FAZ plus ArtikelJoachim Gauck im Interview

Eine kaum erklärbare Traurigkeit

Von Reinhard Müller
02.10.2020
, 07:26
Sogar für den einstigen Bürgerrechtler Joachim Gauck ist das Ende der DDR ein Verlust. Er trauert nicht dem Staat nach, aber den Notgemeinschaften gegen ihn.

Herr Präsident Gauck, was ist das größte Versäumnis der Wiedervereinigung?

(seufzt) Ich habe darüber lange nachgedacht. Mir fällt da nur wenig ein. Sicher gibt es Gruppen, denen mehr Gerechtigkeit hätte widerfahren können, wenn es etwa um Renten geht. Bei mehr Zeit hätte man anders, mit mehr Kontrolle gestalten können, etwa beim wirtschaftlichen Übergang. Aber diese Zeit gab es nicht.

Gibt es Fehler, die man heute noch reparieren könnte? Gibt es eine Systemverdrossenheit, der man mit der damals aus guten Gründen nicht vollzogenen Verfassungsneuschöpfung heute begegnen könnte?

Der ostdeutschen Demokratiebewegung war das wichtig, und idealerweise wäre eine neue Verfassung der Weg gewesen. Aber eine Verfassungsdebatte ist nicht in einem halben Jahr zu bewältigen. Es war damals bewegend, zu sehen, wie die Menschen darangingen, eine eigene Verfassung zu schaffen. Es ist ein generelles Manko dieser schnellen Vereinigung, dass die Ermächtigung der Akteure, die aus der Ohnmacht heraus plötzlich begriffen haben: „Mensch, wir sind ja das Volk, und wir werden die Verantwortlichen sein“, dass diese Phase so schnell zu Ende ging. Es hat etwas Tragisches, dass dieser glückhafte Moment des Aufbruchs und des Erkennens der eigenen Potentiale durch die zu Hilfe kommenden Spezialisten aus dem Westen, die wir übrigens brauchten und denen wir dankbar sind, dazu geführt hat, dass ein Teil der neu Aktivierten sich zurücklehnte und sagte, ach die können das ja besser. Dann lässt man sich nur noch verwalten. Daraus erwächst später eine Frustbewegung, die so tut, als wären die Westdeutschen über uns gekommen. Dabei war es der Wille der Ostdeutschen, der diese schnelle Einigung gewünscht herbeigeführt hat. Deswegen ist es völlig verfehlt, von „Übernahme“ zu sprechen. Aber zweifellos haben viele durch diese Art des Übergangs auch an Handlungsmacht verloren.

Fehlt dieser basisdemokratische Moment auch heute noch?

Was fehlt, ist ein breites, gewachsenes demokratisches Selbstverständnis. Auch im Westen konnten sich die Deutschen erst langsam in einem Raum der Freiheit zu Citoyens entwickeln. Deshalb haben wir in jedem Land, das sich in einem Transformationsprozess aus einem totalitären Staat befindet, diesen Rückstand an Zivilgesellschaft. Dieses Abschütteln der Ohnmacht ist eben nicht zu verordnen, das muss gelernt sein. Meines Erachtens ist nicht der Unterschied Ossi/Wessi, sondern Ossi/Ossi am bemerkbarsten. Freiheit ist doch im Kern Verantwortung. Nur die muss eingeübt werden. Bis heute ist in Ostdeutschland jenes Netz von zivilgesellschaftlichen Initiativen, auf die Politik im Westen bauen kann, dünner. Deshalb sind hier Populisten und speziell Rechtsradikale auch erfolgreicher.

Sie sprechen von eingeübt, könnte man auch festgefahren sagen, im Westen?

So würde ich es nicht beschreiben. Aber in allen Gesellschaften haben Sie Kräfte, die den Wandel positiv bewerten und die sich vor ihm fürchten.

Wandel muss nicht immer positiv sein ...

