Biometrie

Werbung mit Gesicht

Von Lena Schipper, Dresden
Aktualisiert am 07.12.2012
 - 07:57
Faebook hat seine Gesichtserkennung inzwischen wieder zurückgezogen.
Die Gesichtserkennung verbreitet sich immer weiter - trotz Datenschutz-Bedenken. Ein Dresdner Unternehmen gehört zu den Marktführern.

Stellen Sie sich vor, es ist Samstag und Sie möchten einkaufen gehen. Sie steigen ins Auto und fahren in die Stadt. An der Parkhauseinfahrt des Kaufhauses schauen Sie in eine Kamera. Nach wenigen Sekunden begrüßt Sie eine freundliche Stimme persönlich und informiert Sie über aktuelle Sonderangebote, die zu Ihren Einkaufsgewohnheiten passen, bevor Sie Ihnen erklärt, dass Ihr Lieblingsparkplatz in Zone F heute leider schon belegt ist - direkt daneben ist aber noch einer frei. Dann öffnet sich die Schranke. Während Sie einparken, piepst Ihr Handy - Ihre Einkaufsempfehlungen sind jetzt auch elektronisch verfügbar.

Im April dieses Jahres tauchte ein solches Szenario in einem Arbeitspapier der Europäischen Union zu Datenschutzfragen im Bereich biometrischer Technologien auf - als „extremes Gedankenspiel“. Heute sitzt Alfredo Herrera, Geschäftsführer der Firma Cognitec, in dem Loft im Dresdner Nordwesten, das seine Büroräume beherbergt, und erklärt die Software, die genau dieses Gedankenspiel ermöglicht. Das Programm analysiert anhand von Filmausschnitten aus Überwachungsvideos Gesichtsmerkmale, die bei jedem Menschen einzigartig sind.

Umsatz von 7,6 Milliarden Dollar

Daraus errechnet es Alter, Geschlecht oder ethnische Herkunft einer Person. Und es kann die ermittelten Daten mit denen abgleichen, die schon im System hinterlegt sind, und so Personen und ihre Gewohnheiten eindeutig identifizieren. Das können Stammkunden sein, die dem Geschäft ihre Daten zur Verfügung gestellt haben - aber auch polizeilich registrierte Ladendiebe.

Das Programm funktioniere bisher zwar nur bei hochauflösenden Bildern zweifelsfrei, gibt Herrera zu. Außerdem kann man es noch austricksen, etwa, indem man das Bild einer anderen Person in die Kamera hält. Daran arbeiten seine Entwickler noch. „Aber diese Dinge sind grundsätzlich schon heute möglich.“

Herrera und seine Kollegen entwickeln seit fast 20 Jahren Software zur Gesichtserkennung. Als sich ihr früherer Arbeitgeber Grundig irgendwann weigerte, den damals noch wenig umsatzstarken Geschäftszweig weiter zu finanzieren, gründeten sie vor zehn Jahren die Cognitec GmbH. Seitdem ist die Biometriebranche rasant gewachsen. Laut einem Bericht der amerikanischen Marktforschungsgesellschaft Companies & Markets setzt die globale Biometriebranche im Moment rund 7,6 Milliarden Dollar im Jahr um. Im Jahr 2015 könnten es schon 12 Milliarden Dollar sein.

Wachstumsraten von 20 Prozent

Es ist immer noch ein Nischenmarkt - der Jahresumsatz von Apple allein ist rund zehnmal so hoch. Doch die Wachstumsraten bewegen sich im Bereich um die 20 Prozent. Selbst zu Hochzeiten der Finanzkrise brach das Geschäft anders als in anderen Wirtschaftszweigen kaum ein. Gesichtserkennung ist neben der Fingerabdruckanalyse der wichtigste Geschäftszweig; der Markt ist hochspezialisiert: „Wir haben weltweit vielleicht zwei, drei direkte Wettbewerber, die ähnliche Software herstellen“, sagt Herrera.

