Neuer Hafen für Spielertypen
Marcelo Jacobus ist alles andere als ein gewöhnlicher Nerd. Der schüchterne, junge Programmierer mit den dunklen Haaren hat nie eine Universität besucht oder eine Lehre zum IT-Techniker absolviert. Sein Wissen als Computerexperte hat sich der Brasilianer komplett selbst beigebracht. Sein Fachgebiet ist die Programmiersprache PHP, mit der Computerfreaks auf der ganzen Welt Internetseiten zusammenbauen. Auf diesem Feld macht ihm keiner etwas vor. Und genau deshalb bekam der 30 Jahre alte Spezialist im August vergangenen Jahres über das Karriere-Netzwerk Linked-In eine Nachricht aus dem fernen Deutschland.
Die Hamburger Spieleschmiede Goodgame Studios bot ihm einen Job an. Gehalt und Arbeitsbedingungen klangen gut, Jacobus machte sich schlau und telefonierte einige Male mit den Personalern auf der anderen Seite des Atlantiks. Und da seine Arbeit bei einem Software-Unternehmen in einer Stadt im brasilianischen Süden, die passenderweise Novo Hamburgo heißt, ihn damals zu Tode langweilte, schlug er kurzentschlossen zu. Jacobus ließ seine fünf Geschwister und zwei Katzen zurück und machte sich schon einen Tag nach Weihnachten zusammen mit seiner Frau auf den Weg nach Europa. Seine Entscheidung hat er bislang nicht bereut, auch wenn das rauhe Wetter im deutschen Norden ihm erst zu schaffen machte. „Man gewöhnt sich an alles“, sagt er.
Goodgame Studios? Bis vor wenigen Jahren war das Startup-Unternehmen aus dem Hamburger Stadtteil Bahrenfeld nur Branchenkennern ein Begriff. Das hat sich aber in jüngster Zeit geändert. Denn der Computerspiele-Anbieter wächst rasant und stellt Hunderte Mitarbeiter aus der ganzen Welt ein. Marcelo Jacobus ist nur einer von fast 600 neuen Kollegen, die im vergangenen Jahr bei Goodgame angefangen haben. Insgesamt beschäftigt die Firma, die die beiden Brüder Kai und Christian Wawrzinek vor fünf Jahren gründeten, rund 1200 Mitarbeiter. Und das Ende der Fahnenstange ist keineswegs erreicht: Geht es nach den Gründern, sollen 2015 noch einmal 400 Leute dazukommen. „Der Markt, in dem wir uns bewegen, wächst sehr stark, und wir brauchen jede Menge qualifiziertes Personal“, sagt Kai Wawrzinek, der in der Geschäftsführung für die Unternehmensstrategie verantwortlich ist.
Internationales Angebot, internationales Personal
Goodgame produziert sogenannte Browsergames. Das sind Spiele, die man weder bezahlen noch auf einem Computer installieren muss. Man spielt sie im Internet, allein oder gegen andere Mitspieler. Einnahmen generiert Goodgame über den Verkauf von Einzelelementen, mit denen Spieler schneller die nächste Ebene erklimmen können. Zum Beispiel in dem Spiel „Empire“, dem bislang erfolgreichsten Produkt der Hamburger: Für ein paar Euro lassen sich Ritterburgen und Verteidigungswälle in dem mittelalterlichen Strategiespektakel sehr viel zügiger aus dem virtuellen Boden stampfen als ohne dieses Schmiermittel.
Zehn solcher Spiele haben die beiden Brüder Wawrzinek - ein promovierter Jurist und ein Doktor der Zahnmedizin - bislang im Programm. Auf lange Sicht sollen es deutlich mehr werden. Vor allem auf dem Feld der mobilen Angebote, also im Geschäft mit Spielen für Smartphones und Tablet-Computer, wollen sie angreifen. Denn in diesem Segment sind die Wachstumsraten besonders groß. Bei ihrem Vormarsch wollen sich die beiden Gründer keinesfalls auf Deutschland oder Europa beschränken: „Wir rollen unser Angebot international aus, deshalb brauchen wir auch Mitarbeiter aus aller Welt“, sagt Christian Wawrzinek, der als Ko-Geschäftsführer für das Design der Spiele und das Produktmanagement verantwortlich ist.
In gemischten Teams am Hauptsitz in Hamburg, einem nüchternen Neubau im Westen der Stadt, hocken die Mitarbeiter dann an ihren Rechnern, übersetzen Spiele ins Japanische, Chinesische oder Englische, schrauben an neuen, kostenpflichtigen Extras oder werten riesige Datentabellen aus. Andere feilen an der Werbestrategie. Marcelo Jacobus hat gerade ein Programm ausgetüftelt, mit dem sich der Erfolg von Werbung im sozialen Netzwerk Facebook messen lässt.
Hilfe bei Visum, Arbeitserlaubnis und Wohnungssuche
Um den vielen neuen Kollegen den privaten Start in Deutschland zu erleichtern, lässt sich Goodgame einiges einfallen. In einem sogenannten Onboarding-Programm kümmern sich Mitarbeiter, die schon seit ein paar Jahren an Bord sind, um die Neulinge. Sie helfen bei den Anträgen für Visum und Arbeitserlaubnis und unterstützen bei der Wohnungssuche. Wenn es darum geht, ein Konto zu eröffnen oder den Herd anzuschließen, leisten sie Beistand. Bringt der oder die Neue einen Ehepartner mit, kümmern sich die Helfer auch um dessen Sorgen und Nöte.
