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Die Protokolle von Toulouse

Wir reden hier von Muslim zu Muslim

Von Karen Krüger
 - 19:20
Am Morgen des 22. März 2012 stürmt die Polizei von Toulouse die Wohnung des Attentäters Merah, er wird von Scharfschützen erschossen

„Und, was willst du jetzt machen?“

„Keine Ahnung, ich glaube, ich möchte mich stellen, doch Wallah, ich krieg das noch nicht so richtig klar im Kopf.“

Der Flur in einem Wohnblock. Fahles Morgenlicht. Es ist Mittwoch, der 21. März 2012. Zwei Männer, zwischen ihnen eine von Geschossen durchlöcherte Haustür. Sie beide sind Kinder nordafrikanischer Einwanderer, beide französische Staatsbürger, Muslime. Der eine, Hassan, arbeitet für den französischen Geheimdienst. Der andere, Mohammed Merah, hat in den vergangenen Wochen sieben Menschen getötet: In Montauban erschießt er am 11. und 15. März drei Soldaten, vier Tage später ermordet er drei Kinder und einen Familienvater mit Kopfschüssen, sie warteten vor einer jüdischen Schule auf den Bus.

Frankreich fiel damals in einen Schockzustand, Sarkozy rief die höchste Stufe des Antiterrorplans Vigipirate aus, erstmals seit 1981. Die Medien berichteten live aus Côte Pavée, dem Stadtteil von Toulouse, wo Merah sich in seiner Wohnung verschanzt hatte. Fast 32 Stunden dauerte die Belagerung durch die Polizei. Sie endete mit dem Tod Merahs. Hassans Bemühungen, ihn zum Aufgeben zu bewegen, waren vergeblich gewesen.

Mehr als fünfzehn Stunden standen die beiden Männer immer wieder im Kontakt. Die Polizei nahm das über Walkie-Talkie geführte Gespräch auf, transkribierte es, 173 Seiten zählt die Niederschrift. Als Beweisstück für einen möglichen Prozess sollte es unter Verschluss gehalten werden - das Gespräch enthält die einzigen Erklärungen, die Merah jemals für seine Taten gegeben hat. Nun aber hat die französische Zeitung „Libération“ den Text ins Internet gestellt.

Hassan: „Hättest du auch mich getötet, wenn du die Gelegenheit dazu bekommen hättest?“

Merah: „Dir hätte ich direkt in den Kopf geschossen.“

Das Dokument zeigt ihn als Persönlichkeit, bei der das Kalkulierte und Eitle überwiegen. Reue kennt er nicht, hat für alles Begründungen parat, besonders religiöse. Und so geht es bei dieser Unterhaltung nicht nur darum, einen religiösen Extremisten dazu zu bringen, seine Waffe niederzulegen - sie ist vielmehr ein Duell aus Worten zwischen zwei Muslimen, die ihren Glauben von Grund auf unterschiedlich leben und interpretieren. Das Gespräch liest sich wie ein Kammerspiel, nimmt einen mit zu dem Haus in Côte Pavée.

Dort ist es jetzt kurz nach sieben Uhr, vor wenigen Minuten hat Hassan das Haus mit der Nummer 17 in der Rue du Sergent Vigné erreicht. Die Wohnung im Hochparterre liegt im Halbdunkeln, die Straße ist abgeriegelt, Nachbarwohnungen sind evakuiert. Merah sitzt auf dem Boden in der Wohnung, die Waffe in der Hand, er hat gerade durch Klopfzeichen signalisiert, wo genau, also in welchem Zimmer und vor welcher Wand er sich befindet, darauf hat die Polizei bestanden, das sind die Regeln, wenn man bei einer Belagerung nicht versehentlich erschossen werden will. Überall sind Putz und Splitter, Wasser fließt aus zerschossenen Leitungen.