Aus der Diktatur kommend, schon. Aber das Komplizierte ist, dass die Probleme des Einigungsprozesses vermischt sind mit dem weltweiten Wandel aufgrund von Digitalisierung, Globalisierung, Klimawandel und Migration. Die alten Gewissheiten sind verschwunden. Noch ist längst nicht überall ausgemacht, wie der Wandel positiv zu gestalten ist.

Was war gut an der DDR?

Gut war das, was die Führung der DDR nicht wollte. Es war gut, dass Menschen sich auf eine Weise verbündet haben, wie sie es in freien Gesellschaften nicht nötig haben. Dass sie einander materiell, aber vor allen Dingen ideell beistehen mussten, dass so etwas wie eine Gegenkultur der Unterdrückten gewachsen ist. Das haben wir gespürt in unseren Kirchgemeinden, in alternativen Jugend- und Musikgruppen, in Freundeskreisen oder parteifernen Nachbarschaftszirkeln. All das war nicht DDR-Sozialismus, all das war das Ringen um Autonomie, um geistige Freiheit, um den Erhalt der Würde der einzelnen Unterdrückten.

Wenn wir darüber hinaus fragen, was hätten wir mitnehmen sollen, dann sind den Leuten nur wenige Dinge eingefallen, etwa die Polikliniken oder die Kindergärten. Aber auch da wird der genaue Blick auf diese Einrichtungen sofort wieder Skepsis erzeugen, wenn wir den Mangel in der einen Einrichtung und die Indoktrination in der anderen anschauen. Also mir fällt da nichts ein. Aber das eigentlich Merkwürdige oder Anrührende ist, dass selbst bei Menschen wie mir, der ich der DDR keine Träne nachweine, mitunter ein ganz unpolitisches Gefühl des Abschieds oder einer irgendwie kaum erklärbaren Traurigkeit entsteht. Ich habe mich gefragt, das passt doch gar nicht zu deinem politischen Denken. Kann ich denn vermissen, was mich unterdrückt hat? Nein, das kann ich nicht. Aber in dieser Zeit der Unterdrückung haben Menschen ihre kleinen Gegenwelten zur Unterdrückung gesucht und gebaut, und dann ist vielfach eine Wärme und eine Intensität des Miteinanders entstanden, die die Kälte der Diktatur erträglich machten. Diese Nähe und Intensität gab es dann später so nicht mehr.

Ist diese Gemeinschaft zerbrochen mit dem Ende der DDR?

Ja, so etwas endet jedenfalls. Eine Notgemeinschaft ist außerhalb der Not nicht mehr wichtig. Ganz merkwürdige Dinge geschehen dann: Du gehst in ein Konzert oder in einen Gottesdienst in einem frei gewordenen Land, und plötzlich ist die alte Intensität der Verbundenheit gar nicht mehr da. Eben war es noch ganz tief gefühlt: Wir gegen die da, und wir bleiben bei unserer Wahrheit, und wir stehen dazu, und etwas in uns, ganz Zentrales ist in Bewegung, ist wachgeküsst, es muss sich behaupten. Und nun in der Freiheit bist du plötzlich in diesem großen weiten Raum, wo alles möglich ist – ja wo ist denn diese Intensität? Viele von uns Ostdeutschen haben das Gefühl, dass wir genau wissen, was wir verwerfen, und gleichwohl das Gefühl haben, etwas verloren zu haben. Vielleicht mag das nicht jeder verstehen, aber ich habe versucht, durch den Blick in mein eigenes Innenleben ein Verstehen zu ermöglichen.

Was können wir von den Menschen lernen, die die DDR-Zeit erlebt haben?

Dass Werte, auch wenn sie nicht unterdrückt werden, dennoch geschützt und am Leben gehalten werden müssen.

Haben Sie eine gewisse Sympathie für den Gründungsgedanken der DDR, also nicht für ihre Verbrechen, sondern für die Idee eines Neuanfangs, auch wenn sie von Moskau kam?

