Kafkas Sätze (61)

Keine Ahnung von Unrecht

Von Kurt Flasch
 - 13:22

. . .weint er, ohne es zu wissen.

Kann man weinen, ohne es zu wissen? Dass jemand weint, ohne den Grund dafür zu wissen, das kommt vor. Sogar das gibt es, dass jemand weint, nur damit die anderen wissen, dass er geweint hat. Kleine Kinder können das. Und im Mittelalter, als man mit seinen Gefühlen etwas offener Politik trieb als heute, weinten manchmal Könige bei Verhandlungen, nur damit alle wussten: Der König hat geweint. Aber kann man weinen, ohne es selbst zu wissen?

In Kafkas kleiner Erzählung „Auf der Galerie“ passiert es einem jungen Mann, einem Zirkusbesucher, der Anteil nimmt an einer Kunstreiterin kurz vor dem Salto mortale. Der Text geht auf gut eine Seite. In der ersten Hälfte wird die Reiterin vorgestellt, als treibe der kalte Geschäftssinn des Zirkusbesitzers sie in diese Gefahr und als amüsiere das kaltstaunende Publikum sich darüber. Wäre es so, wäre die Ausbeutung sichtbar und fühlbar, dann würde vielleicht ein junger Galeriebesucher die lange Treppe von der Galerie hinabeilen, würde sich in die Manege stürzen und ein mächtiges Halt! rufen. Aber so ist es nicht. Die zweite Hälfte der Erzählung sagt, wie es wirklich ist: Der Direktor zeigt sich rührend besorgt. Er zögert, das Peitschenzeichen zu geben, er gibt es schließlich in Selbstüberwindung. Er läuft offenen Mundes neben dem Apfelschimmel her, hebt schließlich liebevoll die Kleine vom zitternden Pferd: Sie wirft glücküberströmt Küsse ins Publikum - da dies so ist, legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und weint, ohne es zu wissen.

Unterhalb der Bewusstseinsschwelle

Ein Eingreifen, gar ein spektakulärer Protest, lohnt sich nicht mehr. Die Handelnden haben sich dem objektiven Vorgang mit Leib und Seele eingefügt. Sie haben kein Innen, das sich dem Außen entgegenstellt. Sie sind gut funktionierende Teile des Geschehens; sie haben nicht nur ihren Leib, sondern ihr Gefühl abgegeben an den Prozess. Ihre klatschenden Hände sind eigentlich Dampfhämmer, heißt es. Sie funktionieren, und was das Schlimmste ist, ihre Seele funktioniert mit. Die Mechanisierung hat alles erfasst. Der junge Mann auf der Galerie versinkt in diese Situation hinein; er kann sein Bewusstsein dem Geschehen nicht gegenüberstellen, mit dem alle zufrieden sind.

Er nimmt nicht Stellung; er sieht nichts, dem er sich gegenüberstellen könnte. Das, was er sieht, verläuft glatt und harmonisch. Keine Ahnung von Unrecht blitzt auf. Die Reiterin teilt ihr Glück mit dem ganzen Zirkus. Jeder Protest würde verhallen, nur der Körper und die Seele des Besuchers treiben Tränen hervor, unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Man könnte sein Weinen „systemisch“ nennen; personal ist es nicht mehr. Alle sind zu Rädchen geworden; die Bedingungen für das persönliche, bewusste Weinen sind verschwunden. Der Leser kann statt der Kunstreiterin an einen Proletarier denken, der ausgebeutet wurde, aber stolz darauf war, dass er bei Krupp arbeiten durfte. Es gibt viele Formen, das eigene Unglück zu bejubeln.

Die Mitleidlosigkeit ist allumfassend

Kafkas Handschrift mit dieser kleinen Szene ist nicht überliefert; die Erzählung ist 1919 im Druck erschienen und aller Wahrscheinlichkeit um die Jahreswende 1916/1917 entstanden. Der Weltkrieg war an seinem Höhepunkt angekommen. Es war die Zeit von Verdun und der Schlacht an der Somme. Das Unglück war größer, als man fassen konnte; Hugo Ball reagierte mit Lautgedichten, die die Satzform zerstörten. Kafka nennt den Krieg mit keinem Wort; seine Szene spielt im friedlichen Vergnügungsleben. Und selbst hier ist die Mitleidlosigkeit allumfassend und unfassbar. Kafka sagt nicht, sie sei unfassbar; er gestaltet die Unfassbarkeit. Sie hebt den Subjektcharakter des Besuchers auf. Er versinkt wie in einem schweren Traum. Er legt den Kopf auf die Brüstung und weint, ohne es zu wissen.

Sunt lacrimae rerum, steht bei Vergil. Die Sachen selbst weinen. Kafka kennt Situationen, in denen die optische Geschäftigkeit des Halt!-Rufens erstirbt. Wir, wenn wir genauer hinsehen, kennen sie auch.

Kurt Flasch, Jahrgang 1930, lehrte Philosophie des Mittelalters in Bochum. Zuletzt erschien sein Band „Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire“.

Quelle: F.A.Z.
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