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Arbeiten an Sehnsuchtsorten

Mit dem Dampfer-Kapitän auf der Elbe

Von Stefan Locke
 - 19:41
Der historische Schaufelraddampfer „Leipzig“ der Sächsischen Dampfschiffahrt fährt auf der Elbe nahe der Brücke „Blaues Wunder“ entlang.zur Bildergalerie

Nach einer halben Stunde Fahrt gibt es plötzlich ein leicht knirschendes Geräusch. „Haben Sie das gehört?“, fragt Lutz Peschel. „Jetzt ging’s übern Dreck.“ Dabei hatte er zuvor bereits die Geschwindigkeit seines Dampfers reduziert, doch ganz ohne Grundberührung geht es in diesen Zeiten auch für die Personenschifffahrt auf der Elbe nicht. Peschel arbeitet seit 1979 in Dresden bei der „Weißen Flotte“ beziehungsweise der „Sächsischen Dampfschifffahrt“, wie sie heute heißt. Aber dass der Fluss so lange so wenig Wasser führt, hat er auch noch nicht erlebt. Früher, erzählt er, habe es auch immer mal ein Jahr mit wenig Regen gegeben. Doch 2019 führt die Elbe nun schon im fünften Jahr in Folge im Sommer so wenig Wasser, dass selbst die auf niedrige Pegel ausgelegten Raddampfer in Schwierigkeiten kommen.

Bereits vor der Abfahrt hat Peschel deshalb vorgesorgt. Seit zwölf Jahren ist er Kapitän auf dem Dampfer „Leipzig“, er kennt das Schiff und dessen Verhalten in- und auswendig. Schon vor Wochen hat er mit seiner Mannschaft alle nicht zwingend notwendigen Aufbauten entfernt, um Gewicht zu reduzieren; auch nimmt er heute nur die Hälfte von knapp 500 möglichen Passagieren an Bord. „Je 50 Personen bedeuten einen Zentimeter mehr Tiefgang“, sagt er, als er das Heck des Dampfers mit einer Kordel absperrt. Damit das Ruder nicht den Grund berührt, dürfen sich Passagiere nur im Vor- und Mittelschiff aufhalten. Der Stimmung tut das keinen Abbruch, die Leute haben Verständnis für die Lage, und sie sind froh, gleich um 10 Uhr mit dem ersten Dampfer ablegen zu können

Die Schlange am Terrassenufer in der Innenstadt, wo die Schiffe an- und ablegen, ist gerade in den Ferien lang. Neun Dampfer liegen hier für Ausflugsfahrten durch Dresden, nach Meißen, in die Sächsische Schweiz oder bis in die Tschechische Republik. Die „Leipzig“ fährt an diesem Tag die Stadtroute, das heißt vom Zentrum die Elbe hinauf bis Blasewitz und zurück. Bereits zweieinhalb Stunden vor Abfahrt sind Kapitän Peschel und seine Crew auf dem Schiff zu finden. Wie jeden Tag putzen sie das Deck, erledigen kleine Reparaturen und lassen die Dampfmaschine vorwärmen.

„Wat is’n ein’ Dampfmaschin’?“

Sie ist das Herz des Schiffs und befindet sich nicht etwa im Verborgenen, sondern ist für jeden Passagier im Unterdeck sichtbar. Heiß ist es hier, es riecht nach Maschinenöl, und dennoch ist alles so sauber wie in einer guten Stube. Golden leuchten Messingrohre, blitzblanke Stahlzylinder schieben sich vor und zurück und treiben stampfenden Geräuschs die beiden Schaufelräder links und rechts des Dampfers an.

