Militäreinsatz in Mali

Hollandes Alleingang

Von Michaela Wiegel und Thomas Scheen, Paris / Johannisburg
12.01.2013
, 19:13
Kampfbereit: Soldaten der radikalen Fraktion der Tuareg-Rebellen „Ansar al Dine“ im Juni 2012 im Nordosten Malis
Video
Frankreich wollte in Mali nicht intervenieren - bis sich Präsident Hollande anders entschied. Womöglich könnten auch deutsche Transall-Maschinen eine afrikanische Eingreiftruppe unterstützen.
ANZEIGE

Innerhalb weniger Stunden hat sich François Hollande vom Zauderer in einen Kriegsherren verwandelt. Als Vorkämpfer gegen den internationalen Terrorismus will er die Gunst der Franzosen zurückerobern. Ganz „Chef der Armee“, wie es die General de Gaulle auf den Leib geschneiderte französische Verfassung vorsieht, entschied er am Freitag im Alleingang über den Auslandseinsatz der französischen Streitkräfte – ohne Rücksprache mit den Volksvertretern. Erst an diesem Montag wird das Parlament informiert.

Das entspricht der vorgesehenen Drei-Tages-Frist, fällt aber weit hinter Hollandes Wahlkampfversprechen von einer „transparenten“ Präsidentschaft zurück. Auch deshalb ist der Sozialist jetzt bemüht, die Vereinten Nationen und die malische Staatsführung vorzuschieben, um seine plötzliche Kehrtwende zu rechtfertigen.

ANZEIGE

Wochenlang hatte er den auf der französischen Linken beliebten Diskurs bereichert, Frankreich könne nicht länger den Gendarmen in seinem früheren Kolonialreich spielen. Eine direkte militärische Intervention in dem von Zerfall bedrohten westafrikanischen Staat lehnte er ab. „Wir werden nicht intervenieren“, beschwor er in seinen Reden. Frankreich werde lediglich helfen, die afrikanische Einsatztruppe auszubilden und diese logistisch unterstützen. Hollande redete viel über eine „gleichberechtigte Partnerschaft“ mit den afrikanischen Staaten.

Frankreichs Staatspräsident François Hollande: Vom Zauderer zum Kriegsherrn?
Frankreichs Staatspräsident François Hollande: Vom Zauderer zum Kriegsherrn? Bild: dpa

Im Verteidigungsministerium jedoch wuchs die Nervosität. Von den entsendeten Ausbildern und Geheimdienstagenten kam die Rückmeldung, die versprochenen 3000 Mann der afrikanischen „Partnerstaaten“ seien frühestens im September einsatzbereit, wenn überhaupt. Die verworrene innenpolitische Lage in Malis Hauptstadt Bamako trug weiter dazu bei, dass Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian immer mehr Warn-Memos an den Präsidenten richtete. Die Meldungen von einem Vormarsch der aus libyschen Waffenarsenalen bestens bewaffneten islamistischen Krieger aus dem Norden Richtung Bamako rissen Hollande aus der Unentschlossenheit. Die Operation „Serval“, benannt nach einer Wüstenkatze, wurde aus dem Elysée-Palast gebilligt.

ANZEIGE

Schon in der Nacht von Donnerstag auf Freitag landeten die ersten französischen Transportmaschinen mit Soldaten sowie mehrere Kampfhubschrauber in der Nähe der Stadt Mopti. Die Zeit drängte. In Konna, einer Ortschaft nördlich von Mopti, der letzten von Regierungstruppen gehaltenen, größeren Stadt in Zentralmali, hatten die Islamisten zum Sturm auf den Süden angesetzt.

Video starten Video
Konflikt mit Islamisten
Frankreich greift in Mali ein

Die Aufständischen hatten dafür alle ihre Kräfte gebündelt: „Ansar al Dine“, die radikale Fraktion der Tuareg-Rebellen, war ebenso dabei wie Kämpfer von „Al Qaida im islamischen Maghreb“ (Aqmi) und der „Bewegung für Einheit und Djihad in Westafrika“ (Mujao), die beide als terroristische Vereinigungen gelten. Bislang unbestätigten Informationen zufolge sollen sogar Mitglieder der radikalen Sekte „Boko Haram“ aus Nigeria an dem Angriff beteiligt gewesen sein. Drei Tage lang hatte die ohnehin demoralisierte malische Armee versucht, dem Ansturm der auf 1200 Mann geschätzten Islamisten standzuhalten, dann war sie am Donnerstag aus Konna geflohen.

