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Das Bild als Erzählform

Von TIMO STEPPAT

02.11.2019 · Exklusive Bilder und eigene Fotografen hatten in der F.A.Z. immer ihren festen Platz, wenn auch früher weniger als heute. Hier zeigen die Fotografen die Fotos, die ihnen am Herzen liegen.

S chon in den ersten Jahrzehnten gab es Bilder in der F.A.Z., aber nur wenige. Im Wirtschaftsteil in der Regel keine, im politischen Buch zwei bis drei: mal auf der dritten Seite, täglich auf „Deutschland und die Welt“ und ein einspaltiges Porträtfoto auf „Zeitgeschehen“. Nur in der Tiefdruckbeilage „Bilder und Zeiten“ und im Feuilleton bekamen Fotos mehr Platz. Vor gut 30 Jahren, im Jahr 1988, schufen die Herausgeber dann eine Bildredaktion. Sie bestand nur aus einer Person, Christian Pohlert. Seine Mission: die Zahl der Bilder im Erscheinungsbild erhöhen und die Bildqualität verbessern.


Bald nahm auch das Interesse schreibender Kollegen zu. Viele merkten, dass Texte mit Foto stärker wahrgenommen wurden – weil es dann mehr Leserbriefe gab. Indem die Bedeutung des Bildes zunahm, wuchs auch die Bildredaktion im Laufe der Jahre auf mehr als ein Dutzend Redakteure. Ihre Besonderheit, auch im Bildjournalismus allgemein: „Das Bild ist nicht der Grafik unterworfen, es ist kein Gestaltungselement“, sagt Pohlert. „Es ist eine journalistische Erzählform.“ Das drückt sich auch in der formalen Unabhängigkeit aus. Neben Text und Grafik ist das Bild eine eigenständige Säule, die direkt den Herausgebern untersteht.

Beraten über Bilder (von l. nach r.): Daniel Pilar, Claus Eckert, Wolfgang Eilmes, Julia Zimmermann, Helmut Fricke, Henner Flohr, Barbara Klemm und Frank Röth Foto: François Klein

Die Redaktionsfotografen der F.A.Z., die es schon vor der Gründung der Bildredaktion gab, waren in vielen historischen Momenten dabei. Fritz Fenzl fotografierte 1955 Nikita Chruschtschow in Genf und 1956 Winston Churchill in Aachen. Wolfgang Haut und Barbara Klemm dokumentierten die deutsche Einheit, Wolfgang Eilmes den Kosovo-Krieg, Helmut Fricke den Anschlag auf das World Trade Center oder Daniel Pilar die Grauen der Ebola-Epidemie in Afrika. Dabei war es nie der Anspruch, Zeitgeschichte durch eigene Fotos abzubilden. „Wenn wir jemanden hinschicken, geht es um einen eigenen Blick auf das Geschehen.“ Als Beispiel nennt Pohlert, wie Helmut Fricke einmal Mitte der Neunziger kurzfristig zu einem EU-Gipfel nach Brüssel fuhr und eigentlich keine Akkreditierung hatte. Es entstand dann vor dem Eingang das einmalige Bild, wie Kohl mit deutlicher Verspätung aus seiner Limousine stieg und Strickjacke gegen Sakko tauschte.


Der eigene Blick ist auch für das Bild auf der Seite 1 der Zeitung entscheidend. Wenige Tage nach der Einführung des Fotos im Oktober 2007 sank der Dax um zwölf Prozentpunkte, und Pohlert schickte Julia Zimmermann zur Deutschen Börse. Ihre Aufnahme des Fluchtplans des Gebäudes erschien auf Seite 1. Oder erst vor wenigen Monaten, als über die Verbindungen des Sängers Bushido zu kriminellen Clans berichtet wurde. Ausgehend vom Lied „Mephisto“ des Rappers, erschien das Bild eines Pudels auf der Titelseite. „Des Pudels Clan“ stand darüber. War die Abwesenheit eines Bildes auf der Seite 1 vorher ein Alleinstellungsmerkmal der Zeitung, ist es heute das Bild selbst. Es muss nicht das Foto sein, das viele Zeitungen für das Foto des Tages halten. Es soll sich vom Alltäglichen lösen, einen anderen Blickwinkel eröffnen.

