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Plagiat

Möge, wer nicht zitiert, vermisst werden und vergessen

Von Giuseppe Veltri
 - 09:36

Die aktuellen (vermeintlichen) Plagiatsfälle zwingen uns, über den Nachweis von Zitaten in allen Universitätsdisziplinen nachzudenken und möglicherweise umzudenken. Erst seit dem 18. Jahrhundert - durch das britische „Statute of Anne“ von 1710 - ist ein Buch als Objekt des Urheberrechtes geschützt, das später auf alle Produkte ausgeweitet wurde, auf die ein Urheberanspruch geltend gemacht werden kann.

Darf man aber grenzenlos und straffrei zitieren, wenn man den Autor angibt? Nicht bedingungslos. In den deutschen Ländern wird das Urheberrecht durch verschiedene Gesetze und Novellen geregelt, wobei die Länge des erlaubten Zitats, wenn es als solches gekennzeichnet ist, nicht ausdrücklich thematisiert wird.

In den Vereinigten Staaten diskutiert man den Umfang eines Zitates (fair use rule is short quotes), der eine ausdrückliche Genehmigung durch den Verlag erfordert. Das Urheberrecht besteht in der Regel in einem finanziellen Anspruch, der in den Geisteswissenschaften vom Verleger geltend gemacht wird. Der Verfasser bekommt bestenfalls Tantiemen und in Deutschland eine Entschädigung durch die VG Wort.

Protos Heuretes

Alt ist das Urheberrecht also nicht. Von der Antike bis in die Frühe Neuzeit ging man mit Texten frei um, obwohl gleichzeitig das Recht des Erfinders sehr geschätzt wurde. Die antike Literatur kennt kein Copyright, obschon sie sehr gern eins gehabt hätte, hätte sie gewusst, wie dieses Recht einzuklagen gewesen wäre. Die antiken Autoren beschwerten sich jedoch, wenn ein „Räuber“ ihre eigenen Werke weiterverkaufte. Schon der römische Dichter Martial klagte darüber, dass es Menschenräuber gebe, die seine eigenen Epigramme wie Sklaven gestohlen und weiterverkauft hätten, Sklavenhändler, Menschenräuber, plagiarius eben.

Beschwerden gab es auch, wenn kein Plagiat vorlag, wie im Falle der antiken und mittelalterlichen Proteste von Juden und Christen gegen den „Raub der Wissenschaften“. Bekannt sind ihre Klagen, dass die Griechen und die Römer erst recht nicht alles selbst erfunden, sondern sich des Öfteren der Fälschung und der Hehlerei schuldig gemacht hätten. Dazu kann auf den Topos des Protos Heuretes (“Erster Erfinder“) verwiesen werden, der in jüdischen und christlichen Texten so aufgefasst wird: Weder die Buchstaben des Alphabets, geschweige denn die Technik, Kunst und Staatsverfassung hätte die Griechen neu erfunden, sondern reichlich und genussvoll von anderen Völkern (vor allem aus der Tora) abgeschrieben und als eigene Entwicklung betrachtet.

Die literarische Dynamik des „Ersten Erfinders“ ist eine apologetische Antwort auf die Vorherrschaft der Griechen in einer Zeit, in der die hellenistische Kultur und das aufkommende Römische Reich beinahe eine Monopolstellung innehatte, die die angrenzenden, unterjochten Kulturen beunruhigte. Angesichts der eindringenden Macht der griechischen Philosophie, Literatur und vor allem der neuaufkommenden Wissenschaften (Medizin, Mathematik und so weiter) fühlten sie sich überflüssig, der eigenen Tradition und Kultur beraubt. Daher ihre Klage über Erfindungen, die keine waren.

Verschleierung als Schutz vor Plagiaten

Es wäre jedoch naiv, zu glauben, dass die antiken Gelehrten und Autoren nur die Suche nach der Wahrheit vor Augen hatten, ohne auf das Menschliche, das Wirtschaftliche Wert zu legen. Nun, mit bestimmten Texten lässt sich der eigene Ruhm pflegen, durch andere auch der Geldbeutel. Die Schrift oder die Wissensquelle wird daher zum ökonomischen Faktor, der nicht zu unterschätzen ist. Wohl deshalb hat man schon in der Antike und im Mittelalter alle möglichen Taktiken angewendet, um ökonomischen Schaden abzuwenden.