Die Dampfmaschine ist im Wesentlichen noch so, wie sie 1929 beim Bau des Schiffes installiert wurde. „Wat is’n ein’ Dampfmaschin’?“, ist der Satz, der so manchem Passagier hier sofort über die Lippen kommt, worauf umgehend das unvermeidliche „Da stell’mer uns mal janz dumm!“ folgt, die Klassiker-Zitate aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“. Tatsächlich aber kann man sich nur schwer der Faszination dieses Ungetüms entziehen. Wie früher zieht die Maschine ihr Wasser aus der Elbe, nur der Kessel wird heute nicht mehr mit Kohle, sondern mit Öl beheizt.

Peschel kann sich noch an die Zeit der Kohlefeuerung erinnern; als Lehrling musste er damals jeden zweiten Tag Kohle schaufeln, drei bis vier Tonnen habe ein Dampfer wie die „Leipzig“ täglich verschlungen, erkennbar auch am schwarzen Rauch, der aus den Schornsteinen der Schiffe stieg. Heute ist der Rauch eher weiß, trotz eines Verbrauchs von immerhin noch 120 Liter Heizöl je Stunde. Zehn Minuten vor Abfahrt steigt Peschel in den Führerstand, seinen eigentlichen Arbeitsplatz; er liegt auf dem Oberdeck, die Passagiere können hineinschauen. Ein Sitz, ein Steuerrad und viel Technik ist in den kleinen Raum gestopft. Eine Lautsprecherstimme heißt die Gäste an Bord „der größten und ältesten Raddampferflotte der Welt“ herzlich willkommen, und dann geht es los. Peschel läuft nach draußen zu einem Stehpult. Von hier aus hat er den Kai im Blick und steuert mit einem Hebel, einem Joystick ähnlich, die Abfahrt.

„Wir legen ab“, ruft er durch ein Messingrohr, über das er in direktem Kontakt mit dem Maschinisten unter Deck steht; beide müssen sich blind aufeinander verlassen können. „Halbe Kraft voraus“, ruft Peschel und tritt ein Pedal, woraufhin ein lautes „Tuuuuhuuuhut“ ertönt und der Dampfer Fahrt aufnimmt. Rechts ziehen Brühlsche Terrasse, Kunstakademie und Frauenkirche vorbei, links das Neustädter Elbufer mit Japanischem Palais, Staatskanzlei und Ministerien.

„Es ist ein schöner Beruf, sehr abwechslungsreich und vielseitig“

Auf noch gut 50 Zentimeter ist der Elbpegel Anfang August gesunken, die Fahrrinne immerhin ist doppelt so tief. Auf einem Monitor, seit einigen Jahren Vorschrift in der Binnenschifffahrt, sieht Lutz Peschel die aktuelle Breite des Flusses, die Lage der Fahrrinne sowie andere Schiffe. Doch außer Personendampfern begegnet er an diesem Vormittag keinem Gegenverkehr. Für Frachtschiffe mit ihrem meist großen Tiefgang ist die Elbe in den Sommermonaten kaum noch befahrbar. Die Dampfer jedoch wurden schon vor hundert Jahren extra für Niedrigwasser konzipiert, die mächtigen Schaufelrad-Antriebe sind das sichtbarste Zeichen dafür. Peschel kennt die Strecke aus dem Effeff, das Schiff steuert er im wahren Sinn des Wortes mit links. Seine Hand liegt auf einem Drehschalter, den er immer wieder leicht korrigiert. Seit einiger Zeit schon haben die Dampfer eine elektronische Steuerung, das große hölzerne Steuerrad dagegen ist nur noch für den Notbetrieb und natürlich zur Zierde da.