In den über dreißig Jahren, die es die Bildredaktion gibt, ist die Zahl der Fotos, die täglich in der Redaktion eingehen, massiv gestiegen. Liefen früher um die 100 Funkbilder pro Tag als Ausdrucke im Botenzimmer ein, sind es heute mehr als 15000 aus ganz unterschiedlichen Quellen, die täglich eingehen. Sie alle müssen gesichtet werden. „Unsere Aufgabe ist es, dass trotz der Flut an Fotos unsere inhaltlichen Ansprüche an journalistische Fotografie bei allen unseren Veröffentlichungen eingehalten werden“, sagt Henner Flohr. Von Dezember an folgt er auf Pohlert als Leiter der Bildredaktion. Bilder auf ihre Wahrhaftigkeit zu prüfen, auch im Digitalen diese Ansprüche zu erfüllen und weiterhin eigene Fotografen als verlässliche Augenzeugen vor Ort zu haben, das ist auch für Flohr entscheidend.

Helmut Kohl in Dresden

„Es war das erste Mal, dass Bundeskanzler Helmut Kohl nach dem Mauerfall im Dezember 1989 nach Dresden kam. Die Pressekonferenzen tagsüber habe ich mir nicht angeschaut, um mir für seine Rede am Abend einen guten Platz zum Fotografieren zu suchen. Kohl sprach vor der Ruine der Frauenkirche, es war ein historischer Moment im Abendlicht. Später habe ich mich an den Bahnhof Neustadt gestellt, um einen Passanten zu finden, der die Filme mit dem letzten Zug nach Frankfurt bringt. In der Nacht habe ich schlecht geschlafen, aber die Filme kamen in der Redaktion an.“

Barbara Klemm



Russischer Angriff auf Südossetien

„Die russische Armee hatte wenige Tage zuvor Georgien angegriffen. Es war Anfang August 2008, wir standen vor dem Parlament in Tiflis. Viele Vertriebene kamen aus den Gebieten, die die Russen besetzt hatten. Die Frau mit dem Kind, die eine Unterkunft und Essen suchte, war eine von ihnen.“

Frank Röth



Bürgerkrieg in Äthiopien

„Das Bild habe ich gemacht, weil es in dem Moment so friedlich war. In der Grenzregion zwischen Äthiopien und Eritrea tobten im Januar 2006 noch Auseinandersetzungen, ein erbitterter Kampf, als die Frauen in die Getreidemühle von Zala Ambesa kamen, um ihre Hirse mahlen zu lassen. Vorher versuchen sie, die Spreu vom Korn zu trennen. Jetzt hat der Präsident von Äthiopien, Abiy Ahmed, den Nobelpreis bekommen. Ihm ist es gelungen, Frieden mit Eritrea zu schließen.“

Wolfgang Eilmes



Angriff auf Amerika

„Ich war Anfang September 2001 wegen einer ganz anderen Geschichte in New York. Als die Nachricht des Anschlags auf das World Trade Center kam, musste ich erst einen Taxifahrer finden, der mich in die Nähe bringt. In Lower Manhattan habe ich mich dann mit etwas Abstand auf eine Mauer gestellt und mit meiner Leica Bilder gemacht. Als der Südturm in sich zusammenstürzte, lief die Frau, die im Bild schreit, direkt auf mich zu. Eine gigantische Staubwolke zog durch die Straßen, ich konnte nicht runterspringen, weil ich nichts sah. Ich blieb also da oben stehen und hatte Angst, dass mir was auf den Kopf fällt. Als sich der Staub legte, waren die Straßen vollkommen leer.“

Helmut Fricke



Grubenfahrt auf Prosper Haniel

„Ich wusste vorher, dass ich keine Elektronik mitnehmen durfte, also weder Digitalkamera noch Belichtungsmesser, um die Lichtmenge zu berechnen. Ich habe also analog fotografiert, viel nach Gefühl. Eigentlich sollte die Besuchergruppe, mit der ich dort war, schon wieder hochfahren, da setzten sich die Bergarbeiter noch mal an den Tisch für eine Pause. Ich hab schnell noch das Bild gemacht. Es war im November 2018, die Kohleförderung in Bottrop war gerade eingestellt worden, die Arbeiter haben nur noch die Technik demontiert. Es war das Ende der letzten Steinkohlenzeche.“

