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Familienunternehmen

Wedemark statt Silicon Valley

Von Danielle Kallenborn
 - 17:01

Der so genannte Innovationscampus von Sennheiser liegt weit außerhalb von Hannover. Vom Hauptbahnhof aus 20 Minuten mit der S-Bahn raus aufs Land, von dort – wenn ein Bus kommt – weiter in die Gemeinde Wedemark. Zu Fuß wäre man weitere 15 Minuten unterwegs. Der moderne Komplex liegt nahe an der Hauptstraße; gegenüber stehen dörfliche Häuser aus roten Backsteinen. Vor dem Eingang des Gebäudes aus Glas und hellem Holz hat sich eine Menschentraube gebildet, die meisten in Anzug oder Kostüm. Hier findet an diesem grauen Wintertag der „Karrieretag Familienunternehmen“ statt.

650 Bewerber warten in der Eingangshalle. Sie wurden aus einem Pool von 2300 Online-Bewerbern ausgewählt und zu persönlichen Gesprächen mit den Ausstellern eingeladen. Sie bewerben sich für die unterschiedlichsten Tätigkeiten in den verschiedensten Branchen von Drogerie bis Verpackungsindustrie. Kopfhörerhersteller Sennheiser hat diesmal seine Räumlichkeiten für diese Art Karrieremesse zur Verfügung gestellt, die zwei Mal im Jahr stattfindet und auf der fast alle Aussteller dasselbe Problem haben: Nicht sie können sich großzügig die besten Bewerber rauspicken. Viel eher sind es die Arbeitgeber, die sich hier bei den jungen Menschen bewerben müssen.

Tatsächlich liegen mehr als 90 Prozent der Unternehmen in Deutschland in der Hand einer Familie, sagt der Personalfachmann und Betriebswirt Wolfgang Jäger, der sich in zahlreichen Forschungsarbeiten mit der Optimierung personalwirtschaftlicher Prozesse befasst hat. „Die Mehrheit der Bewerber hat eigentlich keine andere Wahl, als zu einem Familienunternehmen zu gehen“, „Die Entscheidung der Bewerber liegt eher bei der Frage: Gehe ich zu einem mittelständischen Unternehmen oder zu einem großen Konzern?“ Zahlreiche Umfragen zeigen: Es sind Namen wie Google oder Apple, für die sich die besten Absolventen interessieren. Sennheiser, Rossmann, Falke und die anderen Aussteller hier haben es da vergleichsweise schwer.

Eigens eine Studie in Auftrag gegeben

Entsprechend viel Werbung macht Stefan Heidbreder, Geschäftsführer der Stiftung Familienunternehmen für seine Klientel. Familienunternehmen seinen ein sicherer Arbeitgeber. Massenentlassungen kämen eher selten vor. Um solchen Sätzen mehr Gewicht zu geben, haben die Familienunternehmer sogar eigens eine Studie bei der TU Münster in Auftrag gegeben. Die wenig überraschenden Ergebnisse: Eine gute Arbeitsatmosphäre stuft etwa die Hälfte der Interessenten auf dem Karrieretag als wichtiges Kriterium ein. Auch schätzen 80 Prozent der Bewerber die Atmosphäre und den Teamgeist in einem Familienunternehmen als besser ein, als in einem Nicht-Familienunternehmen. Als Bewertungsgrundlage dieser Studie dienen allerdings ausschließlich Besucher des Karrieretags Familienunternehmen – also diejenigen, die ohnehin mit einer Tätigkeit in diesem Bereich liebäugeln.

Viele Familienunternehmen lebten solche Werte aber tatsächlich, glaubt Personalfachmann Jäger. „Dies kann durchaus ein Attraktivitätsmerkmal für Bewerber sein.“ Allerdings komme es auch hier auf den Einzelfall an und man könne nicht pauschal sagen, dass in allen Familienunternehmen eine attraktivere Atmosphäre herrscht.

Nachwuchssorgen plagen auch Hartmut Krüger, Leiter der Recruiting-Abteilung von Rossmann. Dass hinter der Drogeriekette ein Familienunternehmen steckt, wissen die wenigsten, sagt er und betont die Vorteile. „Die Entscheidungswege in einem Familienunternehmen sind viel kürzer. Wir sind hier nicht durch Hierarchien gebremst.“ Die Strukturen seien eher locker. „Trotz der Unternehmensgröße kann man Dirk Roßmann persönlich treffen. Wer ist denn in einem anderen großen Unternehmen noch so greifbar? Wort und Tat muss zusammen passen und das bietet Rossmann.“

Wie gilt man als cooler Arbeitgeber?

Personalfachmann Jäger betrachtet die Hierarchiestrukturen in Familienunternehmen eher kritisch. „Es mag sein, dass die Hierarchien flacher sind, aber sie müssen nicht unbedingt demokratischer sein.“ Manchmal gebe es sogar noch einen echten Patriarchen, der eindeutig das Sagen hat – aus Jägers Sicht eher ein Minus- denn ein Pluspunkt.

Auch Krüger sieht in manchen Strukturen noch Ausbaubedarf. „Wir können nur neue gute Kollegen gewinnen, wenn wir als cooler Arbeitgeber wahrgenommen werden.“ Familienunternehmen gelten statt dessen unter vielen jungen Absolventen noch immer als antiquiert und starr in den Strukturen.

Wenn sie dann noch auf dem Land liegen anstatt in den vermeintlich attraktiveren Großstädten, wird es richtig schwer. Der Geschäftssitz von Rossmann etwa liegt in der 20000 Einwohnerstadt Burgwedel. Dass Burgwedel, Wedemark oder Schmallenberg, wo etwa der Geschäftssitz des Familienunternehmens und Strumpfherstellers Falke liegt, nicht mit Berlin, München oder Düsseldorf vergleichbar sind, dürfte den Bewerbern schnell klar werden. Volkswirtschaftlich sei die ländliche Ausrichtung allerdings von Vorteil, findet Stefan Heidbreder. Die Familienunternehmen bremsten damit die Verstädterung aus. Auch als Arbeitgeber und Steuerzahler, übernähmen die Familienunternehmen hier eine wichtige Rolle.

„Nur weil Unternehmen winken, kommen die Bewerber heute noch lange nicht“

Wichtig sei nun, als Familienunternehmen auf die Talente und Interessenten aktiv zu zugehen, sagt Andreas Heger, Geschäftsleiter Personal, IT und Recht von Falke. „Nur weil Unternehmen winken, kommen die Bewerber heute noch lange nicht.“ Gerade hoch spezialisierte Positionen zum Beispiel im Bereich E-Commerce seien sehr schwierig zu besetzen. Viele, gerade junge Leute, wollten auch nicht mehr für immer den gleichen Job ausüben. Mit Blick auf Bewerber müsse man zudem früher ansetzten und die Kandidaten gezielt ansprechen. Soziale Medien, Berufsportale oder Messen, wie der Karrieretag, würden sich dafür gut eignen.

Auch Wolfgang Jäger sieht eine große Chance im so genannten „Active Sourcing“, also der aktiven Suche nach Arbeitnehmern in den Quellen der Sozialen Medien. Gerade im Hinblick auf Spezialisten sei dies elementar. „Der Fachkräftemangel trifft die Familienunternehmen im Moment stärker als das Nachfolgeproblem.“

Quelle: F.A.Z.
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