ANZEIGE

Am Freitag eröffneten französische Kampfhubschrauber, die zuvor im Nachbarland Burkina Faso stationiert gewesen waren, das Feuer auf die Stellungen der Radikalen, die sich unter schweren Verlusten zurückzogen. Der französische Verteidigungsminister bestätigte am Samstag, dass dabei ein französischer Pilot tödlich verletzt wurde. Unbestätigt blieben amerikanische Berichte, wonach dabei auch der Hubschrauber abgeschossen wurde.

Offenbar über 100 Tote

Laut der Nachrichtenagentur Reuters sind bei den französischen Luftangriffen und Kämpfen in Mali insgesamt mehr als 100 Menschen getötet worden, darunter Regierungssoldaten und Islamisten. Im Zuge der Kämpfe um die strategisch wichtige Stadt Konna seien "mehr als 100" Rebellen getötet worden, sagte ein Armeeoffizier am Samstag. Ein Ladenbesitzer in Konna sagte, er habe 148 Leichen gezählt, darunter Dutzende Regierungssoldaten. Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Mali sagte Reuters, es gebe "viele Tote auf beiden Seiten". Man habe die Rebellen aus Konna herausgedrängt. Da unklar sei, ob dort Minen gelegt wurden, rücke man aber nur mit äußerster Vorsicht vor.

Ein weiterer französischer Soldat kam in der Nacht zum Samstag in Somalia ums Leben. Dort hatten französische Sondereinheiten aus Djibouti versucht, einen seit Sommer 2009 von der mit Al Qaida verbündeten Miliz „al Shabaab“ gefangen gehaltenen Agenten des französischen Auslandsgeheimdienstes gewaltsam zu befreien. Die Kommandoaktion endete in einem Fiasko. Ein Soldat wurde getötet, ein zweiter von den Radikalen verschleppt. Ob die Geisel noch am Leben ist, weiß zurzeit niemand. Der französische Ministerpräsident Jean-Marc Ayrault sagte am Samstag, die Aktion habe mit dem Eingreifen in Mali nichts zu tun. Die Operation in Somalia sei früher geplant gewesen, aber die Umstände seien nicht günstig gewesen.

ANZEIGE

Wie es um das Schicksal sieben weiterer französischer Geiseln steht, die im Sahel von Aqmi und Mujao festgehalten werden, ist ebenfalls unklar. Die Terroristen hatten mehrfach mit der Ermordung der Gefangenen gedroht, sollte Frankreich militärisch gegen sie vorgehen.

Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian an diesem Samstag in Paris
Frankreichs Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian an diesem Samstag in Paris Bild: AFP

Wie viele französische Soldaten inzwischen in Mali kämpfen, ist nicht bekannt. Paris ist bemüht, so wenig militärische Details wie möglich bekanntzugeben. Verteidigungsminister Le Drian bestätigte am Samstag lediglich, dass die Armee dabei ist, französische Soldaten nach Bamako zu verlegen. Sie sollen die schon operierenden Sonderkommandos verstärken und die malische Hauptstadt absichern. In dem Teil Malis, der nicht von den islamistischen Gruppen kontrolliert wird, leben etwa 6000 französische Staatsbürger.

Über das Einsatzziel der Operation „Serval“ schwieg sich der Verteidigungsminister aus. Präsident Hollande sagte, die Operation werde so lange dauern „wie notwendig“. Dafür erhielt er nicht nur ausdrückliche Unterstützung aus Washington, London und Berlin, sondern auch aus Afrika. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich dem französischen Präsidenten und dem französischen Volk bin“, sagte etwa der Präsident von Benin, Thomas Yayi Boni.

Bild: F.A.Z.

„Serval“ erinnert mehr an klassische Einsätze der früheren Kolonialmacht in seinem afrikanischen Hinterhof als an das von Hollande beschworene Vorgehen „im strengen Rahmen der UN-Resolution“. Das taktische Kommando ist in Mali, das strategische Oberkommando hat seinen Sitz in Paris. Von „Partnerschaft“ ist nichts zu entdecken. Meldungen vom Freitag, wonach Soldaten aus Senegal und Nigeria an der französischen Militäraktion beteiligt seien, wurden am Samstag in Abuja und Dakar dementiert. Auf Fragen über die Präsenz deutscher Militärausbilder antwortete der Generalstabschef der französischen Armee, Admiral Edouard Guillaud: „Es handelt sich um einen französischen Einsatz“.

