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Hochschulpolitik

Auszug des Geistes aus den britischen Universitäten

Von Katharina Laszlo
 - 11:38

Im Jahr 2006 bat das Alumni-Magazin der Universität Cambridge den Literaturwissenschaftler Stefan Collini, einen Beitrag für die Serie „Don’s Diary“ zu verfassen. Normalerweise nutzen Autoren diese Bitte, um spendierfreudige Ehemalige von der Bedeutung der eigenen Disziplin zu überzeugen. Collini wählte ein anderes Sujet: „Samstagmorgen gejätet (E-Mails), Empfehlungsschreiben verfasst und einen Protokollentwurf des Meetings vom Donnerstag. Als Nächstes auf dem Stapel liegt eine Anfrage für einen Bericht über die Tätigkeit einer Berufungskommission, deren externes Mitglied ich war - ein absolut überflüssiges Dokument, verlangt im Namen einer deplazierten Vorstellung von ,Rechenschaft‘. Fühle mich wie die zermürbte, überarbeitete mittlere Führungskraft eines unterfinanzierten Betriebs: Frage mich, was aus jugendlichen Träumen von intellektueller Begeisterung und literarischem Glanz geworden ist.“

An einem sommerlichen Abend zehn Jahre nach dem ernüchternden Tagebucheintrag sieht Collini immer noch nicht aus wie ein frustrierter Angestellter. Groß und hager sitzt er, umgeben von sehr vielen Büchern, nicht wenigen Polstermöbeln und keinem Telefon, in seiner Wohnung am Rand von Cambridge. Aber seine Stimmung ist nicht besser. Collini ist einer der schärfsten Kritiker der Bürokratisierung und Vermarktlichung der britischen Hochschulpolitik und einer der glühendsten Verteidiger der Geisteswissenschaften. In der „London Review of Books“ hat er unermüdlich Gesetzesentwürfe, Weißbücher und „unabhängige Berichte“ analysiert.

Bildung im Griff der Ökonomie

So auch die „Browne Review“ von 2009, eine von der Labour-Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung über die Zukunft der Universität. Vom ehemaligen British-Petrol-Geschäftsführer Lord Browne verfasst, empfahl diese Studie, den jährlichen „Block Grant“ von etwa 3,9 Milliarden Pfund auszusetzen, mit dem bis dahin die Lehre an Universitäten unterstützt worden war, und gab den Anstoß für den dramatischen Anstieg der Studiengebühren von rund dreitausend auf neuntausend Pfund. Für Collini war dies ein unmissverständliches Signal für eine Neudefinition der Universität: weg von der Idee höherer Bildung als öffentlichem, staatlich finanziertem Gut, hin zur marktgesteuerten Universität.

Dass Wissenschaftler in Großbritannien noch mehr als in anderen Ländern angehalten sind, die Effizienz ihrer Forschung zu messen und den Mehrwert ihrer Lehre zu demonstrieren, begründet man besonders gerne mit der „modernen Welt“. Kurz bevor er jungen Historikern ihre Zeugnisse übergab, verkündete Patrick Johnston, Vizekanzler der Universität von Belfast, in einem Interview in diesem Mai, die Gesellschaft brauche „keinen 21-jährigen, auf das sechste Jahrhundert spezialisierten Historiker“. Man müsse überlegen, wie man junge Menschen nach zurückliegenden Mittelkürzungen für die Anforderungen der modernen Welt wappne. Auch Soziologie und Anthropologie seien nicht mehr „relevant“ genug, weshalb man sie künftig nur noch in Kombination mit anderen Fächern studieren könne.

Der Business-Jargon solcher Einlassungen kommt nicht von ungefähr. Bis Juli war in Großbritannien das Department for Business, Innovation and Skills für die Hochschulpolitik zuständig, zu dessen Aufgabengebieten auch der Weltraum, das Postwesen und der Wettbewerb gehören. Inzwischen wird die höhere Bildung vom Department of Education verwaltet. Theresa Mays neue Bildungsministerin Justine Greening absolvierte erst ein Studium der Volkswirtschaftslehre, dann einen MBA an der London Business School und arbeitete vor ihrer politischen Karriere bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers.

