Isabel Allendes Thriller

Der Killer ist ständig unter uns

Von Rose-Maria Gropp
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Die chilenische Erfolgsautorin Isabel Allende hat mit einundsiebzig Jahren ihre erste Detektivgeschichte geschrieben. Im Frühjahr kam „El juego de Ripper“ heraus, das Ripper-Spiel. Der Titel der amerikanischen Übersetzung lautet schlicht „Ripper“, Lustmörder. Die deutsche Übersetzung erscheint heute, übrigens an ihrem zweiundsiebzigsten Geburtstag, als „Amandas Suche“. Das klingt deutlich sanfter und ist vom Verlag als Roman über das „kostbare Band zwischen Müttern und Töchtern und die lebensrettende Kraft der Familie“ angekündigt, vielleicht als Köder für die klassische Leserschaft, die Allende seit „Das Geisterhaus“ treu folgt. Dabei geht es tatsächlich um einen Serienmörder, dessen Raffinement nicht zu unterschätzen ist. Und all diejenigen, denen der magische Realismus in der Literatur nie so recht das Herz erwärmen konnte, erleben eine ausgesprochen angenehme Überraschung, angesichts bisweilen eiskalter Geschehnisse.

„Ripper“ ist der Name eines Spiels, das eine Gruppe über die Welt verstreuter Jugendlicher im Internet zusammenführt, zunächst um das fiktive Rätsel um Jack the Ripper zu lösen, mit verteilten Rollen. Alle sind beschädigt, ein querschnittsgelähmter Junge, einer mit einer Angstneurose, der seine Wohnung seit zwei Jahren nicht mehr verlässt, und ein afroamerikanischer Waisenknabe in einem Institut für Hochbegabte, dazu ein magersüchtiges Mädchen, das ständig an der Grenze des Verhungerns laboriert. Ihre Spielleiterin ist eben Amanda, sechzehn Jahre alt und die Woche über in einem katholischen Internat. Amanda zur Seite als „Scherge“ steht ihr Großvater Blake Jackson, im richtigen Leben Apotheker und vernarrt in seine ungewöhnliche und eigensinnige Enkelin.

Amanda Martín ist die Tochter einer drallen, alle Männer umwerfenden Blondine mit dem schönen Namen Indiana Jackson und des Polizisten Bob Martín. Indiana betreibt eine Praxis als begnadete Heilerin, will heißen mit diversen Massagetechniken, Reiki und Aromatherapie, ihr geschiedener Mann Bob ist der Leiter der Homicide Division, des Morddezernats von San Francisco.

Thriller und Sittenbild

Isabel Allende benutzt dieses vielversprechende Setting, um ein Personal auszukristallisieren, dessen verschlungene Lebenspfade sie auf 480 Seiten nachgerade zärtlich entfaltet. Über dem Handlungsstrang und seinen Zerfaserungen schwebt die Prophezeiung der Fernsehastrologin Celeste Roko, dass San Francisco ein „Blutbad“ bevorstehe. Ein erster Mord deutet darauf noch nicht wirklich hin. Der Hausmeister einer Schule wird mit einem in sein Gesäß gerammten Baseballschläger aufgefunden - ein Zeichen, aber wofür? Es geschehen weitere Morde, mit ähnlich unerklärlichen Merkmalen, an Personen, zwischen denen zuerst kein Zusammenhang erkennbar ist.

So kommt der Roman eine ganze Weile als Wolf im Schafspelz daher - in mehr als nur einem Sinn, doch nichts sei hier verraten. Bis die tödliche Bedrohung Amandas Mutter Indiana erreicht. Die „Ripper“-Spieler im Internet bündeln nun unter der Führung Amandas all ihre geistigen Energien auf die Rettung, und auch die Homicide Division unter ihrem Vater erkennt, dass ein serial killer vor der Vollstreckung seines Ziels steht. Die ungewöhnliche Zusammenarbeit verlangt der Realität doch ein wenig Magie ab.

So ganz aus ihrer Haut kann und will Allende nicht, und von einem joke hat sie gesprochen, weshalb ihr in Amerika auch ungewohnte Kritik entgegenschlug. Was dort zudem vielleicht nicht so gern gesehen wird, ist, dass ihr Roman tief in den Wunden der Vereinigten Staaten bohrt. Er ist auch ein Sittenbild deren gegenwärtiger Verfasstheit: in ihrer Überheblichkeit, ihrem Überwachungswahn und ihrer Verwundbarkeit. Dafür gibt sie einem - weniger magischen, eher mythischen - Paar entscheidenden Raum im Buch, dem Navy Seal Ryan Miller und seinem Begleiter, dem Hund „Attila“.