Frank Röth



Lagerfeld und Schiffer

„Eigentlich komme ich von der Nachrichtenfotografie. Die Modenschauen sind eine ganz eigene Welt: Hunderte Fotografen kämpfen um die wenigen Plätze in der Mitte, um am besten die Models abzubilden. Die Verteilung der Plätze verläuft nach beinahe mafiosen Prinzipien, besonders die italienischen Fotografen verstehen keinen Spaß. Im Foto sieht man das Finale der Schau, Maestro Karl Lagerfeld tritt auf. Neben ihm ist Claudia Schiffer, damals die absolute Queen, in einem Brautkleid von Chanel.“

Helmut Fricke



Auf der Flüchtlingsroute

„Die Menschen, die hier über die Schienen in Serbien laufen, wollten nach Ungarn. Große Teile des Zauns, den Budapest hatte errichten lassen, standen Anfang September 2015 schon, aber es gab noch Lücken. Die Flüchtlinge steuerten allerdings geradewegs auf serbische Polizisten zu, viele hatten Angst, dass sie nicht weiterkommen. Während in Deutschland viele besorgt waren, dass nur junge Männer kämen, sah ich viele Kinder und Kranke, die teilweise auf Krücken den Weg gingen.“

Daniel Pilar



Breschnew und Brandt in Bonn

„Eigentlich hätte ich dort 1973 nicht sein dürfen. Meine Poolkarte als Fotografin war nur für ein Treffen der Außenminister ausgestellt, aber ich hatte gehört, dass die Farbe der Zugangskarte für das Treffen zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und Leonid Breschnew, dem Generalsekretär der KPdSU, die gleiche Farbe haben würde. Als Breschnew in den Raum kam, sagte er, endlich sei auch mal eine Frau da, das übersetzte mir später jemand. Die Gespräche waren intensiv, voller Spannung.“

Barbara Klemm



Lars Eidinger schwebt

„Ich mache oft Porträts. Das Fotografieren ist für mich ein Prozess, eine Annäherung. Es entsteht dadurch ein Raum des Vertrauens, ein gegenseitiges Inspirieren. Ich habe keine Erwartung, lasse mich auf die Person und den Raum ein, meist ergibt sich dann etwas aus dem Moment heraus. Mal schlage ich mehr vor, mal weniger, ähnlich wie bei einem Tanz, eine Mischung aus Hingabe, Präsenz und Führung, je nach Chemie. Dieses Bild von Schauspieler Lars Eidinger entstand nach einem beflügelnden Shooting im Seitengang der Schaubühne in Berlin auf dem Weg zum Ausgang.“

Julia Zimmermann



Staatsgründung in Südsudan

„Es war am Tag, nachdem sich Südsudan zu einem unabhängigen Staat erklärt hatte, im Juli 2011. An der Grenze zu Sudan wurde noch gekämpft, viele Menschen flohen. Gleichzeitig fand in Juba, der Hauptstadt des Südens, ein evangelischer Gottesdienst statt, bei dem die Staatsgründung gefeiert wurde. Es sah aus wie eine Mischung aus Freudentanz und Exorzismus.“

Daniel Pilar



Ein Massengrab im Kosovo

„Mit dem Korrespondenten Matthias Rüb war ich im Sommer 1999 im Kosovo unterwegs. Wir liefen durch den kleinen Ort Krusha Madhe, als uns ein Mann heranrief. Er wollte uns etwas zeigen. In seinem Haus war alles zerstört. Es roch nach verbrannten Leichen, ein bestialischer Gestank. Die Anwohner, die vertrieben worden waren, entdeckten ein Massengrab in dem Haus. Es waren die Ausläufer des Kosovo-Krieges, die Stimmung war sehr angespannt. Später erst erfuhren wir, dass genau zu dieser Zeit zwei deutsche Journalisten in der Gegend umgebracht wurden.“

Wolfgang Eilmes



Reich-Ranicki und sein Berlin

„Mit dem Herausgeber Frank Schirrmacher und Florian Illies, der für die Berliner Seiten verantwortlich war, hat Marcel Reich-Ranicki uns das Berlin seiner Kindheit und Jugend gezeigt. Wir waren im Haus, wo er wohnte, später dann in seiner alten Schule in Wilmersdorf. Reich-Ranicki war zu dem Zeitpunkt 79 Jahre alt, er schaute mit freundlichem Blick auf die Kinder, die um ihn herumtollten.“

Frank Röth



Protokolle: Timo Steppat

Quelle: F.A.Z.

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