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Der Moment ...

... in dem ich beschloss, mit dem Rauchen aufzuhören

Von Patrick Schlereth
 - 06:41
Die wirklich allerletzte Zigarette

Mein Freund Paul kann mitunter sehr überzeugend sein. Eine seiner besten Ideen präsentierte er mir an Silvester auf dem Balkon. „Hey komm, wir rauchen Deine ganze Schachtel zusammen, und ab morgen hörst Du auf!“ Ich war beeindruckt und gerührt, wie eifrig der überzeugte Nichtraucher eine nach der anderen wegqualmte und sich dabei die Seele aus dem Leib hustete, für mich blieb kaum eine Zigarette übrig.

Ach, Paul. Insgeheim wusste ich, es würde nicht klappen. Gute Silvestervorsätze sind nicht meine Sache. Als hätte ich nicht schon alles versucht, vom Nikotinkaugummi bis zur E-Zigarette. Als hätte ich nicht schon vor 16 Jahren auf dem Schulhof geraucht. Mann, war ich cool damals. Und heute? Auch das Bundesnichtraucherschutzgesetz, hässliche Bilder auf den Schachteln und gesellschaftliche Ächtung haben mich nicht gerettet. Was soll ein unter Alkoholeinfluss vereinbarter Silvesterdeal da ausrichten?

Den nächsten Jahreswechsel feierten wir wieder zusammen, was keine so gute Idee war. Für jede Zigarette lallte mir Paul einen hämischen Spruch oder eine wohldosierte Portion gespielte Empörung ins Ohr, er habe ja seine Gesundheit für mich aufs Spiel gesetzt und so weiter. Seitdem sind wieder einige Wochen vergangen, viele Schachteln wurden geraucht, aber der kleine Paul im Ohr hat sich gemütlich eingenistet. War seine Empörung am Ende gar nicht gespielt? Er hatte doch nicht glauben können, dass das wirklich klappt. Oder etwa doch?

Hilft Tabakkonsum bei der Karriere?

Vielleicht begebe ich mich auch, abgesehen natürlich von Paul, in allzu schlechte Gesellschaft. In der Raucherecke hat man vollstes Verständnis, wenn es mal wieder nicht funktioniert hat mit dem Aufhören. Ohnehin versteht man sich dort blendend auf Selbstironie. Den eigentlich folgenschweren „Morgen-hör-ich-auf“-Satz absolut nicht ernst zu meinen, gehört fast zum guten Ton. Wir sind ja so schrecklich intellektuell und hedonistisch, unverstandene Künstler, zurückgeblieben in einer besseren Zeit. Wir denken nicht an Morgen.

Und wenn doch, dann bilden wir uns ein, uns blühe eine rosige Zukunft nicht trotz, sondern wegen des Lasters. Ein Kollege und leidenschaftlicher Raucher schickte mir jüngst einen Artikel über eine Studie, die jedem Nikotinsüchtigen gefallen dürfte. Sie soll aufzeigen, wie der Tabakkonsum „den Karrieren von Männern förderlich sein“ kann. So richtet man sich gemütlich ein in der Teerblase. Aber was hat man davon, wenn man wegstirbt, bevor man den Chefsessel einnimmt?

Na gut, Paul, gehen wir’s an. Aber allein schaffen wir das nicht.

Meine ausgefuchste Strategie entsteht beim Schreiben dieser Zeilen. Die Publikation ist zugleich die Verpflichtung, fehlende Willensstärke ersetze ich durch öffentlichen Druck. Früher erzählte ich nur wenigen von meinen Plänen, damit das Scheitern weniger wehtat. Dabei funktioniert es vielleicht genau andersherum. Je mehr Leute davon wissen, desto weniger kann ich es mir leisten, es nicht durchzuziehen. Wer will schon reihenweise Enttäuschte („Ich habe echt an Dich geglaubt“), Besserwisser („Hättest Du es halt mit Hypnose versucht“) und Möchtegern-Gesundheitsexperten („Weißt Du nicht, dass das ungesund ist?“) um sich scharen? Oder jedes Mal vor Scham im Boden versinken, wenn man gerade heimlich der Sucht gefrönt hat und in der Kaffeeküche gedrückt bekommt: „Hey, voll cool, dass Du aufgehört hast, echt stark!“

Ein neues Laster findet sich bestimmt

Und falls der öffentliche Druck nicht ausreicht, verlagere ich meine Neigung zum Suchtverhalten einfach auf andere Objekte des Verlangens. Wenn ich eine Zigarette will, gibt es stattdessen eine Tüte Chips, zwei Familienpizzen oder drei vierfache Espressi. Notfalls kippe ich mir Starkbier hinter die Binde, bis mir zu übel ist, um überhaupt an eine Zigarette zu denken. Jaja, ich weiß, schon klar, meine arme Leber, aber meiner Lunge würde es gut tun.

Und irgendwann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, bin ich garantiert so weit, dass ich guten Freunden zu Silvester die Schachtel wegrauchen und es am nächsten Tag wieder sein lassen kann. Ich gehe noch einmal auf den Balkon, und dann ist Schluss mit der Sucht. Für immer. Ehrenwort.

Zu Transparenzzwecken gebe ich zu, dass dieser Text noch zwei Wochen lang auf meinem Desktop herumlag und noch ein paar Zigaretten durch meine Finger gingen, bevor ich es über mich brachte. Aber jetzt gilt‘s. Jetzt wirklich. Für Paul.

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Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Schlereth, Patrick
Patrick Schlereth
Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.
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