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100 Jahre „Kicker“

Mit schrulliger Fachlichkeit

Von Christian Eichler, München
Aktualisiert am 14.07.2020
 - 06:36
Durch den „Kicker“ geprägt: die „Torjägerkanone“ als Auszeichnung für den erfolgreichsten Schützen einer Bundesligasaison, 2020 Robert Lewandwoski
Seit 100 Jahren prägt der „Kicker“ die deutschsprachige Fußballlandschaft – weil er den Fußball zur Hauptsache macht und Nebensächlichkeiten ignoriert.

Auf der ersten Titelseite hat er sich selbst verewigt, mit einem Jugendbild. Walther Bensemann, der große Pionier des deutschen Fußballs, hockt als junger Spieler auf dem Mannschaftsfoto der Karlsruher Kickers 1894, mit denen er in jenem Jahr eine „Kontinentalmeisterschaft“ organisierte und gewann. Auch wenn nach Absage der eingeladenen Schweizer Teams nur noch die Kickers und der ebenfalls von Bensemann gegründete Karlsruher FV mitspielten, war es wenigstens gedanklich eine erste, noch sehr frühe Vorform der Champions League.

Wurde der Fußball in Zeiten geistiger Deutschtümelei in der Kaiserzeit von vielen auch noch als ausländischer Unfug abgetan – Bensemann, als Sohn eines jüdischen Bankiers in Berlin geboren, in einem englischen Internat in der Schweiz ausgebildet, später als Sprachlehrer in England tätig, dachte schon international. Und so gab er jener Zeitschrift, die er am 14. Juli 1920 zum ersten Mal herausbrachte und mit einem Handkarren für die weitere Verbreitung zum Konstanzer Bahnhof, dann zur Kreuzlinger Post in der benachbarten Schweiz fuhr, einen internationalen Namen: „Kicker“.

Fachblatt und kein Lifestyle-Magazin

Dieser Name steht bis heute für eine Zeitschrift, die stets Fachblatt blieb und nie Lifestyle-Magazin wurde. Ein Blatt, für das der Fußball seit hundert Jahren die große Hauptsache ist und das die meisten Nebensächlichkeiten, die ihn umgeben, eisern ignoriert. Bensemann, der seine Zeitschrift in der deutschen Isolation nach dem Ersten Weltkrieg als „Symbol der Völkerversöhnung durch den Sport“ sah, erlebte den Boom, den der Fußball und das Fußballheft in den zwanziger Jahren nahmen, erst im Ein-Mann-Betrieb als Verleger und Korrespondent, dann mit stetig wachsender Redaktion hautnah mit.

Beim Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1932, ausgerichtet durch den von ihm mitgegründeten DFB, gespielt zwischen den von ihm mitgegründeten Klubs Bayern München und Eintracht Frankfurt, ausgetragen in Nürnberg, dem neuen Sitz des von ihm gegründeten „Kickers“, hätte er sich, angesichts des von ihm Geschaffenen, zufrieden zurücklehnen können. Doch in der Stadt, in der neben dem „Kicker“ eine weitere Publikation erschien, die vom Namen her ein Fußballblatt hätte sein können, der „Stürmer“, die aber in Wahrheit ein antisemitisches Hetzblatt war, ließ sich das bevorstehende Unheil schon ahnen. Wenige Wochen nach der Machtergreifung der Nazis emigrierte Bensemann im März 1933 in die Schweiz, wo er anderthalb Jahre später starb.

