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Co-Working

Mehr als W-Lan und Latte macchiato

Von Anja Engelke
 - 13:30

Lichtdurchflutete Räume mit hohen Decken, Sesseln und Bücherregalen. Lange Tische aus Holz, an denen junge Kreative ihre Laptops aufklappen, arbeiten, sich austauschen. Längst ist dieses Bild nicht mehr nur den Weltmetropolen wie New York oder Paris vorbehalten. Co-Working Spaces, also Büros, in denen Schreibtische flexibel stunden-, tage- oder monatsweise gemietet werden können und die eine Menge Extras wie Leseecken, Cafés, Veranstaltungen oder Workshops zum Austauschen und Vernetzen bieten, haben längst auch in mittelgroßen und kleinen deutschen Städten Einzug gehalten.

„New Work“ heißt das dahinterstehen-de Konzept – also „neue Arbeit“. Der Sozialphilosoph Frithjof Bergmann gilt als Schöpfer dieses Begriffs. Er steht für eine flexiblere Arbeitsgestaltung, die Freiraum für Kreativität und die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit bietet – und die das entsprechende Arbeitsumfeld braucht. Das kommt gut an: Seit 2005 die ersten Co-Working-Büros entstanden, ist ihre Zahl rapide gestiegen. Ende 2018 werden rund 1,7 Millionen Menschen in knapp 19 000 Co-Working Spaces rund um den Globus arbeiten, schätzt das Online-Magazin Deskmag, das regelmäßig Umfragen unter knapp 2000 Anbietern und Nutzern von Co-Working macht. Auch immer mehr Unternehmen setzen auf neue Formen der Arbeitsplatzgestaltung. Kürzlich kündigte die Deutsche Bahn an, ab dem Jahr 2019 in ausgewählten Bahnhöfen Arbeitsplätze für Geschäftsreisende anbieten zu wollen. Außerdem gibt es schon Co-Working-Labore, Werkstätten und kleine Filmstudios, die stunden- oder tageweise gemietet werden können.

Noch ist aber der typische Co-Working-Arbeitsplatz ein Schreibtisch. Im Schnitt sitzen in einem Co-Working Space 80 Mitglieder auf einer Fläche von 800 Quadratmetern, ergab die Auswertung der diesjährigen Deskmag-Umfrage. Zimmerpflanzen, Designermöbel und Highspeed-Internet gehören zur Standardausstattung, nicht selten ist eine Kaffeeflatrate im Mietpreis inbegriffen. „Die Ansprüche der Mitarbeiter an ihre Arbeitsumgebung sind extrem gestiegen“, sagt Dewi Schönbeck, Direktorin bei dem Beratungs- und Architekturunternehmen CSMM. Auf den ersten Blick sei heute oft nicht mehr erkennbar, ob es sich um ein Café, Wohnzimmer oder einen Arbeitsplatz handele. „Die klassische Bürotypologie gibt es so nicht mehr.“

Fast wie eine Kita

Ein ehemaliges Kindercafé im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Dass hier im Mai 2016 ein Co-Working Space eröffnet hat, lässt sich auf den ersten Blick nicht erahnen. „Coworking Toddler“ sieht zunächst aus wie eine Kindertagesstätte: Spielzeug überall, Mal- und Bastelsachen liegen herum. Doch wenn sich die Eltern morgens von ihren Kindern verabschiedet haben, gelangen sie durch eine versteckte Tür in einen dahinterliegenden Arbeitsbereich. 12 Schreibtische können im „Toddler“ für je 350 Euro im Monat gemietet werden, es gibt eine Kaffeeküche und einen Besprechungsraum. Dort können die Eltern ungestört arbeiten, die 15 Kinder werden von Erziehern betreut. Im Notfall oder in der Eingewöhnungsphase sind die Eltern so schneller erreichbar. „Wir haben eine riesenlange Warteliste“, sagt Gründerin Sandra Runge. „Mit unserem Angebot haben wir einen Nerv getroffen.“ Für das nächste Jahr ist daher ein zweiter Standort in Neukölln geplant. Mittlerweile gibt es auch in vielen anderen Städten Co-Working Spaces mit einer integrierten Kita: In Frankfurt am Main etwa eröffnete der Anbieter „Co Work Play“ Mitte Oktober schon seinen zweiten Standort.

Ob Arbeitsräume für Eltern, Frauen oder Haustierbesitzer – der Trend geht zur kleineren Zielgruppe. „Neu entstehende Büros versuchen, sich durch Spezialisierung hervorzutun und neue Bedürfnisse anzusprechen“, sagt Agnes Müller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Entwerfen und Städtebau der Leibniz Universität Hannover. Für ihre Dissertation untersuchte sie die Co-Working-Szene in Berlin. Schon 2011 habe es spezielle Büros für Filmemacher oder mit Werkstätten gegeben, so Müller. Derzeit verstärke sich der Trend zur Spezialisierung. Außerdem sei die temporäre Vermietung von Arbeitsplätzen durch große kommerzielle Anbieter wie Wework professioneller geworden. Das amerikanische Unternehmen betreibt alleine in Deutschland neun Co-Working Spaces, wie sein israelischer Konkurrent Mindspace agiert es auf der ganzen Welt. Die Arbeitsplätze an zentralen Standorten in Großstädten wie Berlin, Hamburg und München sind nicht billig: Ein fester Schreibtisch kostet bei Wework zwischen 350 und 480 Euro im Monat. In Frankfurt, Berlin und Hamburg ist Wework, gemessen an der vermieteten Fläche, einer Studie der Immobilienberatung Colliers zufolge schon der größte Anbieter von Co-Working-Büros. Die Räume von Wework nutzen jedoch nicht nur Selbstständige und Start-ups, sondern auch immer mehr große Konzerne.

