Kafkas Sätze (50)

Aus der Irrfahrt ist ein Ausflug geworden

Von Ingo Schulze
 - 10:17

Lauter niemand.

„Lauter niemand“, steht auf Zeile vier der vierzehnzeiligen Erzählung „Der Ausflug ins Gebirge“, der fünften Geschichte aus Kafkas „Betrachtungen“ von 1913. Über diesen einen Satz ließe sich sagen, dass zwei Worte ausreichen, um eine Situation zu beschreiben, die wir uns nicht vorstellen können. Entweder ist da niemand, oder da sind lauter Spaziergänger oder Hunde. Bei lauter niemand meldet unser Sprachgebrauch Nonsens.

Daraus könnte man folgern, dass wir bei der Wendung „Lauter niemand“ den Schriftsteller bei der Arbeit sehen. Er verändert unseren Sprachgebrauch, er passt ihn den neuen Bedingungen an. Reizvoll wäre ein Vergleich mit Odysseus, dem ersten Niemand unserer Geschichte. Aus der Irrfahrt ist ein Ausflug geworden.

Ein Wunder, dass die Niemand nicht singen

„Lauter niemand“ ist aber auch Teil der Geschichte, ein Schritt bei dem wundersamer Weise misslingenden Versuch einer - und nun gibt es nur noch unzulängliche Annäherungen - Jemandwerdung oder Stimmwerdung des Einzelnen und der vielen Niemand.

„,Ich weiß nicht', rief ich ohne Klang, ,ich weiß ja nicht. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand.'“ So beginnt es. Wie aber ruft man ohne Klang? Ist man dann überhaupt zu hören? Lässt sich das noch Rufen nennen? Es geht um jenes rätselhafte Ich und um den „Ausflug mit einer Gesellschaft von lauter niemand“.

„Die Hälse werden im Gebirge frei! Es ist ein Wunder, dass wir nicht singen.“ So endet er. Singen wäre der Gegensatz zu einem klanglosen Rufen. Bei Kafka ist es ein Wunder, dass die Niemand nicht singen. Dann wären sie vielleicht keine Niemand mehr. Aber sie bleiben niemand.

Ein Wunder, ein paar Wochen lang

Diese Bewegung des Ausflugs (oder der Irrfahrt) ließe sich in Beziehung setzen zu den eigenen Erfahrungen mit einer Gesellschaft von lauter niemand. Mir fielen die obligatorischen Erste-Mai-Demonstrationen ein, der Grundwehrdienst - „diese vielen Füße, durch winzige Schritte getrennt! Versteht sich, dass alle in Frack sind“, oder jene heutigen Niemand, mit ihren 4,25 Euro Essengeld pro Tag. Ich könnte mich sogar dazu versteigen und berichten, zumindest ein paar Wochen lang das Wunder erlebt zu haben, dass lauter niemand sangen.

Besser als alles wäre jedoch, sich an Kafkas Maxime zu halten, dass man eine Parabel nur mit einer anderen Parabel beantworten kann, und so würde ich alles verwerfen und statt dessen Daniil Charms zitieren, der fast fünfundzwanzig Jahre später in Leningrad auch Lauter niemand besang. Aber dafür ist nun endgültig kein Platz mehr.

Von Ingo Schulze, Jahrgang 1962, erschien zuletzt der Roman „Adam und Evelyne“.

Quelle: F.A.Z.
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