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Freispruch für Kardinal Pell

Zweifel an sexuellem Missbrauch

Von Till Fähnders, Singapur
Aktualisiert am 07.04.2020
 - 21:43
Kardinal Pell nach seiner Haftentlassung
Das oberste australische Gericht hat Kardinal George Pell überraschend vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs freigesprochen. Missbrauchsopfer reagieren entsetzt. Unterstützer Pells begrüßen das Urteil als Ende einer Hexenjagd.

400 Tage saß Kardinal George Pell in einem Hochsicherheitstrakt in Haft. Jetzt befand das Oberste australische Gericht, es gebe eine „signifikante Möglichkeit“, dass Pell unschuldig sei und hob seine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs zweier Chorknaben auf. Missbrauchsopfer sind entsetzt.

Als Kardinal George Pell aus dem Gefängnis gefahren wurde, sah man auf den Fernsehbildern durch das Autofenster nicht viel mehr als einen Schatten. Der einst mächtigste Mann der australischen katholischen Kirche, groß gewachsen und mit imposanter Figur, ist seit Beginn des Prozesses äußerlich stark gealtert. Mehr als 400 Tage lang hat George Pell im Hochsicherheitstrakt verbracht. Dabei hatte er stets seine Unschuld beteuert. Nun ist der Kardinal überraschend freigekommen. Das oberste Gericht des Landes hat am Dienstag der Berufung des 78 Jahre alten ehemaligen Präfekten des Wirtschaftssekretariats im Vatikan stattgegeben. Das Urteil, unter dem Pell zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war, von denen er mindestens drei Jahre und acht Monate absitzen sollte, ist damit aufgehoben. Statt frühestens im Oktober 2022, wurde er nun schon am Dienstag aus dem Barwon-Gefängnis in Melbourne entlassen.

Als Kardinal war Pell war der höchste katholische Würdenträger, der jemals wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt worden war. Er sollte in den neunziger Jahren in der Kathedrale von Melbourne zwei Chorknaben sexuell missbraucht haben. In einer ersten Reaktion bezeichnete Pell die Entscheidung des Gerichts als Heilmittel gegen die „Ungerechtigkeit“, die ihm widerfahren sei. Jedoch gab er an, er hege keinen Groll gegen den Belastungszeugen und wolle nicht, dass sein Freispruch zum Schmerz und zur Bitterkeit beitrügen, die so viele Missbrauchsopfer fühlten. Aber sein Prozess dürfe auch nicht als Referendum über die katholische Kirche oder über den Umgang der australischen Kirchenbehörden mit Pädophilie gesehen werden. „Es ging darum, ob ich diese schrecklichen Verbrechen begangen hatte, und das habe ich nicht“, sagte Pell.

„Kein Vertrauen mehr in das Justizsystem“

Tatsächlich hat der Freispruch in Australien viele vor den Kopf gestoßen. Der Vater eines der Chorknaben, der im Jahr 2014 an einer Überdosis gestorben war, befand sich laut seiner Anwälte unter Schock. „Er sagt, er habe kein Vertrauen mehr in das Justizsystem unseres Landes“, teilte seine Kanzlei mit. Viele Missbrauchsopfer reagierten mit Entsetzen, weil ihrer Meinung nach ein verurteilter Kinderschänder freigekommen ist, der in seinen Machtpositionen außerdem dafür gesorgt habe, dass der Missbrauch anderer über Jahrzehnte vertuscht worden sei. Der harte Kern der Unterstützer, die Pell über Jahre die Treue gehalten hatten und in dem Prozess eine Hexenjagd sahen, sehen sich dagegen bestätigt. Sie waren der Meinung, Pell sollte zum Sündenbock für das Versagen der Kirche bei der Aufarbeitung von Fällen des sexuellen Missbrauchs gemacht werden.

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Missbrauch in der Kirche
Kardinal Pell auf freiem Fuß

Für manche Katholiken dürfte es nicht unerheblich sein, dass der Freispruch ausgerechnet in der Karwoche erfolgt ist. Der Vatikan begrüßte den Freispruch. Pell habe stets seine Unschuld beteuert und darauf gewartet, dass die Wahrheit ans Licht komme, heißt es in einer Erklärung des vatikanischen Presseamtes.

Ohne Pell namentlich zu nennen, hatte Papst Franziskus seine Morgenmesse aber denjenigen gewidmet, die unter „ungerechten Strafen“ zu leiden hätten. Als „Vorsichtsmaßnahme“ hatte der Papst Pell aber schon im Jahr 2017 vorerst untersagt, sein Priesteramt in der Öffentlichkeit auszuüben und in Kontakt mit Minderjährigen zu treten. Das Berufungsurteil heißt womöglich nicht, dass Pell nun in Ruhe seinen Lebensabend verbringen kann. Wie die australische Presse berichtet, bereiten derzeit andere mutmaßliche Opfer Zivilklagen gegen ihn vor.

Vorwürfe wegen unsittlicher Berührungen im Schwimmbad

Einige davon sollen sich unter anderem auf die Vorwürfe aus einem ursprünglich zweiten geplanten Prozess beziehen, wonach Pell in einem Schwimmbad seiner Heimatstadt Ballarat mehrere Jungen unsittlich angefasst haben soll. Diesen sogenannten „Schwimmer-Prozess“ hatte die Staatsanwaltschaft nicht weiter verfolgt. Außerdem waren aufgrund des laufenden Verfahrens Aussagen vor einer Untersuchungskommission zurückgehalten worden, die Aufschluss über George Pells Rolle bei der Vertuschung von Missbrauchsfällen katholischer Priester und Ordensmänner geben sollen. Diese Passagen können nun veröffentlicht werden.

Juristisch ist Pell nun aber erst einmal von allen Vorwürfen befreit. Das Berufungsurteil am Dienstag erfolgte weniger als einen Monat nach der Anhörung. Die Richterin Susan Kiefel sprach es in einem Gerichtssaal in Brisbane, der aufgrund der wegen der Coronavirus-Pandemie geltenden Beschränkungen fast leer war. Die insgesamt sieben Richter befanden, dass die Geschworenen sowie das Berufungsgericht unter Berücksichtigung aller Beweismittel Zweifel an der Schuld des Angeklagten hätten haben müssen, hieß es in einer Zusammenfassung ihres Urteils. Es gebe die „signifikante Möglichkeit, wonach eine unschuldige Person verurteilt“ worden sei. Dabei wurde auf die Zeugen verwiesen, die ausgesagt hatten, dass es zur vermeintlichen Zeit nach der Sonntagsmesse gar keine Gelegenheit dafür gegeben habe, unbemerkt eine solche Tat zu begehen. Das widerspricht die Aussage des einzigen Belastungszeugen, der sich vor rund fünf Jahren an die Polizei im Bundesstaat Victoria gewandt hatte.

„Kaltschnäuzig und gewalttätig“

Dem heute Mitte Dreißig Jahre alten Mann zufolge hatte der damalige Erzbischof von Melbourne Ende des Jahres 1996 in der Sakristei der Kathedrale ihn und den zweiten Chorknaben zum Oralsex gezwungen. Die beiden Jungen waren zum Zeitpunkt des Missbrauchs 13 Jahre alt. Keiner von beiden hatte jemals über die Ereignisse gesprochen. Der Tod des ehemaligen Gefährten im Jahr 2014 hatte den übrig gebliebenen ehemaligen Chorknaben den eigenen Angaben nach dann aber dazu bewogen, sich an die Polizei zu wenden.

Der eigentliche Prozess hatte erst im August 2018 begonnen. Er war zunächst daran gescheitert, dass die Jury nicht zu einem einstimmigen Ergebnis gekommen war. Im Dezember 2018 hatte ein zweites Geschworenengericht in Melbourne den Kardinal in fünf Anklagepunkten dann aber einstimmig für schuldig befunden. Das Strafmaß war im März des Folgejahres festgesetzt worden. Der Richter hatte Pells Taten damals als „kaltschnäuzig und gewalttätig“ und „atemberaubend arrogant“ bezeichnet. Im August 2019 bestätigte ein Berufungsgericht des Bundesstaats Victoria mehrheitlich das Urteil. Allerdings äußerte einer der drei Richter die abweichende die Meinung, dass die Schuld Pells nicht zweifelsfrei bewiesen sei. Dieser Einschätzung folgten nun auch die Richter in letzter Instanz.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Fähnders, Till (fäh.) (Bild)
Till Fähnders
Politischer Korrespondent für Südostasien.
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