Serie „Für Umme“ bei Amazon

Er will ja nur schauspielen

Von Oliver Jungen
Aktualisiert am 19.09.2020
 - 19:18
Für Mo (Michael Fritz Schumacher) läuft es nicht immer rund.
Die sympathisch überdrehte Schauspieler-Serie „Für Umme“ gehört zwar zu den vielen Loser-Komödien. Aber sie beherrscht das kurze Format mit Bravour.

Als erfolgloser Schauspieler ist man in bester Gesellschaft. Selbst ein Superstar wie Nick Nolte hat sich – in „I’ll Do Anything“ (1994) – schon an dieser kniffligen Rolle versucht. Immerhin erobert er dabei das Herz seiner rebellischen Tochter. Jude Law mimt in „Sleuth“ (2007) einen ungebuchten Darsteller, der zum Antagonisten eines Drehbuchautors avanciert, mit dem er ein Krimi-Liebes-Duell ausficht. Dustin Hoffman wiederum stöckelt in „Tootsie“ (1982) in Frauenkleidern zum Erfolg, wozu ihn die Verzweiflung über ausbleibende Engagements („No one will hire you!“) bewogen hat. In Detlev Bucks hölzernem „Tootsie“-Verschnitt „Rubbeldiekatz“ (2011) schlüpft Matthias Schweighöfer als erfolgloser Schauspieler Alexander Honk erst ins Kleidchen, dann zum Ruhm. Schon diese Aufzählung zeigt: Misserfolg allein genügt nicht, es braucht eine Gegenerzählung.

Aber man gebe die neue Amazon-Serie „Für Umme“ nicht zu schnell auf, auch wenn der darin deftig überdreht porträtierte Schauspieler Mo Mikkelsen (Michael Fritz Schumacher) über zahlreiche Folgen hinweg ein Casting nach dem anderen in den Sand setzt, mal durch peinlich berührendes „Overacting“, mal durch albernen Knockout aufgrund zu scharfer Currywurstsoße („nur was für ganz harte Kerle, das nennt sich Enddarmgegner“). Dabei lässt die in Nebenrollen erstaunlich prominent besetzte Serie kein Filmbranchen-Klischee aus: allmächtige Regisseure (Martin Semmelrogge, Oliver Korittke), koksender Produzent (Heiko Pinkowski), verlogener Agent (Timur Isik), würdelose Angebote. Natürlich gibt es auch eine Herzensdame des Helden, die Fastfreundin und Rapperin Ganja-Tanja (Isabel Thierauch), doch verzögert sich das ersehnte Kamasutra wohl bis ins Nirwana. Immer schwerer wird es für den chronisch blanken Mo, dem die Eltern (Sabine Vitua, Philipp Sonntag) mit 32 jungen Jahren die Apanage streichen und der nur dank eines großzügigen Mitbewohners (Christoph Bernhard) überhaupt überlebt, den Traumjob-Schein zu wahren, denn nicht einmal gegen seine Zusicherung „Ich machs auch für umme“ lässt sich eine Rolle ergattern. Der Tiefschlag: Sogar Oliver Pocher gilt Sender-Redakteuren als „der bessere Schauspieler“.

Allerdings ist da durchaus eine Gegengeschichte, die sich allmählich herausschält. Mo entdeckt, dass sein im Filmgewerbe als toxisch geltendes Darstellertalent im wahren Leben gefragt ist, sei es als doppelt falscher Arzt, der einen Patienten vor echten Ärzten rettet, sei es als Mutter eines bestraften Pennälers; in Frauenkleidern übrigens mehr Tootsie als Honk. Wie man aus solchen Qualitäten eine eigene Spezial-Agentur aufzieht, werden wir freilich erst in der nächsten Staffel erfahren, sollte es sie geben. Wovon die von Regisseur Vlady Oszkiel aufgekratzt und zitatfreudig in Szene gesetzte Produktion aber in erster Linie lebt, ist das punktgenaue Spiel des Hauptdarstellers und ein Humor, der die Kurve vom haarsträubenden Gag zurück in die Mittellage bekommt, weil er auf die inneren Widersprüche der Charaktere abhebt. Lässig unterläuft die Handlung angetäuschte Kalauer, die ein Pocher oder ein Schweighöfer eisern ausgespielt hätten.

Schlagfertig geht es zu in den Gesprächen, manche Hintersinnigkeit wird nicht weiter aufgeklärt: „Robert Rotford vom Spiegel“, das muss schon jeder selbst dechiffrieren, auch wenn der aufgedeckte Skandal nicht ganz Watergate-Dimensionen besitzt. Ein Casting-Disput über die Aussprache von „Nackenschelle“ wiederum ist köstlich komisch. Dass die Dialoge so minutiös ausgearbeitet sind, hat wohl auch mit der langen Entstehungsgeschichte der Serie zu tun, die mit ihren mnemotechnisch selbst Tiktoker nicht überfordernden Zehn-Minuten-Episoden bis vor kurzem eine – allerdings aufwendig produzierte – „Web-Serie“ genannt worden wäre. Den Piloten haben die jungen Serienerfinder Schumacher, Oszkiel und Thomas Beetz (Kamera) bereits vor fünf Jahren produziert und kurz darauf die eigene Produktionsfirma Katerfilm gegründet. Da man nicht ganz für umme arbeiten wollte, musste ein Finanzier her. Jürgen Hörner, der ehemalige Deutschland-Chef von Pro Sieben Sat 1, der im Juli dieses Jahres verstarb, sicherte sich die Dramedy für seinen eigenen, werbefinanzierten Sender. Inmitten der Produktion aber schlitterte eoTV Anfang 2019 in die Insolvenz, die Katerfilmer mussten sich nach neuen Interessenten umsehen.

Einen Abnehmer fand man schließlich im Streamingdienst Amazon Prime Video. Dort wusste man vielleicht das angloamerikanisch wirkende Flair und Tempo einer Serie zu schätzen, die einen nach Achtzigerjahre-Komödie klingenden Plot elegant ins Halbironische verschiebt. Dazu passt, dass der Hauptdarsteller in einer kleinen Metaszene – in Unterhose am Bügeleisen – die eigene Serie bewirbt, und zwar mit den entwaffnend ehrlichen Worten: „Schlechter als so anderer Scheiß ist es nun auch nicht. Ist schon guter Scheiß. Also so mittelmäßig guter Scheiß halt.“ Man muss sich einen solchen Einschub beim „Bergdoktor“ oder bei „Um Himmels Willen“ nur einmal vorstellen, um zu bemerken: „Für Umme“ ist für hiesige Verhältnisse überdurchschnittlich „guter Scheiß“, so etwas wie eine weniger derbe Version von „Jerks“ oder „Supernasen“ auf Koks, immer aber mit einem sicheren Gespür für das Tragische am Scheitern.

Für Umme, auf Amazon Prime

Quelle: F.A.Z.
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