Suspense mit altmodischem Touch

In dem einstigen Elitesoldaten, dem ein Bein amputiert ist, weil es im Irak zerfetzt wurde, und seinem „Kriegshund“ reißt der Abgrund zwischen Hybris und Humanität auf. Attila, als Kanonenfutter ausgebildet, geriet in Afghanistan in eine Explosion, er ist auf einem Auge blind, er ist taub, und sein Körper ist von Narben übersät. Seine menschlichen Kameraden haben ihn gerettet, weil das dem Ehrenkodex der Kombattanten entspricht. Miller hat verschiedene Kohlefaser-Prothesen für sein Bein, die ihm weiterhin Extremtraining erlauben; Attila hat Reißzähne aus Titan, er gehorcht auf kleinste Zeichen, notfalls tötet er. Dieser Dyade, über die Schmerzgrenze hinaus gedrillt und in die zivile Gesellschaft zurückgeschleudert, gibt Allende eine entscheidende Rolle im Spiel auf Leben und Tod. Sie entkommt jeder Verherrlichung tumber Kampfkraft. Viel näher ist sie bei den Traumata, die eine hochfahrende Nation ihren Gliedern zufügt.

Alle Register des suspense werden gezogen. Gleichzeitig lässt Allende sich nicht in der Detailfreudigkeit beirren, mit der sie jeden Einzelnen behandelt: den feinsinnigen Bourgeois Alan Keller, Indianas Liebhaber am Rande des Ruins; den dauerbekifften liebenswerten Maler Matheus Pereira aus Brasilien; den Kellner Danny, der eigentlich zum Travestiestar berufen ist; oder die krebskranke Carol Underwater, die sich Indiana eng anschließt und deren Helfersyndrom anspricht. Allende macht das unglaublich geschickt, sie konstruiert ein schillernd lebensvolles Panoptikum - und solange wir lesen, ist der Killer unter uns. Sie lässt ihn mitlaufen im Erzählstrom, mit den anderen schrägen Zeitgenossen, in Indianas Praxis, im Morddezernat, im Stammcafé „Rossini“. So treibt sie das Rätsel auf die Spitze, bis zum wahrlich überraschenden Herzklopfen-Showdown. Und von diesem Ende her wird sichtbar, wie kunstvoll Allende die Fäden gesponnen hat; denn selbst die kleinste Bewegung, jede minutiöse Schilderung erhalten so ihren Sinn.

San Francisco und die Bay Area sind die geeigneten - krimiliterarisch vielfach erprobten - Orte für das Szenario, in dessen Eingeweiden sich Ethnien und Schicksale mischen. Die Stadt muss mit den Spätfolgen der Hippie-Bewegung genauso zurechtkommen wie mit der Erosion tradierter gesellschaftlicher Werte und mit Leid und Verbrechen an der Staatengrenze zwischen Kalifornien und Mexiko. Entsprechend sind die Anspielungen an die Klassiker des Genres reichlich, an die Methoden von Agatha Christie oder Arthur Conan Doyle, vor allem an die Milieustudien von Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Das bewirkt den ein wenig altmodischen Touch.

Nur ein joke also das Ganze? Eher doch ein risikofreudiges Crossover von Beschreibungslust und Spannungserzeugung. Isabel Allende hat gesagt, dass sie vor der Niederschrift als Einübung Kriminalromane gelesen habe. Kaum überraschend, dass sie es nicht auf die straffe Führung eines Stieg Larsson oder Jussi Adler-Olsen anlegt. Aber deren Terrorpotential schöpft sie aus. In „Amandas Suche“ schleicht das Böse auf Samtpfoten heran, um dann mit Wucht zuzuschlagen.

In ihrer Danksagung gönnt sich Isabel Allende eine wirklich witzige Pointe: Ihr Sohn, schreibt sie, habe die häufigen Logikfehler korrigiert, die ihre Leserschaft gern dem magischen Realismus zuschreibe. Nun ja, ob ein Hund wie Attila, der durch die Hölle gegangen ist, ganz von dieser Welt ist, sei dahingestellt. Aber jeder großartige Kriminalroman hat diese Momente, in denen das Unwahrscheinliche aufscheint.

Isabel Allende: „Amandas Suche“. Roman. Aus dem Spanischen von Svenja Becker. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014. 479 S., geb., 24,95 €.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Gropp, Rose-Maria (rmg)
Rose-Maria Gropp
Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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