„Mit der zunehmenden Verbreitung haben sich vermehrt Unternehmen in die Co-Working-Spaces eingemietet“, sagt Architektin Dewi Schönbeck. In den gemieteten Räumlichkeiten gebe es jedoch kaum Gestaltungsmöglichkeiten, daher würden viele Unternehmen nun ihre eigenen flexiblen Arbeitsplätze schaffen. Das Beratungsunternehmen CSMM betreut Unternehmen bei der Gestaltung moderner Büros. Für Siemens entstand im Münchner Stadtteil Neuperlach ein unternehmenseigener Co-Working Space. Auch in der 2016 fertiggestellten Global Digital Factory der Allianz können internationale Mitarbeiter für ein paar Wochen Arbeitsplätze buchen, um dort gemeinsam Ideen zu entwickeln. „Die Unternehmen wollen den Mitarbeitern eine inspirierende Umgebung bieten, die einen informelleren Charakter hat. Dort werden Innovationen gesponnen“, so Schönbeck.

Eine ganze Bankfiliale im Co-Working-Space

Auf der „Magistrale“ im Zentrum von Frankfurt an der Oder eröffnete Anfang Oktober der Co-Working Space „Blok O“. Geführt wird er zunächst von den Betreibern des St. Oberholz, das als eines der ersten deutschen Co-Working-Büros schon 2005 in Berlin gegründet wurde. Ein Arbeitsplatz im Blok O kostet 15 Euro am Tag, ein Monatsticket 79 Euro – und es gibt guten Kaffee. Soweit nichts Besonderes. Im April 2019 soll jedoch zusätzlich zu den kurzfristigen Mietern eine ganze Filiale der Sparda-Bank Berlin in die Räume einziehen. Blok O sei ein „Prototyp“; bei der Kooperation mit dem St. Oberholz handele sich um „ein Experimentierfeld für neue Ideen und die Zukunftsausrichtung unserer Bank“, heißt es bei der Sparda-Bank. Für vertrauliche Gespräche mit den Kunden gebe es abgetrennte Räume, alle anderen Serviceleistungen einer Bankfiliale sollen im Blok O ebenfalls möglich sein.

Nicht nur Unternehmen wie Siemens, Allianz oder die Sparda-Bank reagieren auf die sich verändernden Arbeitsplatz-wünsche ihrer Mitarbeiter. Auch bei den Immobilienvermietern zeigen sich erste Ansätze, flexibles Arbeiten bei der Gestaltung der Bürogebäude von vornherein mitzudenken. Für ihr Bürokonzept „The Plant“ etwa kauft die Investitionsgesellschaft Union Investment Immobilien auf. Die dort schon eingemieteten Unternehmen und ihre Mitarbeiter dürfen bleiben, die Immobilien stattet The Plant mit zusätzlichen Angeboten wie Grünflächen, Restaurants und Glasfaserleitungen für schnelles Internet aus. So wurden schon ehemalige Fabrikgelände in Konstanz, Nürnberg und Fürth modernisiert, ein Standort in Mannheim soll folgen. „Wir wollen, dass der Standort floriert und die Mitarbeiter bleiben“, sagt die Mitinitiatorin von The Plant, Cristina Bäppler.

Um dieses Ziel zu erreichen, müsse den Mitarbeitern eine „persönliche Erfahrung“ geboten werden. Doch gerade kleinere Unternehmen hätten häufig nicht die Mittel für eine aufwendige Infrastruktur. „Wir wollen eine diversifizierte Mieterstruktur fördern“, so Bäppler. Aus diesem Grund bietet The Plant in den Immobilien zu einem kleinen Teil auch Co-Working-Büros an. Im The Plant Konstanz werden neben Schreibtischen auch voll ausgestattete Laborplätze kleinteilig vermietet. Davon würden insbesondere Start-ups und kleine Unternehmen aus der Biotechnologie-Branche profitieren, die sich die teure Laborausstattung selten leisten könnten.

Der Trend schwappt in viele Branchen

Grundsätzlich schwappt der Co-Working-Trend neuerdings immer weiter in Branchen, in denen keine Schreibtischarbeit gefragt ist: In Frankfurt am Main beispielsweise residiert „Tatcraft“, ein sogenannter „Makerspace“ – das ist ein 1500 Quadratmeter großer Gerätepark. Einen riesigen industriellen 3D-Drucker gibt es hier beispielsweise, ebenso wie digitale CNC-Fräsen und eine Wasserstrahlschneidanlage zur Verarbeitung von Metall, Stein und Glas. Zielgruppe: Gestalter, Möbeldesigner, Bastler. Und in San Diego bietet „Weshare MD“ sogar Arztpraxen zur „Ausleihe“ an Mediziner verschiedener Disziplinen, die sich keine eigenen Praxisräume leisten wollen. Bezahlt wird in 4-Stunden-Blöcken.

Trotz aller Vorteile, die Co-Working Spaces bieten – ein „Allheilmittel“ seien sie nicht, sagt Dozentin Agnes Müller. Sie weist darauf hin, dass die starke Ausbreitung der Co-Working Spaces andere kulturelle Einrichtungen oder Gewerbe verdrängen könnten, etwa durch steigende Mieten. Und es gebe einen weiteren Nachteil: „Das Netzwerken, das die Betreiber immer sehr positiv darstellen, passiert nicht von alleine“, so Müller. Sich in der Gemeinschaft einzubringen sei nicht jedermanns Sache: „Co-Working ist kein Selbstläufer und nicht für jeden die richtige Wahl.“

Quelle: F.A.Z.
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