Ich antworte in zwei Richtungen: Einmal betrachte ich die Staatsgründung und zum anderen das Denken von Menschen, die daran beteiligt waren. Ich fange mit dem Letzteren an: Deutschland als Nation war 1945 am Ende, wir waren moralisch und in jeder Hinsicht delegitimiert. Es brauchte eine Neubesinnung. Und wenn man sich vorstellt, dass Sozialdemokraten und Kommunisten gegen Hitler und die Diktatur gekämpft und geträumt haben von einer gerechten Gesellschaft, dann muss ich davon ausgehen, dass dieser Glaube an eine Erneuerung aus dem Geist der sozialistischen Ideen heraus auch viele Linke angetrieben hat. Gleichzeitig war die Herstellung eines Staatssystems so vom Stalinismus und vom Herrschaftskommunismus geprägt, dass diese Ideale in der Realität nicht verwirklicht wurden. Es war evident, dass die DDR eine Diktatur werden würde. Das heißt aber nicht, dass alle, die daran mitgewirkt haben, ohne emanzipatorischen Anspruch und willentlich Unterstützer einer Diktatur waren.

Wirkt das Erbe der DDR heute noch im Verhältnis zu Russland nach? Auch im Westen gibt es eine Nähe zu Russland?

In Bezug auf Russland und die „russische Seele“ gibt es eine altdeutsche Romantik, die immer mal wieder neue Gesichter bekommt. Da gibt es eine unpolitische Betrachtungsweise, die eine Nähe des deutschen Gemüts zum russischen auszumachen imstande ist. Das halte ich für politischen Kitsch. Und die tatsächliche Brutalität von Unterdrückung, wie durch das Putin-Regime, kann man natürlich auch dadurch mindern. Dazu kommt, dass dort, wo die liberale, demokratische Kultur weniger weit entwickelt ist, die Sehnsucht nach einfachen Lösungen und autoritärer Führung existiert. Das zeigt sich im ostdeutschen Wahlverhalten, egal, ob Parteien am linken oder rechten Rand gewählt werden.

Das wird erleichtert, wenn man einen Trump im Weißen Haus hat.

Ja, das kommt dazu, dass es traditionelle Amerika-Feindschaft nicht nur auf der Linken gibt, sondern auch in Teilen des konservativen Milieus. Es fällt mir schwer, letztlich zu sagen, warum Putin und sein Regime immer wieder entschuldigt werden. Ist es die Angst der lange Unterdrückten oder eine Art Stockholm-Syndrom? Wie kann man vergessen, dass ohne die Sowjet-Panzer wir schon 1953 auf dem Weg zu Demokratie und Einheit waren? Gott sei Dank sind nicht alle Ostdeutschen geschichtsblind.

Was heißt es demnach, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen?

Angesichts neuer Bedrohungen alter und aufstrebender Mächte sind wir gut beraten, unsere Bündnisse, die wir geschaffen haben, einst, um uns gegen die immer weitere Ausdehnung eines Imperiums zu wehren, ernst zu nehmen und am Leben zu halten. Wir müssen uns dafür einsetzen, was uns als Westen konstituiert: die Menschenrechte, die liberale Demokratie und die multilaterale Zusammenarbeit. Wir müssen verteidigen, was uns am Herzen liegt.

Wenn Sie einen Wunsch hätten angesichts der aktuellen Entwicklung, welcher wäre das?

Es gibt vielfältige Einladungen zum Defätismus. Das Allerwesentlichste, was ich in meinem 80-jährigen Leben erfahren habe, ist, dass man ein Verharren in Angst und Ohnmacht, so menschlich beide Gefühle sind, niemals akzeptieren darf, sondern dass man sich zutrauen muss, Inferiorität und Ohnmacht zu verwandeln in verantwortungsvolles Handeln. Und dass man der Angst entgegentreten muss mit der Überzeugung: Wir haben in unserer Geschichte total versagt, aber wir haben in unserer Geschichte auch konstruktiv gestalten können und uns neben einem Wirtschaftswunder ein veritables Demokratiewunder geschaffen. Der Rückblick auf das, was uns gelungen ist, kann uns elementar ermutigen. Eine aus der Erfahrung gespeiste Zuversicht ist das, was dieses Land braucht.

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Müller, Reinhard
Reinhard Müller
Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.
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