Kafkas Sätze (58)

Schwere und Leichtigkeit

Von Susanne Klingenstein
 - 12:37

Ich bin nicht von der allerdings schon schwer sinkenden Hand des Christentums ins Leben geführt worden wie Kierkegaard und habe nicht den letzten Zipfel des davonfliegenden jüdischen Gebetsmantels noch gefangen wie die Zionisten. Ich bin Ende oder Anfang.

Dieser Satz erscheint unter dem Datum 25. Februar im vierten Oktavheft am Ende eines Eintrags, der mit dem Wort „Morgenklarheit“ beginnt. Kafka versteht plötzlich, dass es nicht „Trägheit, böser Wille, Ungeschicklichkeit“ sind, die ihm „alles mißlingen“ lassen, sondern „es ist Mangel des Bodens, der Luft, des Gebotes. Diese zu schaffen ist meine Aufgabe . . . Es ist sogar die ursprünglichste Aufgabe oder zumindest ihr Abglanz, so wie man beim Ersteigen einer luftdünnen Höhe plötzlich in den Schein der fernen Sonne treten kann.“

Dann reflektiert Kafka über die Hilfsmittel, die ihm zur Lösung der Aufgabe zur Verfügung stehen und schließt: „An dem geringen Positiven sowie an dem äußersten, zum Positiven umkippenden Negativen, hatte ich keinen ererbten Anteil.“ Nun erst folgen, den Absatz abschließend, die beiden eingangs zitierten Sätze. Das letzte Wort „Anfang“ nimmt dabei den heiteren Ton des Eröffnungswortes „Morgenklarheit“ wieder auf. Der Eintrag ist eine der entspanntesten Reflexionen Kafkas über die unlösbare Aufgabe, die er sich in seinem Schreiben stellte, nämlich die metaphysische Unbehausung des Menschen zu erfassen und in eine Erträglichkeit zu verwandeln. Kafkas Ton mag so leicht sein, weil er sich an diesem Morgen vom persönlichen Versagen frei fühlt, und so gelingt ihm der ungemeine witzige Vergleich der untergehenden Großreligionen.

Herrliche Erlösung

Ich hörte diesen Satz zum ersten Mal 1981 in Heidelberg in einem überfüllten Kafka-Seminar, schüchtern zwischen strickenden Frauen und eifernden Theologen. Ich wusste nichts über Kierkegaard, aber viel über die physische Unerträglichkeit des Jüdisch-Seins. Ich war bezaubert von der Leichtigkeit des Bildes, das Kafka für die Last des Judentums gefunden hatte: ein davonflatternder Talit, der in die Weite entschwindet. In der Tat haben die Zionisten seinen letzten Zipfel gefangen und in die begrenzte Materialität eines jüdischen Staates verwandelt. Wer die israelische Flagge anschaut, sieht, dass es ein davonfliegender Gebetsmantel ist. Kafka erkannte die metaphysische Absurdität des Unternehmens, ohne es zu verdammen.

Die Brillanz seines Satzes liegt im dynamischen Kontrast zwischen der Schwere des sinkenden Christentums und der Leichtigkeit des sterbenden Judentums. Denn in der konventionellen Ikonographie ist es immer umgekehrt: das Christentum verflüchtigt sich durch Auferstehung nach oben in die Immaterialität, während das Judentum, durch göttlichen Zorn schwer bestraft, zu Boden sinkt. Wie herrlich, sich bei Kafka einmal so luftig flatternd erlöst zu finden. Von diesem schwerelosen Ende aus wollte Kafka an diesem Morgen seine Aufgabe beginnen und Boden, Luft und Gebot neu erschaffen.

Quelle: F.A.Z.
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