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Agenda Setting über Twitter

Sichtbar werden

Von Nadine Graf
 - 07:55
Auch er weiß um die Möglichkeiten von Twitter: der britische Premierminister Boris Johnson twitterte am Donnerstag ein Selfie mit Fernsehmoderatoren

Mit einer Hebebühne helfen zwei Bahnmitarbeiter Raul Krauthausen samt seines E-Rollstuhls in den ICE. Er ist auf dem Weg nach Düsseldorf. Doch dort angekommen, sind die „Rotkäppchen“, wie er die Helfer wegen ihrer roten Uniformmützen liebevoll nennt, zu langsam. Der Rollstuhlfahrer kann nicht aussteigen und der Zug rollt mit ihm weiter.

„Das war schlimm, weil ich meinen bezahlten Auftrag nicht wahrnehmen konnte“, erinnert sich der 39 Jahre alte Aktivist an den Vorfall. Damals macht er seinem Ärger direkt Luft und twittert über seinen „#Fail des Tages“. Noch im Zug klingelt sein Handy: Ein Zeitungsredakteur hat seinen Tweet entdeckt und will ihn dazu interviewen. Ein Interview, das auch der damalige Chef der Deutschen Bahn liest. „Rüdiger Gruber hat sich persönlich für den Vorfall entschuldigt und mich eingeladen, um darüber zu sprechen, was die Bahn für Menschen mit Behinderung verbessern kann“, erzählt Raul Krauthausen.

Doch nicht jeder Tweet, den Krauthausen absetzt, hat eine solche Wirkung. „Gemeinsam mit meinen Mitstreitern des Vereins ‚Sozialhelden‘ versuche ich, über Twitter und andere soziale Medien immer wieder auf die Belange von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen“, sagt Krauthausen. Damit versucht sich der kleine Berliner Verein wie viele andere Organisationen, Interessensgruppen oder Berufspolitiker am Agenda Setting über die sozialen Netzwerke.

Zusammenspiel von On- und Offline-Welt

Das funktioniert über Twitter, falls die angestoßenen Themen von Multiplikatoren wie Wissenschaftlern, Journalisten oder Politikern aufgenommen werden. Diese Gruppen tauschen sich über den Kurznachrichtendienst vor allem im professionellen Kontext aus. „Auf Twitter machen Nutzer zum Beispiel auf Forschungsergebnisse, Pressemitteilungen oder Artikel aufmerksam und beteiligen sich an Diskussionen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Jasmin Fitzpatrick.

330 Millionen Nutzer waren im ersten Quartal des Jahres weltweit auf Twitter aktiv. Wie viele davon aus Deutschland kommen, gibt das Unternehmen jedoch nicht regelmäßig bekannt. Zwölf Millionen deutsche Nutzer pro Monat zählte Twitter zu seinem zehnten Geburtstag 2016 – wie viele davon auf der Plattform registriert sind oder nur mitlesen, legte der Konzern aber nicht offen.

Ob registriert oder nicht: Durch Schlagworte und Hashtags können auf Twitter gezielt Themen verfolgt und kommentiert werden. „Oder ich setze einen neuen Hashtag und lade andere Nutzer so ein, auch darüber zu diskutieren, was mir wichtig ist“, sagt Fitzpatrick. Damit ein Thema aber auf der „Agenda“ lande, also in die Wahrnehmung von anderen Politikern und Entscheidern vordringen kann, müsse die Twitter-Debatte von klassischen Medien in die Offline-Welt gebracht werden. Gelungen sei das dem Youtuber Rezo. „Erst als große Medienhäuser in Print und Fernsehen über sein Video berichteten, wurde es millionenfach geklickt und bekam auch Aufmerksamkeit außerhalb von Rezos Youtube-Community“, sagt die Politikwissenschaftlerin.

