Kafkas Sätze (52)

Ein Ideal aus den Angeln hebeln

Von Gerhard R. Koch
 - 17:09

Wenn ich den großen Wunsch habe, ein Leichtathlet zu sein, so ist das wahrscheinlich so, wie wenn ich wünschen würde, in den Himmel zu kommen und dort so verzweifelt sein zu dürfen wie hier.

Unter den unzähligen rätselhaften Sätzen Kafkas ist dies sicher einer der vertracktesten, ein Meisterstück der Selbstverunmöglichung: Ein Wunsch wird exponiert und schon im Keim ad absurdum geführt. Denn selbst die auch nur vorgestellte Erfüllung würde in nichts anderes als die unausweichlich ewig gleiche Desperatheit führen. Ebendeshalb ist es gänzlich unerheblich, ob Kafka tatsächlich je den Gedanken hegte, ein „Leichtathlet“ sein zu wollen. Die Idee war ihm höchstens ein Begriffshebel, um ein Ideal aus den Angeln zu heben. Insofern ließe sich der Satz als Umkehrung im Sinne einer negativen Theologie interpretieren: als Liquidation der christlichen Vaterunser-Bitte „wie im Himmel, so auf Erden“.

Vorgeformt immerhin findet sich der Gedanke einer oben wie unten gleichermaßen niederschmetternden Lage in Büchners „Woyzeck“: „Unsereins ist doch einmal unselig in der und der andern Welt, ich glaub', wenn wir in Himmel kämen, so müßten wir donnern helfen.“ Ob Kafka Büchners Fragment schon gekannt hat, ist belanglos; als „Gott ist tot“-Variante war Woyzecks Anklage keineswegs singulär. Trotzdem führt die Parallelisierung von diesseitiger wie jenseitiger Misere im Falle des Kafka-Satzes nicht allzu weit. Denn die Konstruktion ist durchaus hypothetisches Als-ob in der Tradition Pascals, den Kafka kannte, schätzte - und in seinem Sinne interpretierte: „Ist Gott ein theatralischer Triumphwagen, den man, alle Mühseligkeit und Verzweiflung der Arbeiter zugestanden, mit Stricken aus der Ferne auf die Bühne zieht?“

Zunichtemachen von Sinnstiftung

Die fiktive Formel vom „Leichtathleten“ gewinnt da als weitere Bedeutung noch die der artistischen Veranstaltung zum Zwecke des Zunichtemachens von Sinnstiftung. In diesem Lichte stellt sich auch die Frage nach den ästhetischen Transformationsmöglichkeiten Kafkas im Stile eines radikal konstruktivistischen Quidproquo. Von Mauricio Kagel, dem Komponisten auch mit „nichtklingenden Materialien“, gibt es nämlich „Die Himmelsmechanik“, eine Komposition mit Bühnenbildern, in der alle Illusion zugleich Desillusion ist - und umgekehrt. Kagel hat dieses Prinzip auf die wahrhaft dialektisch hintersinnige Formel gebracht: „ Nur die Wirklichkeit der Bühne kann die Unwirklichkeit solchen theatralischen Geschehens naturgetreu vermitteln.“

Das Modell könnte auch Kafka gefallen haben. Denn ob Verzweiflung, Katastrophe, Ordnung, Sinn oder nicht Sinn: Nach Art eines kuriosen „concetto“ sind Kosmos und Guckkastenbühne eins, in ihren Hervorbringungen allenfalls Comics. Zumal gern vergessen wird, dass Kafka nicht wenige seiner Texte eher als Humoresken denn als Horrorstücke empfand. Es gibt also gute Gründe, dem wohlfeil „Kafkaesken“ auf Bühne und Leinwand zu misstrauen. Wer die Kafka-Adaptionen des italienischen Avantgardetheater-Ensembles um Giorgio Barberio Corsetti gesehen hat, wird sich womöglich erinnern, wie da ästhetische Immanenz von labyrinthischem Bühnenbild und abstrakt-grotesker Choreographie weit mehr von Kafkas Ausweglosigkeit vermittelten als das Gros der Gruselstimmungen.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenKultur