Ein Jahr nach der Insolvenz

Tausende Thomas-Cook-Opfer warten noch immer auf ihr Geld

Von Timo Kotowski
Aktualisiert am 14.09.2020
 - 17:37
Sitz des deutschen Ablegers von Thomas Cook in Oberursel bei Frankfurt (Archivbild)
Knapp zwölf Monate nach dem Aus des Reisekonzerns haben erst 5000 deutsche Kunden ihr Geld zurück. Viele Betroffene scheinen gar nicht mehr auf Erstattungen zu setzen.

Sie haben einen gesetzlichen Rückerstattungsanspruch – und trotzdem seit fast einem Jahr ihr Geld nicht komplett wiederbekommen. Mehr als elf Monate nach der Insolvenz des Reisekonzerns Thomas Cook haben 5000 Kunden eine Ausgleichszahlung des Bundes für ihre teilweise oder komplett bezahlten Reisen erhalten, die nicht mehr stattfanden. Das hat das Bundesjustizministerium auf eine Anfrage des Tourismuspolitikers Markus Tressel (Die Grünen) mitgeteilt. Insgesamt lägen 68.000 Anträge auf Rückzahlungen vor.

Dieser Wert deutet an, dass die Mehrzahl der von der Insolvenz Betroffenen aktuell nicht mehr ihren unerfüllten Rückzahlungsanspruch verfolgen dürfte. Nach der Insolvenz kursierten Schätzungen, dass mehr als 200.000 Buchungen für Pauschalurlaube mit Thomas Cook sowie den Marken Neckermann-Reisen und Öger-Tours angezahlt oder komplett bezahlt waren. Eine Buchung umfasst in der Regel die Reise von mehr als einer Person, mitunter von ganzen Familien. Die Regierung selbst hatte Anfang Juli auf eine kleine Anfrage der FDP geantwortet, sie gehe „von rund 200.000 betroffenen Pauschalreisebuchungen aus“, für die eine Abwicklung über ein dafür geschaffenes Online-Portal erfolgen könne.

Die deutsche Thomas-Cook-Landesgesellschaft hatte wenige Tage nach dem Zusammenbruch des Mutterkonzerns am 25.September 2019 Insolvenzantrag gestellt, was zum Ende des Pauschalreisebetriebs führte. Die Fluggesellschaft Condor, die ebenfalls Teil des Thomas-Cook-Konzerns war, arbeitet seitdem in einem Schutzschirmverfahren an einem Neustart in Eigenregie.

Deutscher Sonderweg

Dass der Bund nach der Insolvenz des Reiseveranstalters in die Rolle kam, selbst Geld an Thomas-Cook-Kunden zu zahlen, hat mit einer Lücke im deutschen Reiserecht zu tun. Pauschalreisekunden haben nach EU-Vorgaben Anspruch auf komplette Rückzahlungen. Deutschland hatte abweichend festgelegt, dass der involvierte Versicherer höchstens für 110 Millionen Euro Schaden haften muss.

Die Obergrenze erwies sich als zu niedrig, um alle Forderungen zu bedienen. Die Zurich-Versicherung, die auch von rund 200.000 angemeldeten Ansprüchen gesprochen hatte, erstattete daher anteilig. Kunden erhielten etwa 17,5 Prozent ihre Zahlungen zurück. Um eine Prozesslawine abzuwenden, sprang der Bund für den Rest ein.

Betroffene müssen sich beim Insolvenzverwalter, bei der Zurich-Versicherung und dann auf einem Online-Portal der Regierung anmelden. Da das den Zahlen zufolge wohl nur ein Teil der Betroffenen getan hat und die Meldefrist für das Online-Portal am 15.November abläuft, fordert Grünen-Politiker Tressel eine Verlängerung. „Die Entschädigung der Thomas-Cook-Kunden darf jetzt nicht an bürokratischen Hürden scheitern“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Zudem seien mehr Informationen nötig, dass Rückzahlungen auch offline beantragt werden könnten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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