Für den Schutz eigener Erfindungen gab es einfache Methoden: Verfasser von populärwissenschaftlichen Büchern, von Sammelwerken über den Alltag und alltägliche Bedürfnisse haben ihre Rezepte und vor allem die Ingredienzien häufig so verschleiert, dass der Kunde unbedingt den Verkäufer/Medizinmann als Fachmann braucht. Liest man solche Bücher, findet man Zutaten, die eher zum Tod führen, als dass sie Heilung hätten bewirken können. Das ist nicht immer auf antike Ignoranz zurückzuführen, sondern auf die wirtschaftliche Verschleierungskunst, Heilpflanzen oder praktische Anwendungen mit kodierten Namen zu versehen, damit kein Unbefugter das Medikament herstellen kann.

Die Dekodierung von auf diese Weise geschützten Medikamenten hätte in der Regel den Ruin des Verkäufers zur Folge gehabt, der meist auch seine gesamte Existenz in Frage stellte. Ihres Verdienstes beraubt, haben einige Selbstmord begangen, wie eine talmudische Quelle berichtet. Auch das „Statute of Anne“ verweist auf die Gefährdung der Existenz, die von einem solchen Raub ausgeht

Ein Fluch soll abschrecken

Eine weitere Methode zum Schutz eines Buches oder von Buchrezepten war die Verschriftlichung von Fluchformeln gegen diejenigen, die es verfälschen, stehlen oder weiterverkaufen, eine Praktik, die sich bis ins Mittelalter gehalten hat. Gewöhnlich wird Eike von Repgow, der Verfasser des „Sachsenspiegels“ zitiert, der jedem, der sein Buch verfälschte, Aussatz an den Hals wünschte. Ein mittelalterlicher Text aus der berühmten Geniza (Lagerraum) der Ezra-Synagoge in Kairo ist diesbezüglich sehr deutlich.

Es handelt sich um eine Schutzschrift gegen diejenigen, die eine Torarolle weiterverkaufen oder zum Weiterverkauf stehlen: „Wer verkauft oder stiehlt oder sie wegnimmt in der Absicht, sie zu verkaufen oder zu stehlen, sei verbannt durch den Bann des Gottes der Herrscharen. Er soll verflucht sein durch 98 Strafandrohungen. Möge Gott sich weigern, ihm zu vergeben . . . Möge Gott seinen Namen unter dem Himmel auslöschen; seine Kinder sollen Waisen werden und seine Frau eine Witwe (Psalm 109,9). Möge er vermisst werden, zerstört, und sein Name möge aus dem Buch des Lebens ausgelöscht werden (s. Ex 32,32).“ Unter diesen Prämissen hätte wohl keiner gewagt, etwas zu zitieren, ohne den Autor anzugeben und ihn oder sie sogar zu bezahlen.

Kommentar oder Zitat?

Die jüdische Literatur hat ihrerseits aber auch Schüler angehalten zu zitieren, was sie gehört hatten. In der Tat ist das direkte oder indirekte Zitat das einzige Merkmal, das die Nachhaltigkeit eines Werkes, die Ewigkeit eines Textes oder einer Tradition belegt. Texte, die nie gelesen, beachtet oder auswendig gelernt wurden, sind selbstverständlich auch diejenigen, die nicht zitiert und kommentiert wurden und umgekehrt.

Auch heute wird bei Berufungen in bestimmten Universitäten nicht auf die tatsächlichen Publikationen Wert gelegt, sondern auf die Häufigkeit der Zitierung in wissenschaftlichen Beiträgen, Zeitschriften und Rezensionen. Die Rezeption wird zur Waagschale und zum Wahrheitskriterium der Wissenschaftlichkeit.

Eine gefährliche, aber durchaus gerechtfertigte Methode, die sich zwischen Kommentar und Zitat abspielt, zwischen denen es allerdings einen Unterschied gibt: Während der Kommentar eines Textes über seine Kanonizität entscheidet, ist das Zitat für das Wachstum der literarischen Tradition verantwortlich. Und so lautet das berühmte rabbinische Diktum in seiner mittelalterlichen Fassung: „Sag es im Namen dessen, der (das Zitierte) erkundet hat“ (Avot 6,6). Auf diese Weise - so meinen die Rabbiner - kannst du eine Tradition bilden. Ein guter Ansatz auch heute.

Der Verfasser lehrt Judaistik an der Universität Halle-Wittenberg.

Quelle: F.A.Z.
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