Jedem Wissenschaftler sei klar, sagt Collini, „dass die Anforderungen an Universitäten in gewisser Weise leer sind und dass die Dinge, die wir sagen müssen, nicht viel bedeuten. Wir leben mit einem Vokabular, an das wir nicht glauben.“

Philologen als Spaßmacher

Die Abstumpfung des Geistes zeigt sich in den Fremdsprachen am deutlichsten. Immer weniger Studenten entscheiden sich für ein Studium der modernen Sprachen. Für das Fach Deutsch ist seit 2007 sogar ein Rückgang von mehr als 34 Prozent zu verzeichnen. Literatur- und kulturwissenschaftliche Aspekte des Fachs bleiben den elitären „Russell Group“-Universitäten vorbehalten, in weniger angesehenen Institutionen werden sie zugunsten des Sprachunterrichts gestrichen. Die Universitäten Anglia Ruskin, Brighton, Liverpool und Wolverhampton bieten statt Fremdsprachen-Abschlüssen nur noch „Language Courses“ an oder, wie es in Wolverhampton heißt: „Languages for Fun“.

An der University of Nottingham nahm die Universitätsleitung die sinkenden Bewerberzahlen in den Geisteswissenschaften zum Anlass, die gesamte „Faculty of Arts“ auf ihre Effizienz zu prüfen und sie anschließend einer „Umstrukturierung“ zu unterziehen. Das Institut für Germanistik muss bei der euphemistisch als „Portfolio Review“ bezeichneten Maßnahme besonders schlecht abgeschnitten haben. Nur durch massive Proteste konnte die Streichung von vier Stellen (bei 13,3 insgesamt) verhindert werden. Nun kommt ein Germanist in einem anderen Teil der Fakultät unter, eine weitere Stelle wird nicht wiederbesetzt, und ein Research Fellow, für den eigentlich eine feste Dozentenstelle vorgesehen war, erhält diese stattdessen in englischer Linguistik. Das Germanistik-Institut verbucht dies als Triumph.

Auf nationaler Ebene fallen die Geisteswissenschaften zwar keinen gezielten Kürzungen zum Opfer, doch die Entscheidung von Finanzminister George Osborne, die Naturwissenschaften bis 2020 von Kürzungen zu verschonen („einer der besten Wege, Unternehmen in der modernen Welt zu schützen, ist, die Naturwissenschaften zu schützen“), setzt sie indirekt unter Druck. Ähnliche Konsequenzen hat der 2015 ins Leben gerufene „Global Challenges Research Fund“, der interdisziplinäre Forschung zur Lösung großer globaler Probleme unterstützen soll.

Bewerbungen um Forschungsgelder für geisteswissenschaftliche Projekte müssen sich Kriterien stellen, die eher auf die Pharmaforschung passen. Sowohl britische als auch EU-Forschungsgelder zielen auf multinationale, interdisziplinäre Vorhaben. Kleinere Summen für individuelle Forschungsprojekte werden immer seltener ausgeschrieben. Zuschüsse für Archivforschung gibt es kaum noch.

Blut verkauft sich gut

Das Argument, die Geisteswissenschaften seien per Definition, vielleicht sogar bewundernswert nutzlos, aber verdorben durch Nutzenberechnungen, hat in Großbritannien eine lange Tradition. Es zieht sich seit dem neunzehnten Jahrhundert durch das Nachdenken über die Universität von John Stuart Mill über T. S. Eliot bis zum furiosen Plädoyer des Literaturwissenschaftlers F. R. Leavis gegen das „technologico-Benthamitische“ Zeitalter. Am sichtbarsten wird der Anti-Instrumentalismus heute in den heftigen Reaktionen auf „Impact“ als Bewertungskriterium für das Research Excellence Framework (REF), das 2014 eingerichtete System zur Verteilung der staatlichen Forschungsgelder.

