon beim Umkleiden erlebt er intensiv seine körperliche Unterlegenheit: „Ich mager, schwach, schmal. Du stark, groß, breit“, wie er im „Brief an den Vater“ berichtet. Über das Schwimmen und das Erinnern stellt er folgende Überlegung an: „Ich kann schwimmen wie die anderen, nur habe ich ein besseres Gedächtnis als die andern, ich habe das einstige Nicht-schwimmen-Können nicht vergessen. Da ich es aber nicht vergessen habe, hilft mir das Schwimmen-Können nichts und ich kann doch nicht schwimmen.“

Die Sprache der Verlierer

Nun soll dieser Rekordhalter, dieser weggeschickte und zurückgekehrte Ross-man, eine Rede halten. Und er bemerkt, dass alle Festgäste in seiner Heimatstadt in einer Sprache sprechen, die nicht seine Sprache ist. Ein zweites Paradox? Nein, eigentlich nicht. Denn Kafka schreibt seinen Satz im Jahre 1920. Seit zwei Jahren ist Masaryk Ministerpräsident, Tschechisch ist die „Sprache der Sieger“, nun die einzige offizielle Landessprache. Kafkas Schreib-Sprache, das Deutsche, ist die Sprache der „Verlierer“, sie wird wie eine Fremdsprache behandelt. Deutsche Mannschaften durften in Antwerpen nicht starten. Hier nun spricht der Weltrekordler in einer Sprache, die die anderen vorgeben, nicht zu verstehen. Sie sprechen in einer anderen Sprache, die er vorgibt, nicht zu verstehen.

Bleibt noch die offene Frage: Warum hält der Erzähler so hartnäckig an der Idee fest, dass er trotz allem in seiner Heimatstadt und zudem Inhaber des Weltrekords ist? Es werden im Tagebuch Kafkas immer wieder Selbstzweifel an seinem Schreiben laut. Andererseits finden sich Aussagen eines sehr ausgeprägten Selbstbewusstseins als Schriftsteller. Berühmt geworden ist der Satz von 1911: „Wenn ich wahllos einen Satz hinschreibe, z.B. ,Er schaute aus dem Fenster', so ist er schon vollkommen.“ Es gilt auch hier die literarische Generalregel der Autoreferenzialität. Kafka redet von sich - als Schreibendem. Hier hält er den Weltrekord. Und nun erlebt er auf ambivalente Weise - und inspiriert durch die Olympiade in Antwerpen - vorweg, wie er als Rekordhalter in seiner Vaterstadt, in der niemand mehr offiziell Deutsch spricht, empfangen und geehrt werden wird.

Von Karlheinz Fingerhut, Jahrgang 1939, erschien zuletzt: Kennst du Franz Kafka? Texte für junge Leser (2007).

Quelle: F.A.Z.
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