Das Zusammenspiel zwischen sozialen Medien und Journalismus funktioniert, weil Medienmacher Twitter als Stimmungsanzeiger nutzen. Davon ist Martin Fuchs überzeugt. Als Dozent und Politikberater beschäftigt er sich mit digitaler Kommunikation, bloggt und twittert aber als „Hamburger Wahlbeobachter“ auch selbst. „Twitter ist eine spannende Quelle für Journalisten, weil sich hier viele Politiker tummeln. Etwa die Hälfte der deutschen Landtagsabgeordneten, 70 Prozent der Mitglieder des Bundestages und sogar 90 Prozent der Europaabgeordneten haben einen Twitter-Account.“

Die Social-Media-Arbeit verschiedener Parteien und einzelner Politiker unterscheide sich stark. „Auch wenn Twitter in den letzten drei bis vier Jahren zweckbewusster eingesetzt wird, müssen die Nutzer erst noch in das Medium hineinwachsen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Fitzpatrick. „Diese Kommunikationsform funktioniert auch nicht für jeden gleich gut. Der Twitter-Abgang von Robert Habeck ist dafür ein authentisches Beispiel. Er hat erkannt, dass undurchdachte Posts sich schnell negativ auswirken können.“

Der Bundesvorsitzende der Grünen verabschiedete sich im Januar von Twitter und Facebook. Zuvor war er von einem Datenleak betroffen gewesen und stand für zwei Wahlkampf-Tweets in der Kritik. Twitter sei ein „sehr hartes Medium, wo spaltend und polarisierend geredet wird“, sagte er damals. Das färbe auf ihn ab.

Kanzlerin Angela Merkel stufte Twitter im F.A.Z.-Interview vor einer Weile als „ein offizielles Verlautbarungsmedium“ ein. Dabei sei seinerzeit noch ein Raunen durch die Reihen der Bundespressekonferenz gegangen, als Regierungssprecher Steffen Seibert ankündigt habe, Informationen der Regierung über den Kurznachrichtendienst zu verbreiten. Inzwischen sei das politische Geschäft aber viel schneller geworden. „Wenn Sie als Politiker eine Falschmeldung nicht sofort dementieren, verbreitet sie sich durch die sozialen Netzwerke in einer Geschwindigkeit, dass man sie nicht mehr einfangen kann.“

Beleidigung mit Hashtag

Politiker und Parteien sind vor Wahlen deutlich präsenter auf Twitter als sonst. Doch auch da kommt es immer wieder zu Problemen: Zum Beispiel wenn Kandidaten, Wahlkampfteams und andere Nutzer einen Hashtag in leicht abgewandelten Schreibweisen verwenden. Die Tweets sind damit schwieriger auffindbar, der Bündelungseffekt fehlt. „Keine Partei würde unterschiedliche Slogans auf ihre Wahlplakate drucken, aber in sozialen Netzwerken passiert das noch. Politische Parteien sind auf diesem Gebiet allerdings auch schon deutlich souveräner geworden“, sagt die Politikwissenschaftlerin Fitzpatrick. Die Agenda würden Parteien aber nicht besetzen.

Im Gegenteil stehen sie auf Twitter ihren Kritikern gegenüber: So hat der Hastag #niewiedercdu bis heute eine große Reichweite und wird häufig verwendet. Er entstand Anfang des Jahres aus dem Protest gegen die Rolle der CDU in der Abstimmung der EU-Urheberrechtsreform.

Mit negativen Tweets macht der amerikanische Präsident Trump auf sich aufmerksam. 30 Prozent seiner Tweets sind beleidigend oder angreifend. Das fand das ZDF bei einer Untersuchung seiner Twitteraktivitäten mehrerer Wahlkampfmonate 2019 heraus. Trump greift dabei auf ein bewährtes Mittel zurück: Vor der Präsidentschaftswahl 2016 bezeichnete er seine Rivalin Hillary Clinton mit „crooked hillary“ als unehrlich. Während seiner Amtszeit sah er sich Rassismusvorwürfen ausgesetzt, weil er mehrere demokratische Abgeordnete verunglimpfte – auch auf Twitter. So zum Beispiel die Senatorin Elizabeth Warren, die er wegen ihrer Herkunft als „Pocahontas“ betitelte. Er beschränkt sich aber nicht nur auf Personen, sondern beleidigt auch Institutionen, Länder oder Städte. Zum Beispiel die amerikanische Stadt Baltimore, die der Präsident vor etwa einem Jahr als „rattenverseuchten Saustall“ bezeichnete.