In vielerlei Hinsicht ähnelt das REF seiner Vorgängerin, der Research Assessment Exercise (RAE), die bereits 1986 unter Margaret Thatcher eingeführt wurde: Institute reichen Arbeitsproben und Informationen ein, die anschließend von einem Gremium bewertet und mit einem Rating versehen werden, von dem die bewilligte Summe staatlicher Fördergelder abhängt. Doch im Jahr 2014 - und dies ist der entscheidende Unterschied - hingen erstmals zwanzig Prozent des Ratings davon ab, wie viel „Impact“ den Forschungsprojekten nachgewiesen werden konnte.

Laut den für alle Disziplinen geltenden Richtlinien hat ein Projekt dann „Impact“, wenn aus ihm „nachweisbare Vorteile für die breite Gesellschaft und die Wirtschaft“ folgen. Intellektueller oder akademischer Einfluss auf die Arbeit anderer Wissenschaftler reicht nicht nur nicht aus, er wird als Kriterium sogar ausgeschlossen. Auch die Lehre gehört nicht zu den „Impact“-Faktoren.

Wirkung mit einfachen Mitteln

„Impact“ wird den Universitäten nur dann bescheinigt, wenn sie nachweisen können, dass sie ihre „neuen Funde“ aktiv in die Außenwelt befördert haben. An der Universität Durham konnte ein Literaturwissenschaftler dokumentieren, dass seine Forschung zum „medizinischer Kannibalismus in der Frühen Neuzeit“ zu BBC-Sendungen mit Titeln wie „The people who drink human blood“ führte. Das Englisch-Institut in Durham schnitt danach deutlich überdurchschnittlich ab. Es ist dieses reduktive Verständnis von Wirkung, das den Eindruck erzeugt, die Geisteswissenschaften würden, wie es Collini einmal formulierte, „von einem für andere Zwecke bestimmten, unkontrollierten Panzer überrollt.“

Umso erstaunlicher ist die Selbstverständlichkeit, mit der Begriffe wie „Impact“, „Knowledge Exchange“ oder „Access“ ihren Weg in die Alltagssprache britischer Geisteswissenschaftler gefunden haben. Auf der Website der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Manchester steht unter „Forschung“ der Kasten mit „Impact“ an erster Stelle. Das zugehörige Bild zeigt eine Studentin neben einer afrikanischen Frau auf einem Feld. Beide halten lächelnd eine Zucchini in die Luft. „We’re making a difference to societies on a national and international level“, lautet die Bildunterschrift.

Definitionen des Nutzens

In ihrem 2013 erschienenen Buch „The Value of the Humanities“ untersuchte die Oxforder Literaturprofessorin Helen Small den Wert geisteswissenschaftlicher Forschung aus historischer Perspektive. Während des REF war Small für alle „Impact“-Angelegenheiten des Oxforder Englisch-Instituts verantwortlich. Über fast zwei Jahre hinweg habe der Prozess mehrere Stunden in der Woche in Anspruch genommen, sagt sie. Ist sie nicht wütend? „Ich kann die Rage einiger Kollegen durchaus nachvollziehen“, sagt Small. Aber es führe zu nichts, Nutzen und Nützlichkeit zu dämonisieren. „Die Geisteswissenschaften sind nützlich, weil sie Druck ausüben können auf die Art und Weise, wie Regierungen ,Nutzen‘ definieren und diesen messen.“

Ob solche Überlegungen Wirkung zeigen, ist eine andere Frage. „Sehr schlüssige Bedenken sind geäußert worden, aber es ändert sich nichts, jedenfalls nicht in unmittelbarer Zukunft, die Regierung verfolgt weiter ihren Kurs“, sagt Stefan Collini. Gerade berät das Parlament über ein Weißpapier mit dem vielversprechenden Titel „Success as a Knowledge Economy: Teaching Excellence, Social Mobility and Student Choice“, das unter anderem die Einführung eines sogenannten Teaching Excellence Framework vorsieht. Wird das Gesetz verabschiedet, könnten Universitäten bis zu 11 697 Pfund Studiengebühren verlangen, als unmittelbare Gegenleistung für die Lehre. Aber natürlich nur, wenn diese zuvor als „exzellent“ bewertet wurde.

Quelle: F.A.Z.
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