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Emotionen im Büro

Zeigt mehr Gefühl!

Von Sabine Hildebrandt-Woeckel
 - 14:05

An diesen Wutausbruch erinnert sich Peter Meiser bis heute. Die Scheidung war gerade ausgesprochen, seine finanzielle Situation deswegen ein Desaster, und mit dem neuen Kollegen kam er einfach nicht klar. Gleich mehrere Projekte stockten. Da kam die junge Teamassistentin gerade recht, der es auch im dritten Anlauf nicht gelang, eine fehlerfreie Power-Point-Präsentation vorzulegen. Zehn Minuten lang musste sie sich alles anhören, was der Controller schon immer mal hatte sagen wollen - bevor er, laut Türen schlagend, aus dem Büro stürmte. Bis heute, betont Meiser, eigentlich ein sehr ruhiger Mensch, sei ihm die Szene peinlich.

Dabei hatte Meiser, der in Wirklichkeit anders heißt, noch Glück im Unglück. Sein Chef reagierte besonnen, sah das Gefühlschaos, aus dem sein Mitarbeiter nicht herausfand, und verordnete ihm zunächst ein paar Tage Auszeit. Danach schickte er ihn auf ein Seminar mit dem Schwerpunkt Konfliktmanagement. In anderen Unternehmen hätte das auch anders ausgehen können.

Inzwischen, betont Tim Hagemann, Inhaber des Lehrstuhls Arbeitsorganisation an der Fachhochschule Bielefeld, ist es zwar Allgemeinwissen, dass „menschliches Handeln ohne Gefühle nicht möglich ist“. Dennoch, erlebt der Arbeitspsychologe immer wieder, wird das Thema in der Arbeitswelt längst nicht so offen behandelt wie im Fall Meiser. Gefühlsausbrüche sind vielerorts tabu, Gefühle überhaupt unbekanntes Terrain.

Nicht zu ignorieren

Eine Einschätzung, die sich auch in vielen Antworten auf Interviewanfragen an Unternehmen widerspiegelt. „Spannendes Thema“, hieß es mehr als einmal, „aber da es bei uns hierzu keine festen Strukturen gibt, möchten wirlieber nichts dazu sagen.“

Dabei kann kein Unternehmen das Thema wirklich ignorieren. Denn es ist egal, ob die Empfindungen privater Natur sind wie Trauer, Liebeskummer oder auch neues Liebesglück. Oder ob sie direkt mit dem Beruf zusammenhängen - immer gibt es direkte Auswirkungen auf die Arbeitsleistung, darin sind sich Arbeitspsychologen, Managementtrainer und Personalexperten einig. Und schlimmer noch: Werden sie verdrängt, sind diese sogar noch stärker.

Strukturelle Veränderungen im Unternehmen zum Beispiel oder neue Vorgesetzte lösen oft Ängste aus, berichtet auch Friedrich-Wilhelm Falkenreck, Personalleiter im Continental-Konzern. Werden diese nicht thematisiert, leidet darunter die Qualität der Arbeit. Sympathien oder Antipathien können sogar ganze Projektgruppen auseinanderbrechen lassen.

Das Innenleben deuten

An diesem Punkt sind die Vorgesetzten gefragt. Nur wenn es den Führungskräften gelingt, das Innenleben ihrer Mitarbeiter zu erkennen und zu deuten, erläutert der Bremer Persönlichkeitstrainer Michael Blochberg, können sie ihre Führungsaufgaben wirklich erfüllen. Personalmanager Falkenreck sagt: „Gute Führung gelingt nur, wenn Führungskräfte offen sind und sich ihre Mitarbeiter auch trauen, in schwierigen Situationen, ihre Gefühle zu zeigen.“

Dass es dennoch so wenig Bereitschaft gibt, über emotionale Themen zu sprechen, erklären die Experten damit, dass die Gemütsregungen in der Arbeitswelt gerade erst ankommen. Noch bis vor ein paar Jahren, erinnert sich ein Personalverantwortlicher aus der Bankenbranche, ging es in Mitarbeitergesprächen ausschließlich um Zielvereinbarungen und harte Zahlen. „Heute wird auch mal nachgefragt, wie es die Mitarbeiterin denn verkraftet, dass vor kurzem beide Eltern gestorben sind.“ Die Wahrnehmung ändert sich, wie auch das Beispiel Meiser zeigt. Aber „sehr, sehr langsam“, findet Coach Blochberger.

Gut demonstrieren lässt sich das am Umgang mit Liebespaaren am Arbeitsplatz. Meldungen wie die über die amerikanische Supermarktkette Wal-Mart oder den internationalen Großkonzern Honeywell, die noch vor ein paar Jahren ihren Mitarbeitern offen mit Restriktionen drohten, wenn sie sich auf einen Flirt am Arbeitsplatz einließen, gibt es zwar heute nicht mehr. Dennoch ist es nach wie vor mit vielen Problemen verbunden, am Arbeitsplatz sein Herz zu verlieren, wie es kürzlich Klaus Janßen, Entwicklungsingenieur in Hamburg, erlebte. Er hatte sich in eine Kollegin einer anderen Abteilung verguckt. Erst riet ihm sein Chef, die Sache möglichst rasch zu beenden, dann drohte er der Frau mit Versetzung an einen anderen Standort. Was rechtlich allerdings überhaupt nicht durchsetzbar wäre, wie der ebenfalls in Hamburg ansässige Arbeitsrechtler Erwin Salamon betont.

