Wie man den Rock'n'Roll überlebt

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Auch wenn es reizvoll klingt, dass Peter Bogdanovich einen Film über Tom Petty & The Heartbreakers gedreht hat - man muss da nachfragen: warum gerade er? Es hatte sich so ergeben. Die Band plante für den September 2006 zum dreißigjährigen Bestehen ein Jubiläumskonzert in ihrer Heimatstadt Gainsville, Florida; und einen Regisseur, der das filmen sollte, hatte man schon (Joe Thomas). Aber irgendjemand kam auf die Idee, bei der Gelegenheit könne man auch gleich eine ganze Dokumentation über die Band drehen, und dafür musste ein richtig großer Name her.

Martin Scorsese, der schon The Band, Bob Dylan und die Rolling Stones im Kasten hat, wäre zu einfallslos gewesen. So kam man, eher beiläufig, auf Peter Bogdanovich, was schon deshalb passend erschien, weil Bogdanovich ein Fachmann fürs Melancholische ist. Denn wenn es sich darum handelt, die Geschichte einer langlebigen Band zu dokumentieren, dann wird man auch vom Verlust der Jugend und mancher Illusion erzählen müssen, davon, wie es ist, einfach immer älter zu werden, während, auf eine ebenso tieftraurig stimmende Weise, sich manche Dinge eben doch nie ändern - wer wäre dazu mehr berufen als der Regisseur von Filmen wie "Paper Moon", "Nickelodeon" und "The Last Picture Show"? Das Problem war nur: Peter Bogdanovich hatte noch nie etwas von Tom Petty & The Heartbreakers gehört, jedenfalls nicht, dass er das wüsste.

Wenn man sich den vierstündigen Film (der auf zwei DVDs verteilt ist; eine weitere zeigt das Jubiläumskonzert, eine CD bringt dann noch weitere, seltene Petty-Musik) dann aber angesehen hat, dann - und ein größeres Kompliment kann man Bogdanovich eigentlich gar nicht machen - weiß man endgültig, dass Tom Petty und seine Heartbreakers eine der wichtigsten, schlagkräftigsten Rock 'n' Roll-Bands überhaupt sind. Dazu wurden sie weiß Gott nicht über Nacht. Das Debütalbum von 1976 verkaufte sich zunächst weniger als schleppend; erst mit dem Umweg über England kamen das Lied "Breakdown" und das ganze Album groß raus - mit dem Ergebnis allerdings, dass diese Erzrocker, die damals schon alle Spielarten des harten Rock, Country, Folk und Rhythm&Blues beherrschten, hinterher erst einmal damit zu tun hatten, den ihnen in Europa frech angehefteten Ruf, sie seien eigentlich Punker, wieder abzuschütteln. Das gelang, und so konnte auch die zweite Single "American Girl" mit ihrem bei den verehrten "Byrds" geklauten flirrenden Sound ungehindert über den Äther gehen und sogar später noch einmal zum Einsatz kommen, als in Jonathan Demmes "Schweigen der Lämmer" die dickliche Senatorentochter fröhlich im Auto sitzt und dem verrückten Killer direkt in die Arme fährt.

"To make a good rock and roll album, it takes a lot of time and consideration" - Tom Petty muss es wissen, denn er hat noch nie ein schlechtes gemacht; selbst die Zusammenarbeit mit Jeff Lynne, die zwei sehr erfolgreiche Platten abwarf, aber von Petty-Fans und den übrigen Bandmitgliedern als zu weit gehendes Zugeständnis an den Massengeschmack betrachtet wurde, gewinnt in der Rückschau vorteilhafte Kontur. Der überaus geschmeidige, sehr entspannte Klang nötigte auch Rick Rubin, der später Pettys beste Platten produzieren sollte, höchsten Respekt ab. Und dieser Phase entstammt einer der mitreißendsten Petty-Songs überhaupt, der auch den Titel zur Dokumentation abgibt: "Runnin' Down a Dream".

Um Wertungen kümmert sich Bogdanovich indes nicht, wie es auch keinen Kommentar aus dem Off gibt, der einem alles erklärt. Stattdessen kommen neben den nun doch schon etwas knitterig aussehenden Musikern (Jahrgang 1952 aufwärts) Kollegen, Kritiker und Produzenten zu Wort, die nicht platt lobhudeln, aber doch voller ehrlicher Bewunderung sind: Jackson Browne, Stevie Nicks, Roger McGuinn, Dave Grohl, Rick Rubin, Jimmy Iovine, Johnny Depp. Sie und viele andere fängt Bogdanovichs Kamera für Interviews ein, die so geschickt geschnitten sind, dass sich eine ganz unprätentiös chronologisch vorgehende Erzählung daraus ergibt, die durchaus nicht von Euphorie, sondern eher von Sachlichkeit und einem leisen melancholischen Grundton getragen ist.

Mehr als dreihundert Stunden Archivmaterial, darunter vieles auf Acht-Millimetermaterial, haben er und der Produzent George Drakoulias gesichtet. Dass es überhaupt so viel Material über diese Band gibt, ist erstaunlich und ein wahrer Segen. Auch die Vorgängergruppe "Mudcrutch", die nie ein Album eingespielt hat, wird wieder lebendig - jetzt auf doppelte Weise, denn Tom Petty ist mit den alten Kumpanen ins Studio gegangen und hat das Versäumte nachgeholt. Die gerade bei Reprise/Warner erschienene, unbetitelte Platte klingt natürlich nicht viel anders als das, was wir von Petty gewohnt sind, ein schönes, mit sympathisch-lässiger Ambitionslosigkeit aufgenommenes Album, eingespielt mit der Kernbesetzung der späteren Heartbreakers: außer Petty der Gitarrist Mike Campbell und der Organist Benmont Tench - perfekte Instrumentalisten und sehr ernste, unbestechliche Künstler, die hier und da durchblicken lassen, dass es mit dem charismatischen, aber offenbar absolut allürenfreien Chef auch nicht immer einfach gewesen ist.

Der hat sich weiß Gott durchgebissen und sich nicht kleinkriegen lassen von der Plattenfirma MCA; von dem Brandanschlag auf sein Haus in Malibu; von der Scheidung, die das gewaltig zerklüftete Album "Echo" (1999) inspirierte. Auch wenn es darum ging, die passenden Mitstreiter zu wählen, war er nicht zimperlich: berührend das immer noch enttäuschte Gesicht des hinauskomplimentierten Schlagzeugers Stan Lynch, traurig das Schicksal des unrettbar haltlosen Bassisten Howie Epstein.

"It's a goddamn impossible way of life", hatte Robbie Robertson 1976 zum letzten Walzer von The Band gesagt. Tom Petty & The Heartbreakers haben diese scheinbar ewige Rock 'n' Roll-Wahrheit so inspiriert wie zäh widerlegt. EDO REENTS

Quelle: F.A.Z.
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