Merah war vorbereitet, ist unverletzt, trägt eine kugelsichere Weste: Um 3.15 Uhr hat die Polizei versucht, die Wohnung des „Motorroller-Mörders“ zu stürmen, wie ihn ganz Frankreich nennt, weil er auf einem Roller kam und mordete. Nun will die Polizei verhandeln, hat ein Walkie-Talkie über den Balkon ins Wohnzimmer geworfen, im Austausch schleuderte Merah seinen Colt heraus, er benutzte ihn bei den Attentaten. Das Walkie-Talkie liegt jetzt neben ihm. Noch aber redet Merah nicht. Er wartet auf Hassan, nach ihm hat er verlangt: Im November 2011 hatte der ihn ins Präsidium vorgeladen - der afghanischen Polizei war eine Reise von Merah durch Afghanistan verdächtig vorgekommen. Merah zeigte Hassan damals Fotos, die nach Urlaub aussahen. Er sei als Tourist am Hindukusch gewesen. Hassan glaubte ihm. Wäre er misstrauischer gewesen, lebten Merahs Opfer noch - auf der Reise damals fasste Merah den Entschluss, in Frankreich Menschen zu töten, die in seinen Augen den Islam bedrohen.

Es ist jetzt 7.34 Uhr, Mohammed Merah greift nach dem Walkie-Talkie. Er drückt den Knopf zum Sprechen, er weiß, dass Hassan jetzt da ist, ihn hören kann: „Weise seien die Worte unseres geliebten Propheten“, sagt Merah. Hassan: „Okay los geht’s, was war da damals los in Afghanistan?“ - „Ich habe meine Brüder dort gesucht, aber nicht gefunden. Das klappte erst in Pakistan.“

Merah ist 23 Jahre alt, Hassan etwa 40. Mal schlüpft er in die Rolle des strengen Polizisten, der die Belagerung schnell beendet haben will, dann ist er wieder der Typ verständnisvoller Kumpel. Er nennt Merah „Mohammed“ oder „Momo“: „Hast du genug zu essen?“, „Ist dir kalt?“ Merah: „Hör auf, meinen Verbündeten zu spielen, du bist mein Feind.“

„Ich will weder dein Freund noch dein Verbündeter werden“, sagt Hassan. „Ich möchte nur, dass du rauskommst und wir vernünftig reden. Es ist 2012 und nicht mehr die Zeit des Propheten, als überall kriegerische Stämme unterwegs waren. Man kann reden, ohne dass man sich gleich auf die Fresse hauen muss. Verstehst du das?“

„Was weißt denn du schon“, antwortet Merah. „Zu Zeiten des Propheten hat man auch diskutiert. Glaubst du etwa, die waren weniger intelligent als wir heute?“

Merah spickt seine Sprache mit religiösen Wendungen, wie es unter Strenggläubigen üblich ist, Hassan tut es ihm gleich. Am authentischsten wirkt er aber, wenn er auf Merahs religiösen Hass ratlos und betroffen reagiert: „Es mag sein, dass das Ganze“, also die Attentate, „für dich nichts weiter als ein Angriff auf Ungläubige ist. Aber für uns und für mich ist es eine Tragödie. Für mich ist das eine, ja, es ist eine echte Tragödie.“

Merah spricht Hassan ab, Muslim zu sein. Nur seine Lesart des Islams und jene seiner „Brüder“ sei die einzig wahre.

„Wir reden hier von Muslim zu Muslim“, sagt Hassan. „Okay?“

„Wie bitte“, fragt Merah. „Du willst dich Muslim nennen?“

„Was soll ich denn sonst sein? Ich bin Muslim, und wegen dir konnte ich heute Morgen nicht beten. Was ist mit dir, hast du gebetet?“

„Gelobt sei Allah, klar habe ich pünktlich gebetet, mit den Waffen in der Hand.“

Für Merah teilt sich die Welt in „wir“ (Salafisten) und „sie“ (einen modernen Islam lebende Muslime und „Ungläubige“). Als Franzose versteht er sich nicht, oberstes Gesetz ist für ihn der Koran.

“Im Koran steht alles geschrieben“, sagt Merah.

„Ja, stimmt“, antwortet Hassan. „Im Koran steht eine Menge. Aber dann werden diese Sachen ja auch noch interpretiert und oft aus ihrem Kontext gerissen.“

„Jetzt hör mal gut zu, Leute wie du wollen den Islam zerstören mit solchem Gerede, aber das lässt Allah nicht zu. Es geht hier nicht um irgendwelche Interpretationen, es geht um den Koran. Alle Verse des Dschihad, alle Verse, die uns sagen, dass wir unsere Feinde bekämpfen sollen, stehen im Koran, sind äußerst klar formuliert. Die Leute, die sich davon abwenden, weil sie die Verse anders übersetzen, sind alle Perverse. Sie flüchten vor der Realität, ohne das selbst zu merken.“

