Kanzlerin im F.A.Z.-Interview

„Ich folge Donald Trump nicht regelmäßig“

Von Oliver Georgi
26.09.2019
, 17:25
Mit der F.A.Z. verbindet Angela Merkel eine persönliche Geschichte. Zur Jubiläumsfeier der Zeitung bespricht sie mit Herausgeber Berthold Kohler, warum die Welt auch in Zeiten von Trumps Twitter-Tiraden keine schlechtere als früher ist und was sie nach ihrer politischen Karriere vorhat.

Angela Merkel (CDU) schätzt die F.A.Z. so sehr, dass sie sie gleich zwei Mal abonniert hat: Das verriet die Bundeskanzlerin am Donnerstag beim ersten Leserkongress, den die F.A.Z. zu ihrem 70. Geburtstag im Kap Europa in Frankfurt ausrichtete. Mindestens ebenso bemerkenswert: Bei der Lektüre nähern sich Merkel und ihr Mann Joachim Sauer der Zeitung nachgerade dialektisch an: „Mein Mann liest die F.A.Z. immer vom Vortag“, erzählte die Kanzlerin im Gespräch mit Herausgeber Berthold Kohler. „Ich lese parallel auf dem iPad schon die vom nächsten Tag. Das Interessante ist: Jeder findet etwas Interessantes.“

Mit der F.A.Z., den Eindruck musste man am Donnerstag in Frankfurt abermals gewinnen, verbindet Angela Merkel eine lange gemeinsame Geschichte – immerhin sorgte sie 1999, noch als junge Generalsekretärin, mit ihrem Namensbeitrag in der F.A.Z. für die abrupte Ablösung der CDU von Helmut Kohl. Ein Tag, der Merkel in Erinnerung geblieben ist, wie sie erzählte – auch weil die Zeit bis zum Redaktionsschluss damals äußerst knapp war. So habe sie ihren Text nicht sofort den politischen Herausgebern angeboten, sondern dem damaligen Leiter des Berliner Büros der F.A.Z., Karl Feldmeyer.

„Der war aber beim Mittagessen, es dauerte bis 15 Uhr, bis er wieder zurück war“, erzählte Merkel unter Gelächter im Saal. „Da kam ich echt ins Schwitzen.“ Für besondere Erheiterung sorgte auch Kohlers Aussage, die erste Auskunft aus dem Hauptstadtbüro über Merkels Text habe gelautet: „Ganz interessant, aber nichts Besonderes.“ Der Reporter habe von ihr eben „einfach nichts erwartet“, so Merkels Replik. Darauf Kohler: „Herr Nonnenmacher und ich wussten bei Ihnen damals schon, dass wir bei Ihnen mit allem rechnen müssen“.

Keine Zeit für gewissenhafte Nachfragen

Eine bestens aufgelegte Kanzlerin also, die in Frankfurt in einem launigen Gespräch auch abseits der F.A.Z. Interessantes zu berichten wusste – und Erleichterndes. Etwa, dass sie dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump weder auf Twitter noch anderweitig regelmäßig folgt – was abermals für Glucksen im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal sorgte. Trump habe es geschafft, dass alle seine Tweets längst „wie Presseerklärungen behandelt“ würden. „Twitter ist ein offizielles Verlautbarungsmedium geworden“, sagte die Kanzlerin und erzählte dann, wie in der Bundespressekonferenz seinerzeit noch „ein Raunen“ durch den Saal gegangen sei, als Regierungssprecher Steffen Seibert dazu überging, Informationen der Bundesregierung auch auf Twitter zu verkünden. Überhaupt habe sich auch ihr Medienkonsum sehr in Richtung digitale Medien verlagert, berichtete die Kanzlerin, die zwei Mal täglich eine Presseschau von rund 100 Seiten Umfang erhält. Nur die Seite drei lese sie auch in der F.A.Z. am liebsten in Papierform.

Das sei der größte Unterschied zu früher, sagte Merkel: Das politische Geschäft sei so schnell geworden, dass viele Medien sich oft nicht mehr genügend Zeit für gewissenhafte Nachfragen und die Überprüfung einer Meldung nähmen. „Heute fragt keiner mehr, ob es stimmt, es wird erst mal weiterverbreitet. Und wenn Sie als Politiker eine Falschmeldung nicht sofort dementieren, verbreitet sie sich durch die sozialen Netzwerke in einer Geschwindigkeit, dass man sie nicht mehr einfangen kann.“ Auch die immer kürzeren Konjunkturzyklen von Themen und die sinkende Aufmerksamkeitsspanne macht die Kanzlerin als Problem aus. „Sehr häufig spielen interessante Geschichten tagelang eine große Rolle, danach hat man aber große Mühe, sie weiterzuverfolgen, weil sich das nächste emotionale Ereignis darüberlegt.“

Auch für Politiker berge das viele Risiken, weil sich das gesamte Rezeptionsverhalten verändert habe: „Man muss sehr schnell etwas wissen, aber man muss nach zehn Tagen nicht mehr wissen, was daraus geworden ist. Dann muss man schon wieder beim nächsten Thema sein.“ Gerade deshalb sei es für Politiker wichtig sich bewusst zu machen, dass es stets „mindestens zehn bis 15 Themen“ gebe, die wichtig seien – im aktuellen Fall eben nicht nur der Klimawandel, der durch Greta Thunberg derzeit omnipräsent ist, sondern etwa auch der Irankonflikt oder die Katastrophe am Horn von Afrika. „Im Jemen hungern seit zwei Jahren Millionen Menschen, aber es ist unheimlich schwer, jemanden zu finden, der mit einem darüber sprechen will“, so Merkel. „Da heißt es dann schnell, jetzt lenken Sie doch nicht von Ihrem Klimathema ab!“ Umso schöner sei es, dass es noch Zeitungen gebe, die über einen Sachverhalt kontinuierlich berichteten, schob Merkel hinterher – auch wenn sie den Namen F.A.Z. da nicht aussprach, dürften viele im Saal das durchaus als Lob begriffen haben.

Merkel wehrte sich aber vehement gegen den Eindruck, die Welt sei heute eine schlechtere als früher – im Gegenteil. Die Gefahr sei aber, dass etwa die europäische Einigung und der Multilateralismus, die beide ein Ergebnis der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs seien, nicht mehr geschätzt würden. „Aber ich kenne bis jetzt nichts Besseres.“ Selbst mit Blick auf das Brexit-Chaos verbreitete die Kanzlerin in Frankfurt Optimismus: „Die Briten kommen schon wieder in gutes Fahrwasser“, sagte Merkel. „Da mache ich mir gar keine Sorgen.“

Vor der Veranstaltung hätten ihm einzelne Leser aufgetragen, die Kanzlerin „jetzt mal richtig zu grillen“, hatte Berthold Kohler zu Beginn des Gesprächs noch gescherzt – doch dafür stand auch dem Publikum in der anschließenden Fragerunde nicht der Sinn. Im Gegenteil, ein Leser lobte die Kanzlerin ausdrücklich für ihre „charmante und offene Art“ und ihren oft kritisierten Satz „Wir schaffen das“ in der Flüchtlingskrise. „Danke für viele gute Jahre“, sagte er. Und dann, in Anspielung auf Merkels Wort, wenn sie sich für die humanitäre Geste der Flüchtlingsrettung entschuldigen müsse, dann sei das nicht mehr ihr Land: „Es ist unser Land geblieben.“

Ob sie wie einst Helmut Schmidt bei der „Zeit“ womöglich eine publizistische Tätigkeit, vielleicht als Herausgeberin anstrebe, wollte Kohler zum Ende von der Kanzlerin wissen. Darauf Merkel: „Wollen Sie hier Angst und Schrecken verbreiten?“ Nein, aber die F.A.Z. werde ja immer wieder gedrängt, endlich eine Frau ins Herausgebergremium zu holen, so Kohler. Nach ihrem Ausscheiden aus der Politik wolle sie als erstes alle Stätten besuchen, an denen sie Ehrendoktorin geworden sei, antwortete Merkel. „Ansonsten halte ich mir alles frei.“ Am Ende – wie schon zu Beginn, als sie den Saal betrat – großer Beifall für die Kanzlerin.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Georgi, Oliver
Oliver Georgi
Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Nachrichten und Politik Online.
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