Tantiemen für die Enkel der Beatles

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theu. LONDON, 12. September. Die Enkel von Paul McCartney und John Lennon werden es den Politikern in Brüssel danken: Am Montag nickte der Ministerrat der Europäischen Union eine Gesetzesänderung ab, die sicherstellt, dass unter anderem die Erben der Beatles noch bis zum Jahr 2040 an den Plattenverkäufen ihrer Großväter verdienen. Nach jahrelanger Diskussion hat sich die EU dazu durchgerungen, den Urheberschutz auf Tonaufnahmen in Europa von bislang 50 Jahren auf 70 Jahre zu verlängern. "Let it be", das letzte Studioalbum der Beatles, ist im Mai 1970 veröffentlicht worden und hätte deshalb wie die zwölf vorherigen Alben der "Fab Four" in den kommenden Jahren seinen Urheberschutz verloren. Damit hätten die Musiker und ihre Plattenfirma EMI keinen Anspruch mehr auf Tantiemenzahlungen aus den Tonträgerverkäufen gehabt.

Für die Musikbranche, die in Brüssel jahrelange Lobbyarbeit betrieben hat, ging es um viel Geld: Zwar erwirtschaften die großen Plattenlabels den Löwenanteil ihrer Umsätze mit Neuveröffentlichungen. Aber dieses Geschäft ist riskant, teure Flops sind unvermeidlich. Populäre Altstars wie die Beatles, die Rolling Stones, Elvis Presley und Pink Floyd sind dagegen eine sichere Bank, da sie relativ verlässliche und weitgehend risikolose Einnahmen versprechen. Das macht die Hits der vergangenen Jahrzehnte, im Branchenjargon "Back Catalogue" genannt, kommerziell interessant.

Die Beatles sind das Extrembeispiel für den Oldie-Kommerz: Seit November 2010 ist ihre mehr als 40 Jahre alte Musik nach langem Hin und Her auch als digitaler Download erhältlich. Allein beim Marktführer iTunes wurden seither mehr als 1,3 Millionen Beatles-Alben verkauft. Auch die vor zwei Jahren auf CD herausgebrachten, klanglich aufpolierten "Remaster"-Versionen hatten sich glänzend verkauft und waren in vielen Ländern in die Musikcharts zurückgekehrt - obwohl sie kein einziges Lied enthielten, das nicht schon seit Jahrzehnten bekannt gewesen wäre.

In den Archiven des Plattenlabels EMI, das derzeit zum Verkauf steht, lagern noch zahlreiche andere Schätze aus den sechziger und siebziger Jahren, etwa Hits der Beach Boys und von Pink Floyd, die ohne die Verlängerung mittelfristig ihren Urheberschutz verloren hätten. Aber auch die Konkurrenz verdient mit. "Die Verlängerung des Urheberrechtsschutzes ist für alle Plattenfirmen mit umfangreichem Back Catalogue sehr wichtig", sagt der Musikexperte Ben Rumley vom britischen Beratungsunternehmen Enders Analysis. Der Weltmarktführer Universal Music etwa hat im vergangenen Jahr unter anderem das legendäre Rolling-Stones-Album "Exile on Main Street" aus dem Jahr 1972 neu aufgelegt. Auch dessen kommerzielle Restlaufzeit hat sich durch die Brüsseler Entscheidung in Europa mehr als verdreifacht.

"Das ist ein Sieg der Gerechtigkeit", kommentiert Frances Moore, die Geschäftsführerin des Verbands der Musikindustrie Ifpi, die Verlängerung des Urheberschutzes. Komponisten etwa genießen schon heute einen weitaus längeren Schutz. Auch junge Musiker profitierten indirekt von den längeren Tantiemenzahlungen, verspricht Moore, weil die Plattenfirmen das Geld, das sie mit den Altstars verdienen, in die Nachwuchsarbeit investierten. Viele Musiker im Rentenalter, die mit ihrer Musik nicht zu Millionären geworden seien, bräuchten zudem die Tantiemenzahlungen, um ihr Altenteil zu finanzieren. Diese Darstellung ist allerdings umstritten. "Hauptprofiteure werden die Superstars früherer Jahrzehnte sein und nicht Musiker, die irgendwann einmal ein paar mittelgroße Hits hatten", kritisiert etwa Ben Rumley. Ohnehin bekommen Musiker meist nur zwischen 5 und 15 Prozent des Verkaufserlöses als Tantiemen und damit etwa halb so viel wie die Plattenfirmen (siehe Grafik). In der EU war auch deshalb die Verlängerung des Urheberschutzes lange umstritten.

Die Musikbranche zieht unterdessen schon in die nächste Schlacht, dieses Mal auf der anderen Seite des Atlantiks. In den Vereinigten Staaten sind Musikaufnahmen zwar schon heute 95 Jahre lang geschützt. Aber ab 2013 verdienen die Labels womöglich bei Aufnahmen die dann mindestens 35 Jahre alt sind, nicht mehr mit. Unter bestimmten Bedingungen könnten die Tantiemen dann ausschließlich den Musikern zufließen, während die Plattenfirmen leer ausgehen könnten. Das sei nur gerecht, beschwerte sich in der "New York Times" zuletzt Don Henley, der Gründer der Eagles. "Die Musikindustrie hat eine Unmenge Geld mit diesen Aufnahmen verdient - mehr als die Musiker selbst."

Quelle: F.A.Z.
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