Der „Kicker“, bald auf Parteilinie gebracht, rief ihm Schmähungen nach. Nach dem Krieg zunächst verboten, fand er seinen Neuanfang in der „Sport-Illustrierten“, von alten „Kicker“-Leuten neu gegründet, mit der er, inzwischen wieder auf dem Markt, bald konkurrierte und schließlich verschmolz. Das geschah 1968, der 1. FC Nürnberg war Meister, wie schon im Gründungsjahr, die Bundesliga nahm stetig an Bedeutung zu, auch für Fußballmagazine waren es fette Jahre. Die prägende Figur der Nachkriegszeit beim „Kicker“, Karl-Heinz Heimann, der 57 Jahre für das Blatt arbeitete, davon zwanzig als Chefredakteur und 22 als Herausgeber, erfand die Wahl zum „Fußballer des Jahres“ und die „Torjägerkanone“ für den besten Schützen der Saison, zwei Auszeichnungen, durch deren Vergabe die Zeitschrift in der Öffentlichkeit große Präsenz nicht nur als Begleiter, auch als Akteur des Fußballs bekam.

Die guten Jahre, als die Auflage der beiden Ausgaben am Montag und Donnerstag jeweils über 300000 lag, sind lange vorbei. Zwischen dem neunzigsten und hundertsten Geburtstag hat sich der Verkauf, dem Trend der Zeitschriftenbranche entsprechend, auf knapp über hunderttausend halbiert. Nur das jährliche Sonderheft zur Saison mit allen Transfers, Spielerdaten und der Stecktabelle bewegte sich bisher noch in jedem Sommer bei der Druckauflage in Höhe der Millionenmarke. Diesmal allerdings dürften Produktion und Verkauf des Heftes infolge der Verschiebungen der Transferfristen durch die Corona-Krise schwieriger denn je werden. Dafür hat sich die alte Marke mit den sechs roten Buchstaben, die immer noch für viele Fußballbegeisterte und für jeden Fußballtätigen Pflichtlektüre darstellt, im Digitalen neu erfunden, mit fast zehn Millionen Nutzern und mehr als zwei Milliarden Seitenabrufen.

Auch der „Kicker“ hat Marotten

Wie jeder Hundertjährige, selbst wenn er sich neuer Technik öffnet, hat auch der „Kicker“ seine Marotten, von denen ihn nichts abbringen kann. Eine solide Pingeligkeit in Namen, Zahlen, Daten, in Analyse und Wertung geht einher mit einem Tonfall, der mitunter etwas von einem amtlichen Bescheid hat, etwa beim Bewerten von Schiedsrichtern. Denen werden, wenn kein gravierender Fehler aufzudecken ist, gern wenigstens „Schwierigkeiten bei der Zweikampfbewertung“ bescheinigt (wobei genau betrachtet die „Schwierigkeiten“ des Schiedsrichters lediglich darin bestehen, dass seine Bewertung eine andere als die des Beobachters ist), und wäre jede Gelbe oder Rote Karte, die der strenge „Kicker“ zwingend erforderlich findet, auch erfolgt, an kaum einem Spieltag kämen alle Teams zu elft ins Ziel.

Ähnlich heikel sind die Schulnoten, die die Spieler für ihre Leistung von den Journalisten erhalten und aufmerksam verfolgen. Obwohl die Bewertungen höchst subjektiv entstehen, wirken sie im nüchternen Ambiente des „Kickers“ wie etwas, das als objektive Wahrheit verkündet ist, und wurden früher, als die Klubs noch keine großen Scouting-Abteilungen hatten, als Kriterium bei Spielerverpflichtungen herangezogen. Dabei werden die Noten über die Jahrzehnte hinweg immer schlechter. Vor fünfzig Jahren, als Franz Beckenbauer mit der Durchschnittsnote von 1,50 durch die Spielzeit kam, hatten auch 43 weitere Profis eine bessere Saisonnote als der in dieser Saison Klassenbeste, Robert Lewandowski. Der Stürmer, der 34 Tore schoss, so viele wie niemand seit den siebziger Jahren, neben Manuel Neuer der einzige Bundesligaprofi, den der „Kicker“ in seiner letzten „Rangliste des deutschen Fußballs“ als „Weltklasse“ einstufte, erhielt die Durchschnittsnote 2,43. Letzte Saison, ebenfalls als Torschützenkönig, kam er gar nur auf eine 3,03, Platz 33. Die ersten Plätze belegten neun Torhüter. Paco Alcácer, der alle 67 Minuten ein Tor schoss, bekam eine 3,13. Den Rekord hält übrigens nicht Beckenbauer, sondern ein gewisser Josef Marx, Verteidiger des Karlsruher SC, der 1966 eine 1,40 nach Hause brachte.