Merah möchte als Gotteskrieger angesehen werden: „Ich bin Dschihadist.“ Er dürfe deshalb töten. Alle Muslime Frankreichs sollen es ihm gleichtun - er möchte Vorbild sein. Hassan widerspricht:

„Ich habe noch nie meine Waffe gebraucht und bete jeden Tag darum, dass ich sie nicht gebrauchen muss. Du hingegen hast Muslime getötet - die Soldaten, die du erschossen hast, waren alle gläubige Muslime.“

„Das waren keine Muslime“, antwortet Merah. „Wie kannst du bloß so etwas behaupten, schließlich bekämpften sie die afghanischen Mudschahedin. Sie wollten verhindern, dass dort ein islamischer Staat entsteht. Das sind Soldaten, keine Muslime, und Allah hat mir erlaubt, dass ich sie auch auf französischem Boden töten darf.“

„Du weißt genauso gut wie ich, dass im Islam einzig Gott über Muslime richten darf. Niemand sonst hat das Recht dazu, es ist Sünde.“

„Wir haben das Recht, die Menschen nach ihrem Handeln zu beurteilen, aber wir dürfen nicht darüber richten, was in ihrem Herzen vor sich geht. Du bekämpfst den Terrorismus. Wir sind Terroristen, der Terrorismus ist für uns Muslime eine Pflicht. Was sagt Allah im Koran? ,Bereitet alles vor, was ihr an Reitern zur Verfügung habt, um die Feinde Allahs in die Flucht zu schlagen und auch alle anderen Feinde.’“

Hassan solle aufhören, für einen Geheimdienst zu arbeiten, der den Terrorismus bekämpft. Dann werde ihm Allah alle Sünden vergeben: „Wenn du so stirbst, wie du jetzt bist“, sagt Merah, „kommst du in die Hölle.“

Hassan unterbricht ihn. In Pakistan und Afghanistan gebe es oft Selbstmordattentate, bei denen die meisten Opfer muslimische Zivilisten sind:

„Was löst das in dir aus, wenn du siehst, dass deine bewaffneten Brüder andere Muslime töten, die sich gar nichts haben zu Schulden kommen lassen?“

„Meine Brüder töten keine echten Muslime“, sagt Merah. „Nur weil man betet, ist man noch lange nicht Muslim.“

Nach einer Pause, die Batterien müssen geschont werden, versucht sich Merah in Politik: „Mal ehrlich, glaubt ihr wirklich, dass ihr uns besiegen könnt?“

„Ich glaube gar nichts, ich lebe einfach mein Leben. Ich habe keine Mission, allein Gott weiß, was die Zukunft bringt“

„Klar weiß das nur Gott, aber ihr zieht eure Truppen aus Afghanistan ab. Schon jetzt, trotz der anderen Nationen, gelingt es nicht, die Taliban zu besiegen. Was wird passieren, wenn ihr ganz weg seid? Die afghanischen Soldaten werden ihre Waffen niederlegen, und es wird einen islamischen Staat geben.“

„Ich beschäftige mich nicht mit solchen Fragen. Ich bin aus Toulouse. Ich leb’ mein Leben, mach’ meine Arbeit, alles so gut ich es kann. Solche geopolitischen Fragen stelle ich mir nicht.“

Das Transkript des Gesprächs endet um 22.44 Uhr. Merah hatte schließlich eingewilligt, sich um 23 Uhr zu stellen: Er sollte sich bis auf die Unterhose entkleiden und auf den Balkon treten. Unter der Bedingung, dass man ihn schnell wieder anziehen werde, war Merah einverstanden. Dann aber zog er seine Entscheidung zurück: Er habe seine Mission als Dschihadist vollbracht, alles andere sei nicht wichtig, sagte er. Hassan versuchte ihn wieder vom Gegenteil zu überzeugen - vergeblich.

Am nächsten Morgen um elf Uhr stürmt die Polizei die Wohnung von Mohammed Merah. Er verletzt zwei Polizisten. Beim Sprung von seinem Balkon aus dem Hochparterre wird er von Scharfschützen erschossen. Ob es Hassan zuvor noch einmal gelungen war, Kontakt zu ihm aufzunehmen, ist nicht bekannt. Auf der ganzen Welt reagierten Muslime mit Abscheu auf Merahs Taten.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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