So betreibe Trump Second-Level-Agenda-Setting. „Dabei wird nicht beeinflusst, was Individuen wahrnehmen, sondern wie sie etwas wahrnehmen“, sagt Jasmin Fitzpatrick. „Populisten nutzen Emotionen, um Bürgerinnen und Bürger bei kontroversen Themen anzusprechen. Sie sollen sich gegen den wahrgenommenen ,Anderen' abgrenzen und so ein Freund-Feind-Lager zu bilden.“

Weiter Weg auf die Agenda

Sachliche Argumente lassen sich hingegen eher beim Agenda Setting auf erster Ebene finden. Wenn Politikberater Martin Fuchs als „Hamburger Wahlbeobachter“ twittert, versucht er ebenfalls bestimmte Diskurse voranzubringen. „Vor ein paar Jahren waren es Social Bots, jetzt ist es die Messengerisierung von Kommunikation. Ich habe besonders netzpolitische Themen im Blick, weil ich finde, dass die Politik bei ihnen nicht ausreichend reagiert.“ Dabei möchte Fuchs mit seinen Tweets einen Mehrwert für seine Follower schaffen. „Ich ordne qualitativ hochwertige Informationen ein und bewerte sie. So trage ich zum politischen Diskurs in Deutschland bei.“

Agenda Setting brauche allerdings Zeit, sagt Politikwissenschaftlerin Fitzpatrick. „Es lohnt sich, bei einem Thema längere Zeit am Ball zu bleiben – in der Hoffnung, dass andere aufspringen. Die noch junge Fridays for Future-Bewegung zum Beispiel profitiert stark von der Aufklärungsarbeit, die verschiedene Umweltorganisationen und Klimaaktivisten schon seit den achtziger Jahren leisten.“ Die Wissenschaftlerin beschreibt aber auch seltene Fälle, in denen ein Gelegenheitsfenster einem Thema große Aufmerksamkeit verschafft: „Für die Anti-Atomkraft-Bewegung war die Nuklearkatastrophe in Fukushima ein solches Fenster, das sich öffnete und ihr Thema auf die Agenda der Politik hob.“

Diskussion mit künstlichen Intelligenzen

Die Effekte des Agenda Settings können künstlich verstärkt werden, wenn Social Bots zum Einsatz kommen. Hinter Twitter-Accounts verbergen sich dann Programme, die mehr oder weniger autonom in sozialen Netzwerken unterwegs sind. Sie imitieren das Verhalten von Menschen, können Beiträge liken, teilen oder selbst verfassen. Vor allem Bots, die – dank ihrer künstlichen Intelligenz – auch Sprache nachahmen und so Botschaften wiederholen können, können Diskurse so beeinflussen.

Twitter reagiert darauf, indem die Plattform betroffene Accounts löscht. Trotzdem steckten hinter circa 25 Prozent der Twitter-Accounts Bots, sagt Politikberater Fuchs. „Das heißt aber nicht, dass sie auch ihre Wirkung auf die Meinungsbildung entfalten.“ Eine Regulierung der Bots von Seiten des Gesetzgebers sei schwierig, so Fuchs, weil die Programme ein globales Phänomen seien. Wichtiger sei es, die Medienkompetenz der Bürger zu schulen.

Dabei können auf Twitter auch ohne viel Wissen Themen verfolgt und mitdiskutiert werden. „Weil über die Plattform auch Stimmen präsent sein können, die in der analogen Welt meist ungehört bleiben, trägt Twitter zur Demokratisierung der Interessenvertretung bei – es stellt also eine Säule der Demokratie dar“, sagt Fuchs. Bestandsfähig sei diese Säule aber nur durch klassische Medien, die über Debatten auf Twitter berichten.

Auch das Zwitschern der Berliner „Sozialhelden“ wird nicht immer gehört. „Agenda Setting funktioniert nicht immer gleich gut, aber wenn ein Tweet die Verantwortlichen in der realen Welt erreicht, ist Twitter ein effektives Sprachrohr“, sagt Raul Krauthausen. Seine unfreiwillig lange Bahnfahrt liegt jetzt schon sechs Jahre zurück. Von den Ergebnissen des Gesprächs zwischen ihm und dem Bahn-Chef profitieren Rollstuhlfahrer aber bis heute: Die „Wheelmap“, eine interaktive Weltkarte für rollstuhlgerechte Orte, zeigt seitdem ebenfalls an, welche Aufzüge der Deutschen Bahn defekt sind.

Quelle: FAZ.NET
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