Wildtierpark

Daheim, wo das Futter ist

Von Carmen Rindlisbacher, Kantonsschule Limmattal, Urdorf
 - 16:19

Sieh nur!“ Strahlend zeigt der kleine Junge auf das Rehkitz, das mit großen Augen scheu zwischen den moosbewachsenen Felsen hervorblickt. „Sei leise“, sagt die Mutter, „sonst erschreckst du es.“ Sie reicht dem Sohn einen Futterbrocken. Er geht mit dem Futter in der ausgestreckten Hand langsam auf das Kitz zu. Es weicht etwas zurück, dann sieht es, was der Junge in der Hand hat, und macht ebenfalls ein paar Schritte auf ihn zu, bleibt aber wieder stehen. Der Junge schnalzt mit der Zunge, das Kitz bewegt sich nicht. Er begreift, dass es ihm nicht aus der Hand fressen wird. und wirft ihm den Brocken zu.

Viele Hirsche und Mufflons lassen sich streicheln

Ein großer Teil des Tierparks Goldau im schweizerischen Kanton Schwyz dient Sikahirschen, Damhirschen und Mufflons als von Besuchern begehbares Gehege. Die Tiere sind mittlerweile so an die Menschen gewöhnt, dass sich viele von ihnen streicheln und füttern lassen. „Die Freilaufzone ist sicher eine gute Idee, und wir werden sie auch bestimmt noch längere Zeit beibehalten“, sagt Tierpfleger Markus Mettler, ein Mann um die vierzig mit braunen Haaren. Wie viele seiner Kollegen ist er aber nicht nur Tierpfleger, sondern hat auch eine Lehre als Schreiner hinter sich. Diese Fähigkeiten werden im Tierpark ebenso gebraucht, denn viele Dinge, wie zum Beispiel Transportkästen oder Sanitäranlagen, sind von den Pflegern selbst gemacht, um Kosten zu sparen. Beispielsweise gibt es in einem kleinen Raum neben dem Gehege der Otter einen von Mettler gebauten Kasten, um wenn nötig einen Otter einzufangen und in eine Transportbox zu lotsen.

Das Fleisch stammt teilweise aus Notschlachtungen

Im Park leben einheimische Wildtiere wie Luchse, Steinböcke, Wildkatzen oder Baummarder in Einzelgehegen, aber auch Wölfe und Bären in einem großen Gemeinschaftsgehege. Der Tierpark Goldau ist einer der sechs wissenschaftlich geführten Zoos in der Schweiz. Das heißt, dass er auch Forschung betreibt, an Projekten teilnimmt, wie zum Beispiel der Auswilderung von Bartgeiern. Außerdem werden alle verstorbenen Tiere in ein Forschungszentrum geschickt. Es wird dafür gesorgt, dass das Futter von guter Qualität ist und aus der Umgebung kommt. Aber hier muss man aufs Geld schauen. Das Fleisch stammt teilweise aus Notschlachtungen, und das Heu kommt zum Teil auch von den Bauernhöfen der Tierpfleger selbst.

Man wird das Gefühl nicht los, dass irgendetwas passiert ist

Für die Zubereitung und die Verteilung des Futters ist Mettler zuständig. Der Tierpark ist in zwei Reviere unterteilt, von denen er als Reviertierpfleger den unteren Teil des Parks mit Tieren wie Wildschwein, Waschbär und Wisent verwaltet. Das Areal scheint aus zerklüftetem Gestein und Geröll zu bestehen. Überall liegen Felsen aus Nagelfluh von zwei, drei Metern Höhe neben den Wegen. Das Moos und der Wald, der über weite Teile gewachsen ist, können diesen Eindruck zwar etwas abschwächen, aber trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass hier irgendetwas passiert ist. Die Erklärung für diese spezielle Landschaft ist der Goldauer Bergsturz von 1806. Damals stürzte eine Gerölllawine vom nahen Rossberg ins Tal und forderte mehrere hundert Todesopfer. 1925 wurde auf diesem Areal der Tierparkverein gegründet. Zuerst bestand der Park nur aus einem betretbaren Hirschgehege.

Orkan Lothar beschädigte das Rehgehege

Heute wird alles zu einem großen Teil durch Spenden finanziert, auf die der Park angewiesen ist, denn die einzigen anderen Einnahmen sind der Eintrittspreis, der kleine Souvenirladen am Ausgang und die kleinen Futterschachteln, die man kaufen kann. Für Abwechslung sorgen im Frühling und Sommer die Jungtiere. Sie dürfen zusammen mit den Muttertieren aufwachsen. Viele Tiere würden nicht an Ausbruch denken, meint Mettler. Das beweise eine Geschichte aus dem Jahr 1999, als die Schweiz vom Orkan Lothar heimgesucht wurde. Der Wind beschädigte Teile des Rehgeheges. Beim Neubau mussten die Rehe in die Freilaufzone entlassen werden. Sie seien ganz alleine wieder ins Gehege gegangen, als die Arbeiten beendet waren. „Die meisten unserer Tiere haben ihr Leben in ein und demselben Gehege verbracht. Sie wissen, wo ihr Zuhause und vor allem ihr Futter ist.“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenSchweiz