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Liebe Alte Dame

Von PETER-PHILIPP SCHMITT
Ein Fest in der Berliner Wohnung von Hans Keßler Ende Januar 1933. / Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

09.01.2019 · Bis 1933 schrieb Hans Keßler an seine Mutter fast 100 Briefe und Postkarten über sein Leben als Bauhaus-Student. Sie sind ein einzigartiges Zeitdokument.

D ie erste Postkarte an die „liebe ,Alte Dame'“ schrieb Hans Keßler am 1. September 1931 im „Drei Kronen“ in Dessau - ausgerechnet in dem Hotel, das seit 1923 Versammlungsort der Ortsgruppe der NSDAP war. Nur wenige Wochen später, am 25. Oktober 1931, sollten die Nazis bei den letzten demokratischen Wahlen in Anhalt 39 Prozent der Stimmen bekommen, schon im Januar 1932 stellte Ortsgruppenleiter Paul Hofmann erstmals den Antrag, das Bauhaus aufzulösen. Da wurde er noch abgelehnt.

Hans Keßler hatte die erste von vielen Postkarten an seine Mutter mit Bedacht gewählt. Vorne ist das Bauhaus zu sehen, das Walter Gropius Mitte der zwanziger Jahre entworfen hatte. Auf die Rückseite schrieb Keßler: „Da siehst Du es, das Bauhaus; ist es nicht schön?“ Von Dessau war der Student „im angenehmen Sinne überrascht: es ist doch ein ganz nettes, sauberes Städtchen“. Einen Monat später, am 2. Oktober 1931, folgte die zweite Postkarte: „Endlich habe ich eine ganz nette Bude gefunden, liegt ganz in der Nähe des Bauhauses, in einer Siedlung.“ Und weiter schrieb er: „Als meine Wirtin erfuhr, daß ich vom ,Bauhaus' sei, sagte sie, die Nippes und Bilder könnten ja aus dem Zimmer heraus; sie war Kummer gewöhnt.“

„Ist es nicht schön?“: Hans Keßlers erste Postkarte an seine Mutter vom 1. September 1931 zeigt das Bauhaus Dessau. Der Brief stammt vom 23. Februar 1933 und berichtet vom Bauhausfest, über das sogar die „Vossische Zeitung“ eine kurze Notiz verfasste, die dem Brief beigefügt ist. Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

Hans Keßler, Jahrgang 1906, hatte sich im Sommer 1931 an der Technischen Hochschule in Stuttgart exmatrikuliert, um ein „Bauhäusler“ zu werden. Er wurde nicht enttäuscht: „Der Hauptunterschied von der Technischen Hochschule besteht darin, daß der Student hier nicht einfach eine Maschine ist, in die man oben Fachwissen einstopft und aus der unten Stumpfsinn herauskommt, nein, das Selbstschaffen, Erfinden spielt hier eine große Rolle und der Wille, nicht Fachmenschen mit beschränktem Horizont heranzubilden, sondern ganze Menschen, die wissen, daß eine Verbindung aller Gebiete möglich ist.“

Fast zwei Jahre lang schrieb Keßler regelmäßig an seine Mutter Wilhelmine Keßler in Essen. In 100 Postkarten und Briefen schilderte er das Studentenleben, zunächst in Dessau dann in Berlin, aber auch die Versuche der Nazionalsozialisten, der Institution den Garaus zu machen. Schließlich blieb dem dritten Direktor der Hochschule, Ludwig Mies van der Rohe, am 20. Juni 1933 nichts anderes übrig, als das Bauhaus „wegen eingetretenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten aufzulösen“. Schon seit April lag das Bauhaus „still“, wie Keßler schrieb. Nach einer Hausdurchsuchung waren die Räume versiegelt worden, ein Lehrbetrieb war nicht mehr möglich.

Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

Auch die Meistergehälter zahlte die Stadt Dessau nicht mehr, „die sie vertragsmäßig noch 2 oder 3 jahre zu zahlen hatte“, wie Hans Keßler am 10. Juni 1933 seine Mutter wissen ließ. Ende April hatte er bereits das Schlimmste befürchtet: „es besteht kaum aussicht, daß es wieder aufgemacht wird; wenigstens in berlin, in deutschland. da man uns nicht nachweisen kann, daß wir eine ,kommunistische zelle' sind, schiebt man die entscheidung so lange wie möglich hinaus, um den betrieb auf diese weise zu vernichten. wir bauhäusler sind sehr niedergeschlagen, da es für uns keine gleichwertige schule gibt, auf der wir weiter arbeiten können.“

Dabei hatte die Zeit am Bauhaus für Hans Keßler vielversprechend begonnen: „Die Bauhäusler sind eine Klasse für sich. Als ich sie zum ersten Mal sah, bekam ich einen leisen Schrecken, nach und nach erkannte ich aber, daß diese ganze Bohème, die sich ,sachlich' schimpft, daß dieses freie Gehabe - man duzt sich z.B. allgemein, die Mädels laufen in Hosen herum - garnicht das eigentliche, der Bauhausgeist ist, sondern nur die Etikette, das Vereinsabzeichen, kurz eine kleine, verzeihbare Kinderei.“

Keßer, der sich anfangs wie ein blaues Tierchen fühlte, „das man aus seiner blauen Welt, in der es unbekümmert lebte, in eine rote setzte“, passte sich an, was der Mutter nicht verborgen blieb, schrieb ihr der Sohn doch schon bald in der von den Bauhäuslern bevorzugten Kleinschreibung. „ich halte es für sehr richtig, wenn durch eine hochschule (...) eine sinngemäße rechtschreibung in die masse eingeführt wird. Das kleinschreiben ist nur der anfang.“ Die Kleinschrift war 1925 aus typografischen und zeitersparnisgründen“ am Bauhaus eingeführt worden. Keßlers „bürgerlicher hut“ hatte „einer baskenmütze weichen müssen – ein knallroter sweater mit einer braunen, weit geschnittenen manchester hose kommt erst später“, schrieb er der Mutter am 30. Oktober 1931 im gewohnt ironischen Ton.


„Man lernt wieder, wie ein Kind zu spielen.“
HANS KESSLER

Doch Keßler, dessen Vater im Februar 1931 gestorben war, erzählte ihr auch vom Studentenalltag, was das Konvolut seiner Korrespondenz im Bauhaus-Archiv Berlin so wertvoll macht. Seine Postkarten und Briefe, die in der „Bauhäusler“-Reihe erschienen sind, gehören zu den wenigen Dokumenten, die sich aus den letzten zwei Jahren des Bauhaus erhalten haben. „Wir arbeiten von 8-12 und nachmittags i. allgem. von 2-6. Das ist eine ganze Menge“, schrieb Keßler am 10. Oktober 1931. Die ständige Verbindung mit den Lehrenden, „es sind kleine Klassen von etwa 20 Studierenden“, fordere eine viel stärkere Aktivität als bei dem Massenunterricht auf der Hochschule.

Auch wie der Unterricht am Bauhaus aussah, erläuterte er: „gleich im ersten semester wird in der werklehre bei albers die erfindungsgabe, die durch die übliche erziehung verschüttet ist, wieder ausgegraben; man lernt wieder, wie ein kind zu spielen, man lernt eigenschaften aus einem stoff herauszuholen, die man bisher noch nicht kannte - nichts anderes tut ja der erfinder - meinetwegen, um etwas zu übertreiben, aus stahl gummi zu machen, man lernt zeichnerisch oder plastisch ein material wiederzugeben, nicht, um zu lernen, aus gips und steinstaub marmor zu machen, sondern um zu erfahren, was das eigentümliche, sagen wir des holzes ist. und um dieses stoffliche darzustellen ist alles erlaubt: meinetwegen benutzt die ausscheidungen! nur eins ist verboten: dof sein.“

Neben Josef Albers, der die Glas- und Möbelwerkstatt und den Vorkursus leitete, zählten Friedrich Engemann, Lehrer für Konstruktion und Baustatik, Hinnerk Scheper, Leiter der Werkstatt für Wandmalerei, Lilly Reich, Leiterin der Bau- und Ausbauabteilung, und Mies van der Rohe zu Keßlers Lehrern: „bei mies (er sieht übrigens freundlicher aus als auf der beigefügten zeichnung) bauen wir ein kleines haus: 50 qm, bestehend aus einem großen wohnraum, einer kleinen teeküche und einem windfang.“

Der Direktor hatte den Studenten gleich zu Beginn auch persönlich begrüßt: „5 minuten konversation am laufenden band. mies ist ein ganz sympathischer herr. (wenn man 2 menschen auf sich zukommen sieht und dann entdeckt, daß es einer ist, dann ist es mies.)“ Die Gesamtzahl der Studierenden betrug 140: „Von 36 neuankommenden Erstsemestrigen sind 16 Ausländer. (Etwa 8 Amerikaner, 1 Inder, 1 Franzose usw.) Übrigens ein Zeichen, daß das Bauhaus im Ausland anerkannt wird.“ Doch es gab auch immer wieder internen Ärger, mit den "Radikalen“, wie sie Keßler nannte. „die studierendenschaft ist allerdings bis auf eine minderheit kommunistisch.“

Bauhaus in Berlin: Hans Keßler mit seinem Kommilitonen Franz Rohwer 1932 in Steglitz. Foto: Bauhaus-Archiv Berlin

Während am Bauhaus alles seinen gewohnten Gang zu gehen schien, mit Lehrabenden für zeitgenössische Musik, mit einem kleinen inoffiziellen Bauhausball oder einem Besuch „per omnibus zur leipziger bau-messe“, drohte Ungemach von außen: „es ist unglaublich, daß ein institut wie das bauhaus von den augenblicklichen politischen strömungen abhängig ist“, schrieb Keßler empört am 25. Januar 1932. Im August schließlich stimmte der von den Nazis dominierte Gemeinderat für die Bauhaus-Schließung. Doch es ging an anderer Stelle weiter: „ich hatte nicht mehr geglaubt, daß das bauhaus weiterbestehen würde. und daß wir nach berlin kommen.“ In Berlin-Steglitz richtete sich das Bauhaus als private Einrichtung in einer ehemaligen Telefonfabrik ein. Am 4. November 1932 schrieb Keßler: „der bauhausbetrieb ist im gange, obwohl noch viele handwerker im haus beschäftigt sind.“ Höhepunkt im Wintersemester war ein großes Bauhaus-fest, über das sogar die „Vossische Zeitung“ berichtete; den Ausschnitt klebte Keßler seiner Mutter auf einen Brief.

Nach den Reichstagswahlen vom 5. März 1933 überschlugen sich die Ereignisse. Schon am 6. März schrieb Keßler von seinem „pessimismus“, der ihn nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses befallen habe: „wenn die rechtsparteien wüßten, daß das bauhaus ein lehr- und forschungsinstitut ohne jeden politischen charakter ist, brauchten wir die schließung des hauses nicht zu befürchten.“ Am 10. April folgte allerdings die Hausdurchsuchung mit der anschließenden Versiegelung der Räume.

Keßler konnte sein Studium nicht beenden, er bekam ein Abschlusszeugnis, aber kein Diplom als Architekt. 1934 wurde er Bau- und Zementtechniker, später leitender Betriebsingenieur in einem Hüttenwerk in Rheinhausen am Niederrhein. 1997 starb er mit 90 Jahren in Krefeld.

In einem Brief an Mies van der Rohe, der wie Josef Albers, Walter Gropius oder auch László Moholy-Nagy in die Vereinigten Staaten emigriert war, schrieb Keßler 1938: „Das Bauhaus ist tot, aber der Geist, der es erschuf, lebt und wird in irgendeiner Form wieder auferstehen.“

Quelle: F.A.Z. Magazin