Diese mitunter etwas schrullige Fachlichkeit und bierernste Eigensinnigkeit ist umgekehrt der große Trumpf des „Kickers“, dessen Kundschaft die Noten ebenso wie die harte Währung der Zahlen und Fakten, Grafiken und Statistiken bis hinunter in die unteren Ligen schätzt. Und gerade im harten Kern der Fußballbranche mit ihrem fast schon neurotischen Misstrauen gegenüber den Medien schafft diese Ernsthaftigkeit im fachlichen Detail und damit zugleich die traditionelle Distanz des „Kickers“ zu Sensationsjournalismus eine gewisse Sympathie unter Gleichgesinnten. Beim „Kicker“ stehe der Fußball im Mittelpunkt, findet etwa Uli Hoeneß. „Denen ist es ziemlich wurscht, ob ein Spieler ein goldenes Kalbssteak gegessen hat oder nicht.“

Bei aller unaufgeregten Sachlichkeit und den oft arg vorhersehbaren Standardfloskeln, mit denen Spiele beschrieben werden – da wird gern ein Ball humorlos zur Führung versenkt, dann aber mit angezogener Handbremse agiert und deshalb am Ende die Butter vom Brot genommen –, juckt es diesen munteren Hundertjährigen dann aber überraschenderweise immer wieder, Fußball als Wortspiel zu präsentieren, vor allem in Überschriften. Das geschieht nicht immer erstligareif, aber sehr oft amüsant, ob freiwillig oder nicht. So wie noch vor wenigen Wochen, als plötzlich Patrick Swayze als mögliche Verstärkung für den Schalker Angriff am Horizont aufzutauchen schien. Die Überschrift eines Textes über die Schalker Torflaute lautete: „Wackeln im Sturm“.

Besonders lustvoll wird eine eherne Regel des Journalismus ignoriert, die da lautet: Keine Witze mit Namen. Aber warum denn auch? Ein paar Beispiele aus der „Kicker“-Historie: „Schulz und Sühne“, „Immel im 7. Himmel“, „Hammer für Sammer“, „Hart wie Holz, dieser Golz“, „Saftig auf dem Trockenen“, „Drei Böller von Völler“, „Misstöne auf der Thon-Leiter“. Besonders dicke bekam es regelmäßig der schon mit dem Spitznamen „Pannen-Olli“ gestrafte Torwart Oliver Reck, dem man auch noch den Nachnamen verwurstete: „Wenn Reck sich reckt“ oder „Hat’s mit Reck noch Zweck?“ Auf der Zunge zergehen lassen muss man sich die zwei Worte zur Entlassung von Trainer Thomas Doll, Spitzname Dolli, beim Hamburger SV 2008: „Dolli basta“.

Den Gipfel dieser Kunstform erreichte der „Kicker“ kurz vor der Jahrtausendwende. Damals hatte der Bochumer Trainer Ernst Middendorp die Qual der Wahl zwischen zwei nahezu gleich starken Torhütern, Thomas Ernst und Rein van Duijnhoven. Was im großen deutschen Fußballfachmagazin in folgende Schlagzeile mündete: „Tut Ernst Ernst rein? Oder tut Ernst Rein rein?“

Rein im Ernst bleibt uns nur zu sagen: Herzlichen Glückwunsch, lieber „Kicker“, und mehr davon.

Quelle: F.A.Z.
Christian Eichler - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Eichler
Sportkorrespondent in München.
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