Große Unsicherheit

Dass Gefühle überhaupt Arbeitsgerichte beschäftigen, zeigt laut Salamon ebenfalls nur, wie groß die Unsicherheit im Umgang mit Emotionen ist. Rechtlich relevant sind Gefühlsduseleien allenfalls dort, wo sie die Persönlichkeitsrechte von Kollegen verletzen oder aber die Arbeitsabläufe ernsthaft gefährden. Turteln Verliebte so intensiv, dass sie dabei die Abläufe stören, oder lamentiert eine Kollegin demonstrativ über eine vermeintlich ungerechte Behandlung, dass die Kollegen nicht weiterarbeiten können, darf der Arbeitgeber einschreiten. Zunächst mit Arbeitsanweisungen, schließlich mit Er- und Abmahnung und im drastischen Fall sogar mit Kündigung.

Deutlich klüger, darin sind sich die meisten Beobachter einig, sei es aber, die positiven Schwingungen einer neuen Liebe zu nutzen. Studien zeigen, dass glückliche Menschen kreativer sind. Selbst Ärger und Ängste beispielsweise in Veränderungsprozessen, weiß Personalmanager Falkenreck, lassen sich in konstruktive Prozesse umleiten. Schon seit Jahren ist das Thema daher in seinem Unternehmen Bestandteil zahlreicher Schulungen. In Trainings wie „Smart Leadership - Führen mit emotionaler und analytischer Intelligenz“ oder „Vom Konflikt zur Kooperation (Beziehungsintelligenz)“ lernen Führungskräfte, damit umzugehen.

Zu viel Offenheit macht verletzlich

Dass Gefühle aus der Arbeitswelt nicht wegzudenken sind, heißt allerdings nicht, dass es auch angebracht ist, sie immer und offen zu zeigen. Ganz im Gegenteil: „Wer seinen Gefühlen freien Lauf lässt, bringt sich in Teufels Küche“, betont Roland Jäger, Trainer und Buchautor aus Wiesbaden. Das gelte sowohl für privaten wie für auch für beruflichen Stress. Sein Rat ist gleichermaßen an Führungskräfte wie an Mitarbeiter gerichtet. Auch Letztere, so seine Erfahrung, gehen oft nicht richtig mit ihren Stimmungen um - und auch für sie sei es wichtig, zunächst einmal die eigene Gefühlslage zu erkennen.Entscheidend sei, das Gefühl an sich zuzulassen, aber die Umgebung damit auch nicht übermäßig zu belasten. Wie das geht, lässt sich ebenfalls in Trainings lernen. Natürlich, so Jäger weiter, könne jeder bei einschneidenden Erlebnissen wie dem Verlust eines Angehörigen oder einer schmerzhaften Trennung Verständnis erwarten - aber eben nur kurzfristig. Letztlich sei es Aufgabe eines Vorgesetzten, auf Leistung zu pochen.

Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass Mitarbeiter auch selbst dafür verantwortlich sind, diese Leistungskraft wieder herzustellen und die Arbeitsabläufe nicht zu belasten. Fühlten sie sich beispielsweise nicht arbeitsfähig, sollten sie auch zu Hause bleiben. Eine Empfehlung, die im Übrigen durch § 616 BGB sogar gesetzlich geregelt ist, wie Jurist Salamon betont. Ist jemand so mit seinen Gefühlen beschäftigt, dass er nicht arbeiten kann, muss eine gewisse Zeit (als üblich gelten ein paar Tage) sogar Lohn weitergezahlt werden. Eine Krankmeldung ist dazu erst mal nicht notwendig. Allerdings muss der Betroffene im Zweifel aber beweisen, dass er arbeitsunfähig ist.

Um Missverständnisse und Streitereien zu vermeiden, dem stimmt auch Jäger zu, sei es daher wichtig, möglichst offen über die eigene Gefühlslage zu sprechen und dann gemeinsam mit dem Vorgesetzten eine Strategie zu entwickeln. „Aber“, räumt er ein, „das ist letztlich ein schmaler Grat.“ Denn durch zu viel Offenheit mache man sich auch verletzlich. „Das geht nur, wenn sehr großes Vertrauen vorhanden ist.“

Gefühl im Gesetz

Der Text des § 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches ist mit „Vorübergehende Verhinderung“ überschrieben und lautet: Der zur Dienstleistung Verpflichtete wird des Anspruchs auf die Vergütung nicht dadurch verlustig, dass er für eine verhältnismäßig nicht erhebliche Zeit durch einen in seiner Person liegenden Grund ohne sein Verschulden an der Dienstleistung verhindert wird. Er muss sich jedoch den Betrag anrechnen lassen, welcher ihm für die Zeit der Verhinderung aus einer auf Grund gesetzlicher Verpflichtung bestehenden Kranken- oder Unfallversicherung zukommt.

Quelle: F.A.Z.
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