„Es ist ein schöner Beruf, sehr abwechslungsreich und vielseitig“, sagt Peschel und blickt auf das sich vor ihm ausbreitende obere Elbtal mit seinen Weinhängen und den Elbschlössern. Dann sieht er eine Gruppe Kinder und tritt abermals das Pedal. „Tuuuuhuuut“, macht der Dampfer, woraufhin die Kinder freudig winken. Früher habe er auch so am Ufer gestanden und den Schiffen nachgeblickt, erzählt Peschel, und dass ihm schnell klar gewesen sei, was er werden wollte. Nach der Schule bewarb er sich bei der „Weißen Flotte“, absolvierte die damals noch zwei Jahre dauernde Ausbildung, arbeitete als Bootsmann, machte das Patent zum Steuermann, erwarb Streckenpatente für die Elbe und nach der Wiedervereinigung auch für den Rhein. Achtmal müsse man den Fluss dafür „Berg und Tal“ fahren. Von Rotterdam bis Basel war er schon unterwegs, sagt Peschel. Am liebsten aber fährt er mit der „Leipzig“ auf der Elbe. „So schöne, elegante Schiffe wie hier gibt es nirgends.“

Aufsetzen wird zum Dauerthema

Mit gut sechs Kilometern je Stunde schiebt sich der Dampfer die Elbe hinauf; nach einer Stunde erreicht er die im Volksmund „Blaues Wunder“ genannte Stahlbrücke. „Wir wenden jetzt“, gibt Peschel an den Maschinisten durch, dann dreht sich das Schiff Richtung Backbord und ist, als es völlig quer zum Fluss steht, beinahe so breit wie die Elbe selbst. Anschließend steuert Peschel das Schiff noch gut hundert Meter rückwärts bis zur Anlegestelle, die bereits auf Grund liegt. Es gibt nur wenige Stellen, wo die Dampfer jetzt überhaupt noch wenden können, ohne aufzusetzen.

Mit dem Heck voran schiebt sich die „Leipzig“ langsam an den Anleger. Der Bootsmann schiebt ein Trittbrett über die Reling, und dann können die Passagiere aus- und einsteigen. Zehn Minuten später ist der Dampfer auf der Rückfahrt, jetzt geht es in doppeltem Tempo flussabwärts. Die „Leipzig“ ist ein elegantes Schiff, es ist das letzte, das für die damals „Sächsisch-Böhmische Dampfschifffahrt“ in Betrieb ging, und zugleich das ausgereifteste. In den dreißiger Jahren bediente es die Linie Dresden–Herrnskretschen (Böhmen), es gab Konzertfahrten mit eigener Kapelle und 1400 Passagieren. In den letzten Kriegstagen traf eine Bombe das Heck, der Dampfer sank.

Die nächsten Gäste warten schon

Nach dem Krieg bargen Dresdner das Schiff und setzten es wieder instand. Schon zu Pfingsten 1947 war die „Leipzig“ wieder einsatzbereit. Mit der rechten Hand fährt Peschel über das Steuerpult, er kennt hier beinahe jede Schraube. „So ein Schiff ist wie ein eigenes Haus“, sagt er. „Es gibt immer was dran zu machen.“ Im Winter, wenn der Fahrbetrieb ruht, reparieren er und seine Mannschaft fast alles selbst. Sie bringen Rostschutz auf, tauschen Planken aus, sogar das Schaufelrad haben sie schon auseinandergenommen und neue Hilfsdiesel eingebaut. Rund 1300 Kilometer hat die „Leipzig“ in diesem Jahr bereits zurückgelegt, das ist wenig verglichen mit 20 000 Kilometern, die die Dampfer früher im Jahr fuhren. Tagestouristen bevorzugen kürzere Touren, die Langstrecken bevorzugen Liebhaber, sie sind oft im Voraus ausverkauft.

Kurz vor dem Zentrum gibt es noch mal Gegenverkehr, der Dampfer „Krippen“ kommt die Elbe herauf. Peschel lässt die Maschine drosseln, ganz langsam schieben sich die Schiffe aneinander vorbei, und dann ist da wieder dieses Knirschen. Kurz darauf legt der Kapitän im Zentrum an, wo schon die nächsten Gäste Schlange stehen. Noch viermal an diesem Tag wird Peschel die Tour fahren.

Kommende Woche: Mit der Bäuerin im bayerischen Hofcafé

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Locke, Stefan
Stefan Locke
Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.
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