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Geschmackssache

Wenn Arbeitgeber die Mittagspause verplanen

Von Klara Keutel
 - 08:00

Arbeitsabläufe in modernen Unternehmen sind häufig straff organisiert und auf Effizienz getrimmt. Oftmals weiß der einzelne Angestellte gar nicht mehr, was etwa in der benachbarten Abteilung vor sich geht. Das ist zum Teil auch so gewünscht. Von den berühmten „Silos“ ist dann die Rede, und Heerscharen von Unternehmensberatern verkaufen den guten Rat teuer, dass man aus selbigen doch bitte schön herauskommen müsse. Denn nur durch Vernetzung entstünde letztlich auch Innovation, heißt es in der Theorie. Aber wie sollen solche sozialen Kontakte unter den beschriebenen Bedingungen vorangetrieben werden, fragen sich viele Personalmanager.

Die Antwortet lautet dabei immer häufiger: in der Mittagspause. Denn ein gezielt vereinbartes Mittagessen in der Kantine kann als Eisbrecher dienen und Kollegen unterschiedlicher Bereiche in entspannter Atmosphäre zusammen bringen. „Im Tagesgeschäft wird immer öfter auf Projektbasis und abteilungsübergreifend sowie interdisziplinär und ad hoc gearbeitet“, sagt Kommunikationsberater Frank Hamm, der für Konzerne die Vernetzung ihrer Mitarbeiter vorantreibt.

Dafür gibt es laut Hamm zunehmendes Interesse. Soziale Medien könnten dabei helfen, solche Barrieren zu überwinden. Interne Chat-Plattformen kommen daher zunehmend häufiger zum Einsatz und sollen Barrieren zwischen Abteilungen abbauen. Doch der virtuelle Austausch allein reiche nicht. „Persönlicher Kontakt ist extrem wichtig, nur so lernt man sich kennen und baut Vertrauen auf“, sagt Hamm. Dann kommt das Mittagessen ins Spiel.

Mittagspausen werden auf Monate verplant

Die staatliche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) weiß die Vorzüge schon zu nutzen. „Das Mittagessenmanagement spielt bei uns eine große Rolle“, sagt Heinrich Gerhard, der Chef der Personalabteilung. Auf den Stellenwert einer aktiven Mittagessensplanung werde schon im Bewerbungsgespräch oder bei Neulingen in der ersten Arbeitswoche hingewiesen. Für manche sei das überraschend oder sogar überfordernd. Doch die Unsicherheit lege sich schnell, versichert Gerhard, der auch für den Ausbildungsbereich zuständig ist.

Der KfW-Manager ist seit 18 Jahren im Unternehmen und überzeugter Verfechter der Mittagessenskultur. „Ich nehme das äußerst positiv wahr“, sagt er stolz. So etwas wie einen Routinegang zur Kantine oder eine spontane Verabredung gibt es hausintern selten. „Manche Kollegen planen ihre Mittagspausen sogar Monate im Voraus“, berichtet Gerhard amüsiert. Das finde er zwar etwas übertrieben. „Aber für die nächsten 14 Tage kann ich Ihnen durchaus sagen, mit wem ich wann zum Mittagessen verabredet bin“. Die Mittagessen-

Dates, wie solche Treffen bei der KfW auch genannt werden, müssen natürlich nicht immer an einen konkreten Zweck gebunden sein. Sie könnten auch dazu genutzt werden, um mit Kollegen und Freunden aus der Förderbank auf den aktuellen Stand zu kommen. Sie sind aber vor allem dann nützlich, wenn gemeinsame Projekte zwischen Abteilungen absehbar sind oder ein neuer Kollege in ein Team zu integrieren ist. „So erfährt man auf direktem Wege gleich, mit wem man es zu tun hat“, sagt Gerhard.

Ausbrechen aus dem Arbeitsalltag

Der Hamburger Versandhändler Otto geht noch einen Schritt weiter. Seit vergangenem Jahr wird die Kantine zur großen Bühne umfunktioniert. „Wir wollen den Mitarbeitern die Möglichkeit geben, in der Mittagspause aus dem Arbeitsalltag auszubrechen“, sagt Sprecherin Isabella Grindel. Ein bunt zusammengewürfeltes Programm solle dabei die nötige Inspiration vermitteln und eine Umgebung schaffen, um Mitarbeiter aus anderen Bereichen kennenzulernen. Das aktuelle Angebot von Otto umfasst Filmvorführungen ebenso wie Konzerte.

An einem Tag werden Poetry Slammer eingeladen, am nächsten legt ein DJ Musik auf und die Mitarbeiter können tanzen. Geplant ist zudem ein sogenannter Lab Day, an dem während der Mittagspause die neuesten technischen Innovationen gezeigt, getestet und diskutiert werden können. „Das neue Pausenkonzept wird sehr gut angenommen“, berichtet Grindel. An jeder Veranstaltung nehmen im Schnitt etwa 200 Mitarbeiter teil. „Wir werden die Unterhaltungsangebote daher auch weiterhin anbieten“, heißt es in Hamburg.

Kantinenkonzepte wie bei Otto stellen aber noch die Ausnahme in deutschen Unternehmen dar. Oft macht sich daher die Belegschaft selbst für eine kreative Nutzung von Mittagspausen stark. Als vor Jahren ein Mitarbeiter des Pharmaherstellers Boehringer Ingelheim bei einem Wechsel auf einen Auslandsposten Kontakte zu neuen Kollegen knüpfen musste, machte ihn diese Not erfinderisch. Um ohne großen Aufwand mit den Personen in diversen Abteilungen in Kontakt zu kommen, hatte er eine digitale Plattform programmiert, die später hausintern unter dem Namen „Lunch Roulette“ Karriere machen sollte.

