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Kindesmissbrauch

Die schockierende Zahl des Tages: 30.000 Verdächtige

Von Reiner Burger, Düsseldorf
Aktualisiert am 29.06.2020
 - 18:28
Hausdurchsuchung im Zuge des Missbrauchskomplexes von Bergisch Gladbach im November 2019zur Bildergalerie
Der Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach nimmt entsetzliche Ausmaße an. Die Justiz stellt das vor enorme Herausforderungen. Sie muss den Tätern hintern den Pseudonymen auf die Spur kommen.

Dreißigtausend. Der nordrhein-westfälische Justizminister Peter Biesenbach (CDU) brauchte am Montagmorgen einige Minuten Anlauf, bis er die schockierende Zahl des Tages mitteilte. Biesenbach wollte den Medien darüber berichten, dass es in Nordrhein-Westfalen in Kürze eine staatsanwaltschaftliche Taskforce zur Bekämpfung des Kindesmissbrauchs geben wird.

In der bei der Staatsanwaltschaft Köln angesiedelten „Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen“ (ZAC) werden sich vom Mittwoch an sechs Staatsanwälte ausschließlich mit der Strafverfolgung des sogenannten netzkonnexen Kindesmissbrauchs befassen. Lügde, Bergisch Gladbach und zuletzt Münster seien zu traurigen Synonymen für schwerste Straftaten geworden. Sie stellten auch die Justiz vor enorme Herausforderungen, sagte Biesenbach.

Um die Dimension zumindest im Ansatz zu verdeutlichen, nannte der Justizminister schließlich die ungeheuerliche Zahl 30.000. Gegen so viele noch unbekannte Tatverdächtige ermitteln die Staatsanwälte allein in der Causa Bergisch Gladbach. Die mehr als 100 Kriminalisten umfassende Ermittlungsgruppe „Berg“ war im vergangenen Jahr einem in allen Bundesländern aktiven Pädokriminellen-Netzwerk auf die Spur gekommen; 70 namentlich bekannte Verdächtige hatten sie bislang im Blick gehabt.

Rasend schnelle Entgrenzung

„Eine solche ungeheure Menge an Gleichgesinnten bietet auch wenig technikaffinen Tätern jede Möglichkeit, an einschlägiges Bild- und Videomaterial zu kommen“, sagte Biesenbach. „Wir müssen erkennen, dass Kindesmissbrauch im Netz weiter verbreitet ist, als wir bisher angenommen haben.“

Die Erkenntnisse der Ermittlungsgruppen „Berg“ und seit wenigen Wochen auch der im Fall Münster eingesetzten Ermittlungsgruppe „Rose“ machen deutlich, wie erschreckend dynamisch sich das Pädokriminellen-Milieu im Zeitalter der Digitalisierung weiterentwickelt hat. Die Entgrenzung schreitet in jeder Hinsicht rasend voran. In so gut wie allen Missbrauchsfällen gibt es nach Einschätzung Biesenbachs eine neue Dimension des Tatgeschehens. „Die Taten werden nicht nur von Einzeltätern begangen, sondern in einem vernetzten Online-Geflecht aus Sympathisanten, Unterstützern, Gehilfen und Mittätern.

„Die Täter nutzen alle Möglichkeiten, die ihnen das Netz bietet“, sagte der Justizminister. Getarnt und unter Pseudonymen in Chatgruppen und über Messengerdienste kommunizierten sie, tauschten Fotos und Videoclips ihrer Taten. In öffentlichen und geheimen Gruppen tausche man Ratschläge zum Kindesmissbrauch aus. Personen, die noch keinen Missbrauch begangen haben, würden von anderen dazu ermutigt oder sogar dazu gedrängt.

Zwar sollen die jeweils örtlich zuständigen Staatsanwaltschaften in Nordrhein-Westfalen auch künftig grundsätzlich für Missbrauchstaten in ihrem Bezirk verantwortlich bleiben. Dort gebe es hervorragende Fachleute, versicherte Biesenbach. Doch diese Expertise gelte es nun um eine „digitale Dimension“ zu ergänzen. Die Taskforce der ZAC wird künftig bei all jenen Fällen eingeschaltet, in denen sich Hinweise auf Verbindungen in das Internet, zu Chatgruppen, Messengerforen und Darknetboards ergibt. Biesenbach äußerte die Erwartung, dass die zunächst für die Zeit von 18 Monaten eingesetzte Taskforce bald ein umfassendes Bild des „netzkonnexen Kindesmissbrauchs“ liefern wird. Nach eineinhalb Jahren könne man dann bewerten, ob der Ansatz verstetigt werden muss.

Mehr Personal kämpft gegen Missbrauch

Biesenbachs Projekt ist eine weitere Komponente im Kampf der nordrhein-westfälischen Ermittlungsbehörden gegen den Kindesmissbrauch. Schon vor einem Jahr – als Konsequenz aus dem Fall zweier schwerkrimineller Päderasten aus Lügde – hatte Innenminister Herbert Reul (CDU) angeordnet, dass dieser Kampf Schwerpunkt der Landespolizei werden wird. In den 47 nordrhein-westfälischen Polizeibehörden wurde die Zahl der Beamtenstellen für Missbrauchsermittlungen von 104 auf 267 erhöht. Aus Behördenkreisen heißt es, dies sei auch der Grund gewesen, weshalb im aktuellen Fall Münster rascher als bisher habe ermittelt werden können.

Vergangenen Sommer setzte Reul zudem in seinem Ministerium eine Stabsstelle Kindesmissbrauch ein, die den Auftrag hatte, Strukturen und Prozesse eingehend zu durchleuchten. Die Stabsstelle ist mittlerweile in ein festes Referat der Polizeiabteilung in Reuls Ministerium umgewandelt worden. Die „Zentrale Auswertungs- und Sammelstelle Kinderpornographie“ des Landeskriminalamts Düsseldorf gibt es zwar schon seit einiger Zeit. Reul ließ sie in den vergangenen Monaten aber von bisher zwölf auf mittlerweile rund 60 Mitarbeiter aufstocken. Ihre Aufgabe ist es, neu entdeckte Fotos und Filme von sexuellem Missbrauch an Kindern auszuwerten, um, in Sinne der polizeilichen Pflicht zur Gefahrenabwehr, möglichst viele Kinder aus den Fängen ihrer Peiniger zu befreien.

Die bei der Staatsanwaltschaft Köln nun neugeschaffene Taskforce werde sich erst einmal um die Hinweise zu Kindesmissbrauch kümmern, um offensichtlich noch andauernde Taten zu stoppen, sagte Oberstaatsanwalt Markus Hartmann, der die „Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime“ leitet. In einem zweiten Schritt gehe es um die Verbreitung von kinderpornographischen Darstellungen.

Dass Biesenbach die ZAC mit dem Thema beauftragt, liegt auf der Hand. Sie hat in Nordrhein-Westfalen schon bisher alle Verfahren von Internetkriminalität mit herausgehobener Bedeutung geführt. „Mit der technischen Expertise einer hochqualifizierten Cybereinheit und demselben technischen Handwerkszeug, das sonst gegen Hacker, Cyberterroristen und Drogendealer im Darknet eingesetzt wird, werden jetzt Täter und Unterstützer des Kindesmissbrauchs aus der Anonymität des Netzes hervorgezerrt“, sagte der Justizminister. Vordringlichste Aufgabe der neuen Taskforce sei es, Personen hinter den Pseudonymen zu ermitteln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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