ANZEIGE

Internationale Gemeinschaft zögert

Trotz des Alleingangs kann man die Intervention als Rettung in letzter Minute bezeichnen. Das erklärte Ziel der Islamisten war und ist die Eroberung von Mopti, was sie in die Lage versetzen würde, die Hauptstadt Bamako zu bedrohen und damit die Existenz Malis als demokratischer Staat. Die zögerliche Haltung der internationalen Gemeinschaft hat sie darin nur bestärkt. Seit nunmehr neun Monaten wird der Norden Malis von fanatischen Gotteskriegern besetzt gehalten. In Bambara Maouda in der Nähe von Timbuktu existiert ein Ausbildungslager, in dem sich Terroristen aus Mali, Mauretanien, Algerien, Nigeria und Somalia sammeln, um zu lernen, wie man im Namen des Dschihad Menschen entführt und Autobomben baut. Derweil wird die Bevölkerung im Norden mit der Scharia gequält; die Radikalen peitschen Menschen aus, weil sie rauchen oder Alkohol trinken, sie amputieren vermeintlichen Dieben Gliedmaßen und steinigen angebliche Ehebrecher.

Trotzdem dauerte es mehrere Monate, bevor der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen dem Drängen der zunehmend nervös werdenden westafrikanischen Nachbarstaaten nachgab und deren geplanter Eingreiftruppe im Dezember vergangenen Jahres ein UN-Mandat zugestand. Gleichzeitig aber legten die UN dieser 3300 Soldaten starken Truppe Fußfesseln an, indem sie einen möglichen Kampfauftrag von umfangreichen Ausbildungsprogrammen abhängig machten, sowie von „glaubhaften Verhandlungen“ mit den Radikalen von „Ansar al Dine“. Von diesen Verhandlungen weiß man heute, dass sie von Islamisten nur dazu benutzt wurden, um ihre Offensive kurz vor Beginn der alles lähmenden Hitzewelle im Sahel vorzubereiten, die üblicherweise von Februar bis April dauert.

ANZEIGE

Der UN-Sondergesandte für den Sahel, Romano Prodi, sprach noch am vergangenen Montag in Bamako davon, dass mit militärischen Aktionen nicht vor September zu rechnen sei. Auf die Islamisten muss das wie eine Einladung gewirkt haben. Einen Tag später begannen sie ihre Offensive auf Konna.

Kampfeinsatz in Mali: Französische Truppen verlassen die Militärbasis N’Djamena im Tschad
Kampfeinsatz in Mali: Französische Truppen verlassen die Militärbasis N’Djamena im Tschad Bild: AFP

Angesichts der sich dramatisch zuspitzenden Situation soll die afrikanische Eingreiftruppe der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) nun doch schnell in Mali stationiert werden. Der turnusmäßige Vorsitzende der Ecowas, der ivorische Präsident Alassane Ouattara, ordnete am Freitagabend die sofortige Entsendung der Truppe an, doch dafür fehlen ihm Transportflugzeuge, Treibstoff, Fahrzeuge und Munition.

In der kommenden Woche wird Ouattara zu Gesprächen mit Bundeskanzlerin Merkel in Berlin erwartet. Was er von ihr will, ist unter afrikanischen Diplomaten kein Geheimnis: die Transall-Transporter der Luftwaffe. Ob er sie bekommt, steht auf einem ganz anderen Blatt. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes sagte der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am Samstag, ob deutsche Hilfe in Betracht komme, werde geprüft, wenn die Eckdaten einer afrikanischen Mission feststünden. Deutschland unterstütze die Bemühungen der Ecowas, „einen Verhandlungsprozess zu vermitteln, ebenso wie die vom UN-Sicherheitsrat genehmigte Aufstellung einer afrikanischen Unterstützungsmission für die Sicherheit und Integrität Malis“.

Amerika und Großbritannien haben schon logistische Hilfe zugesagt, doch bis sie anläuft, vergehen vermutlich noch Wochen. Bis dahin bleibt es der französischen Armee alleine überlassen, die Dschihadisten an einem weiteren Vormarsch zu hindern. Zu mehr ist das französische Kontingent gar nicht in der Lage. Wie es der Zufall will, entspricht das Gebiet, das die Radikalen kontrollieren, ziemlich genau der Größe Frankreichs.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Wiegel, Michaela
Michaela Wiegel
Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Automarkt
Pannenhilfe und Schutz seit 1899
Gasvergleich
Gas vergleichen und sparen
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Compliance Management
ANZEIGE