Diese Angebote seien mit ausschlaggebend dafür, dass Bewerber aus unterschiedlichsten Ländern sich überzeugen ließen und tatsächlich nach Hamburg kämen, behauptet Kai Wawrzinek. Zudem biete Goodgame gute Karrierechancen. Die Vermutung, dass er und sein Bruder nur auf Masse setzen und jede Menge mittelmäßig Qualifizierte rund um den Erdball einsammeln, weist er zurück: „Wir sind sehr wählerisch und haben zuletzt nur etwa 1,5 Prozent aller Bewerber eingestellt.“
Überdurchschnittliche Gehälter bietet das Unternehmen nicht, allerdings auch keine Niedriglöhne. Die Bezahlung sei „branchenüblich“, sagt er. In Hamburg haben sich die Goodgame Studios schon einen festen Platz in der lokalen Gaming-Szene erkämpft. Über die vergangenen Jahre ist in der Hansestadt ein ganzes Netzwerk von Unternehmen rund um dieses Geschäftsfeld entstanden: Etwa 150 kleine bis mittelgroße Spieleprogrammierer, Dienstleister und Beratungsbetriebe gibt es heute in der Stadt. Die Zahl der Beschäftigten ist laut dem lokalen Branchenverband Gamecity Hamburg zuletzt auf rund 4400 Mitarbeiter gestiegen.
Bruchlandung in schwierigem Umfeld
Allerdings haben die Unternehmen durchaus schon am eigenen Leib erfahren, wie volatil und riskant das Geschäft mit den Browsergames ist. Beispielhaft dafür steht die Bigpoint GmbH, die gemessen an der Zahl der Mitarbeiter heute die Nummer zwei hinter den Goodgame Studios ist und sich auf demselben Geschäftsfeld tummelt. Bigpoint hatte vor Jahren ein ähnlich rasantes Wachstum vorzuweisen, sich dann aber mit einigen Projekten verzettelt und so eine Bruchlandung hingelegt.
Die Folge: Vor gut zwei Jahren musste die Firma 120 ihrer damals 800 Mitarbeiter auf die Straße setzen. Inzwischen steht Bigpoint wieder auf halbwegs stabilen Füßen. Doch das Umfeld ist weiterhin schwierig: „Der Markt ist ständig in Bewegung, jeden Monat kommen Hunderte neue Spiele auf den Markt“, sagt Gründer Heiko Hubertz, der das Unternehmen lange führte und heute den Beirat leitet.
In diesem Wettbewerb werde es für die einzelnen Anbieter immer schwieriger, mit ihren Neuheiten durchzudringen. Technische Veränderungen, etwa in den Betriebssystemen der Mobilgeräte, seien ein weiteres Risiko für die Programmierer. Der Goodgame-Geschäftsführer Christian Wawrzinek gibt zu, dass der Erfolg einzelner Spiele nur schwer vorauszusagen ist. Das Unternehmen habe sich aber darauf eingestellt: „Wir setzen stark auf das Thema Datenanalyse und beschäftigen viele Fachleute, die die Bewegungen im Markt statistisch erfassen und auswerten“, sagt er.
Eine Niederlassung im Silicon Valley könnte helfen
Die Gefahr, dass Goodgame in ein paar Jahren einen großen Teil seiner frisch angeworbenen Mitarbeiter wieder entlassen muss, weil der Markt sich plötzlich gedreht hat, hält er für gering: Das Unternehmen kalkuliere konservativ und sei mit einer Eigenkapitalquote von etwa 40 Prozent auch für mögliche Schwächephasen gerüstet.
Er verweist darauf, dass Goodgame Studios - im Gegensatz zu vielen anderen Startups - schon seit einiger Zeit profitabel ist: 2013 hat die Spieleschmiede rund 102 Millionen Euro umgesetzt und eine operative Umsatzrendite von etwa 13 Prozent erwirtschaftet. Die Mehrheit der Anteile gehört den beiden Brüdern Wawrzinek. Seit 2011 sind zudem die Internetunternehmer Oliver und Marc Samwer über ihre Gesellschaft Global Founders Fund mit 15 Prozent beteiligt. Wie es auf lange Sicht mit dem Unternehmen weitergehen soll, dazu wollen sich die Gründer nicht allzu tief in die Karten gucken lassen.
Nur so viel wollen sie sagen: Ein Börsengang sei möglich, aber zurzeit nicht geplant. Vorerst wollen sie die internationale Expansion vorantreiben. In Japan und in Korea haben sie kürzlich Büros aufgemacht. Und auch in den Vereinigten Staaten wollen sie in Zukunft stärker präsent sein. Kai und Christian Wawrzinek denken darüber nach, eine Niederlassung im Silicon Valley zu eröffnen: Ein solcher Schritt könne dem Unternehmen womöglich helfen, auch in diesem Kraftzentrum der Internetwirtschaft gut ausgebildete Fachkräfte zu rekrutieren.