Wenn Hierarchie keine Rolle mehr spielt

Auf dieser Terminbörse im Intranet kann man sich anmelden und ein gewünschtes Datum eintragen. Die Software würfelt den Nutzer daraufhin zufällig mit einem anderen Teilnehmer zusammen. Und schon hat man für den besagten Tag ein Mittagessen-Date. Nachdem das Projekt in der amerikanischen Tochtergesellschaft vom Start weg gut anlief, wurde es 2013 auch an den deutschen Standorten eingeführt. „Lunch Roulette ist die ideale Plattform, die Mitarbeiter aus verschiedenen Unternehmensbereichen zusammenbringt“, sagt Julia Löffelsend von Boehringer.

Über das Lunch Roulette seien bislang insgesamt 1000 Mittagessen organisiert worden. Wer über diese Plattform vermittelt wird, stellt zudem fest, dass Hierarchien in der Kantine keine Rolle mehr spielen. Da speist der Marketing-Manager mit dem Informatiker, der Pressesprecher mit dem Leiter des Rechnungswesens oder manchmal sogar der Vorstandsvorsitzende mit dem Trainee.

Ein ähnliches Erlebnis wie die Belegschaft von Boehringer hatten auch die drei Freunde Stefan Melbinger, Christoph Drebes und Mathew Murray. Sie wurden in drei verschiedenen Abteilungen von einer Tochtergesellschaft des spanischen Telefónica-Konzerns in München angestellt. Schnell fiel ihnen auf, wie spärlich das Unternehmen intern vernetzt war. Kaum Austausch zwischen den Abteilungen, dafür teilweise starke Vorurteile gegenüber anderen Firmeneinheiten. „Viele denken etwa, in der IT-Abteilung sitzen nur Nerds“, ärgert sich Melbinger, der selbst Informatiker ist.

Mit einem Unbekannten Kaffee trinken

Das Trio entwickelte ein mit Lunch Roulette vergleichbares Programm. Daraus reifte eine Geschäftsidee, die zunächst nur bei Telefónica zum Einsatz kam, inzwischen aber auch von anderen großen Unternehmen angewendet wird. Die „Mystery Lunches“, bei denen die Lunchpartner nach dem Zufallsprinzip kombiniert werden, scheinen zumindest in der Belegschaft von Telefonica großen Anklang zu finden: Knapp 9000 Mittagessen sind seit der Gründung vor gut einem Jahr hausintern vermittelt worden. Damit es auch bei regelmäßiger Teilnahme nicht langweilig wird, stellt der Algorithmus im Hintergrund sicher, dass man immer neue Abteilungen und immer neue Kollegen kennenlernt.

„Wir können den Algorithmus natürlich auch auf die besonderen Ansprüche der Kunden anpassen“, erklärt Melbinger. „Wir experimentieren mit neuen Anwendungsmöglichkeiten.“ Wenn etwa neue Projekte anstehen, könne die Software gute Unterstützung leisten, indem sie die beteiligten Mitarbeiter über einen organisierten Kantinenbesuch frühzeitig miteinander ins Gespräch bringt. Ähnliches gilt, wenn etwa zwei Geschäftseinheiten zusammengelegt werden sollen. „Innerhalb kürzester Zeit und unter hohem Druck mussten die Kollegen lernen zusammenzuarbeiten“, erinnert sich der Österreicher.

Um den Prozess der Integration zu unterstützen, hätten sich die betroffenen Mitarbeiter für einen „Mystery Coffee“ anmelden können, bei dem sie sich mit Kollegen aus der anderen Einheit auf einen Kaffee trafen. So lernten sich die zukünftigen Kollegen deutlich schneller kennen und schätzen. „Auch im Rahmen von standortübergreifenden Projekten kommen wir zum Einsatz“, sagt Melbinger. Da die Standorte über ganz Deutschland verteilt sind, seien hier keine Mittagessen, sondern „Mystery Skype Dates“ im Gespräch - um schon einmal eine Vorstellung zu bekommen, mit wem man es künftig häufiger zu tun haben wird.

Nicht jedem schmeckt es

Melbinger kann sich weitere Anwendungsmöglichkeiten vorstellen. „Es ist auch ein spannendes Konzept für Nichtregierungsorganisationen oder Universitäten.“ Zum Beispiel könnten sich so auch verschiedene Institutionen in einer Stadt bei einer Mahlzeit oder einem Treffen im Café austauschen. Studenten unterschiedlicher Fachbereiche mit den jeweiligen Professoren zusammenzubringen hätte aus ihrer Sicht ebenfalls Potential.

Ob Initiativen wie Lunch Roulette und „Mystery Lunch“ brisante Themen im Unternehmen entschärfen oder Ängste vor komplexen Vorhaben ausräumen können, ist indessen fraglich. Zumal es vielleicht auch nicht jedem Mitarbeiter schmeckt, wenn sich der Arbeitgeber auch noch mehr oder weniger aktiv in die Planung der eigenen Mittagspause einmischt. In den beschriebenen Fällen halten sich mögliche Kritiker zumindest in der Öffentlichkeit zurück.

Kommunikationsfachmann Hamm ist jedenfalls von den Vorteilen des Lunch-Ansatzes überzeugt. Dabei reicht eine kleine Starthilfe aus der Personalabteilung, um Mitarbeiter dazu zu bringen, sich zu öffnen und mit unbekannten Kollegen aus dem Hause zu speisen. Denn um das auf eigene Faust zu organisieren, fehlt vielen Mitarbeitern häufig schlicht der Mut.

Quelle: F.A.Z.
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