Karin Baal wird 80

Gesicht einer Epoche

Von Andreas Kilb
Aktualisiert am 19.09.2020
 - 11:38
Karin Baal 1958 als „Das Mädchen Rosemarie“zur Bildergalerie
Ihre Karriere folgte der fallenden Flugbahn des Deutschen Films: Die Schauspielerin Karin Baal stand als Sechzehnjährige neben Horst Buchholz für „Die Halbstarken“ vor der Kamera. An diesem Samstag wird sie achtzig Jahre alt.

Am Ende ist sie es, die schießt. Der alte Mann, den Freddy und Sissy überfallen haben, will die Polizei rufen, aber der Junge ist nicht kaltblütig genug, ihn daran zu hindern. Da nimmt das Mädchen die Pistole und feuert. Ihr Gesicht ist starr vor Entschlossenheit, und es bleibt ebenso kalt und starr, als sie die Waffe gegen ihren Freund richtet. Ein zweiter Schuss fällt, und dann ist die Geschichte vorbei, es sei denn, man wollte den folgenden Polizeieinsatz dazurechnen, der aus der Sicht der Beamten aufgenommen ist, wie es sich in Deutschland offenbar gehört.

Es ist das Jahr 1956, und der Film von Georg Tressler heißt „Die Halbstarken“. Er zeichnet das Bild einer Generation, und die Generation, die damals jung ist, identifiziert sich damit, sie macht den Film zum Erfolg und schreibt seinen Titel als Begriff in die deutsche Sprache ein. Horst Buchholz, bereits berühmt, spielt den Halbstarken Freddy Borchert, und Sissy, seine Freundin, ist die sechzehnjährige Karin Baal.

Dieses Talent muss man mitbringen

In ihrer Autobiographie „Ungezähmt“ hat Karin Baal geschildert, wie sie, ein Teenager aus dem Wedding, die Hauptrolle in den „Halbstarken“ bekam. Gesucht wurde eine Kopie von Marina Vlady, die zu jener Zeit als blonde Verführerin über die Leinwand lief, und die Realschülerin Karin Blauermel hatte sich passend zurechtgemacht und ihre Spontaneität gut einstudiert. Als sie gefragt wurde, ob sie einen Freund habe, gab sie zurück, sie habe zwei, die voneinander nichts wüssten, und rauche zwei Schachteln Zigaretten am Tag. Das ist ein Zug, der auch an späteren Auftritten von Karin Baal auffällt und der dem Kino kongenial ist: die Aufschneiderei ohne Skrupel, die Täuschung, die an sich selber glaubt. Man kann das nicht lernen, man muss es mitbringen.

Den Fotografen am Set genügten dieses Gesicht und diese Pose, aber Tressler, der Regisseur, war noch nicht überzeugt, er wollte eine andere Schauspielerin für die Rolle. Deshalb gab es eine Vorführung mit alternativen Szenen, nach der die Zuschauer über die Besetzung abstimmen durften. Das Mädchen aus dem Wedding, dem der Drehbuchautor Will Tremper inzwischen einen neuen Nachnamen verpasst hatte, bekam vier Fünftel der Stimmen.

Die Welle der Sympathie, die aus diesem Votum sprach, trug sie über die nächsten Jahre, in der ihr Licht aufstrahlte und das der deutschen Filmindustrie erlosch. Sie spielte neben Hans Albers („Das Herz von St. Pauli“), Heinz Rühmann („Der Jugendrichter“) und Heinz Erhardt („Der müde Theodor“), sie war eine Tänzerin in „Das Mädchen Rosemarie“ und eine Straßengöre in „Wir Kellerkinder“, und in der Edgar-Wallace-Verfilmung „Die toten Augen von London“ stieß sie einen jener Schreie aus, für die man damals ins Kino ging.

Fassbinder holte sie ins Kino zurück

Danach folgte ihre Karriere der fallenden Flugbahn des Deutschen Films: vom Kino ins Fernsehen, von Filmen zu Serien („Derrick“, „Tatort“, „Traumschiff“, „Polizeiruf 110“), vom Typus zum Stereotyp. 1979 holte Rainer Werner Fassbinder sie mit „Berlin Alexanderplatz“ ins Kino zurück, und mit „Lili Marleen“, „Lola“, Thomas Braschs „Engel aus Eisen“ und Vadim Glownas „Desperado City“ wurde sie beinahe wieder berühmt. „Ich sehe ein Gesicht, das schon viel gesehen hat, eine Kraft, die lange gereicht hat und dünner geworden ist, eine große Beherrschung“, schrieb der Kritiker Hans-Christoph Blumenberg über ihren Auftritt in Glownas Film. Dabei ist es geblieben. An diesem Samstag wird Karin Baal, das Gesicht einer Generation und einer Epoche, achtzig Jahre alt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Kilb - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Kilb
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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