Für das Wachstum der Branche gibt es mehrere Gründe. Da ist das gesteigerte Sicherheitsbedürfnis westlicher Regierungen nach den Terroranschlägen des 11. September: Die Videoüberwachung im öffentlichen Raum hat sprunghaft zugenommen, biometrische Merkmale in Reisedokumenten sind innerhalb der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten seit Jahren verpflichtend, teils auch für Kinder.

Auch Herrera hat viele Kunden bei staatlichen Stellen: Seine Algorithmen helfen amerikanischen Führerscheinbehörden, Identitätsfälschung zu vermeiden, und der Bundesdruckerei, biometrische Reisepässe auszustellen. Britische Partnerunternehmen betreiben damit elektronische Passkontrollschalter an Londoner Flughäfen. Doch auch private Abnehmer schätzen die Programme: Viele Kunden kommen aus Südamerika, wo die Technologie vor allem eingesetzt wird, um den Zugang zu „gated communities“ zu kontrollieren, also gesicherten Wohnanlagen für Wohlhabende.

Proteste europäischer Datenschützer

Dank sprunghafter Qualitätsverbesserungen bei Kamera- und Computertechnik sind biometrische Verfahren auch für andere Anwendungen kommerziell interessant geworden. Facebook und Google haben durch Unternehmenszukäufe Gesichtserkennung in ihre sozialen Netzwerke integriert; New Yorker Werbetafeln können dank Gesichtserkennung Männer von Frauen unterscheiden und ihre Anzeigen entsprechend anpassen.

Das texanische Start-up „SceneTap“ experimentiert mit der Installation von Überwachungskameras in den Bars amerikanischer Großstädte, um seinen Kunden per Smartphone-App Informationen über Alter und Frauenanteil der Kundschaft zu liefern.

Das passiert nicht immer zur Freude der Nutzer: Facebook schaltete die automatische Gesichtserkennung nach Protesten europäischer Datenschützer im September innerhalb Europas wieder ab. SceneTap wurde bei der Einführung in San Francisco im vergangenen Sommer Opfer einer Internetkampagne erboster Barbesucher.

„Missbrauch ist das Problem“

Allerdings steht es bei Social-Media-Applikationen zumindest im Moment noch jedem Nutzer frei, die Funktion auszuschalten. Es gibt auch weniger harmlose Beispiele: Video-Gesichtserkennungssoftware, wie sie Cognitec herstellt, würde sich auch zur Identifikation von Demonstranten durch Sicherheitskräfte eignen. Schon weitaus simplere Varianten der Technik könnten unbemannte Waffensysteme bestücken.

Diese Marktpotentiale will Herrera nicht ausschöpfen. „Wir haben strenge Kriterien, was unsere Kunden betrifft“, sagt er. Sobald eine Technologie existiere, könne man nicht mehr ausschließen, dass sie früher oder später in die falschen Hände gelange. „Aber das Problem ist der Missbrauch, nicht die Technologie“, insistiert er.

Doch auch ohne diese Anwendungen ist er zuversichtlich, dass der Markt weiter wachsen wird. Er verkauft seine Algorithmen an Kreuzfahrtgesellschaften, die mit ihrer Hilfe Fotos der Gäste sortieren, und an Kasinos, die Spielsucht bekämpfen wollen - Kunden mit Suchtproblemen können sich freiwillig mit einem biometrischen Passbild beim Kasinobetreiber registrieren, um dank der Analyse von Überwachungskameras schon am Eingang abgewiesen zu werden.

Der deutsche Markt ist dabei allerdings relativ unwichtig: Die Menschen könnten es sich hier noch leisten, Wert auf ihre Privatsphäre zu legen, meint Herrera. Das gelte privat auch für ihn selbst: „Biometrische Kameratechnik kommt mir nicht ins Haus.“

Quelle: F.A.Z.
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