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Home Office

Im Büro ist es doch schöner

Von Sebastian Balzter
 - 13:42

Home-Office, das klingt so modern. Dabei ist die Idee uralt. Schon vor Jahrhunderten stellten Fabrikanten ihren Mitarbeitern Baumwolle und Spinnräder in die Wohnungen und ließen sie dort schuften. So sparte sich der Unternehmer die Fabrik, und die Beschäftigten konnten sich in den Pausen um Haus und Hof kümmern. Im historischen Urteil hat sich eingebürgert, die Angelegenheit als systematische Ausbeutung der Arbeiter anzusehen.

Gerade umgekehrt verhält es sich heute mit dem Image der Heimarbeit, neudeutsch Home-Office. Sie gilt im Großen und Ganzen als seligmachend. Nur so lassen sich Beruf und Familie unter einen Hut bringen, nur so entkommen wir dem nervtötenden und umweltschädlichen Pendeln zum Arbeitsplatz, nur so können moderne Arbeitgeber den Ansprüchen ihrer hochbegabten Angestellten gerecht werden. Alles andere (sprich: ein herkömmlicher Büroarbeitsplatz) wäre im Zeitalter von Smartphone und Laptop eine Bremse für die Kreativität, außerdem ein Motivationskiller, kurzum die reinste Sklavenhalterei.

Pioniere rudern zurück

Jetzt aber steht plötzlich ein dickes Fragezeichen hinter diesen Gewissheiten. Innerhalb von zwei Wochen haben zwei Ereignisse viele zum Nachdenken über den Sinn und Unsinn des Home-Office (wer’s vornehmer mag, kann auch Telearbeit dazu sagen) gebracht. Die Nachteile förderte unfreiwillig ein britischer Professor zutage, der vom heimischen Arbeitszimmer aus der BBC ein Fernsehinterview gab und dabei seine ungeplant hereinstürzenden Kinder des Platzes zu verweisen versuchte, ohne eine Miene zu verziehen. Der Erfolg hielt sich in Grenzen, im Internet ergötzten sich Millionen daran.

Und dann beorderte in der vergangenen Woche ausgerechnet der amerikanische Technologiekonzern IBM, ein Home-Office-Pionier der ersten Stunde, die bisher weidlich von zu Hause arbeitenden Angestellten seiner Marketingabteilung zurück ins Büro. Die Gurus der modernen Arbeitswelt reagierten darauf mit Bestürzung und Unverständnis: Jeder wisse doch, dass heutige Arbeitnehmer zu Hause viel produktiver seien als in einem verstaubten Firmengebäude.

Räumliche Nähe zu Kollegen fördert Kreativität

Doch so eindeutig ist der Stand der Erkenntnis nicht. Die von Wissenschaftlern der angesehenen Stanford-Universität durchgeführte Untersuchung, auf die sich die Befürworter der Heimarbeit regelmäßig beziehen, liefert zwar ein klares Ergebnis: Heimarbeiter sind seltener krank, machen kürzere Pausen und kommen deshalb auf eine um 13 Prozent höhere Produktivität. Aber dazu muss man natürlich auch wissen, welche Aufgaben sie zu erledigen hatten: Die über neun Monate begleiteten Probanden arbeiteten im Callcenter eines Reiseveranstalters. Aber nicht jede Tätigkeit eignet sich genauso gut für die Auslagerung.

Das haben Forscher aus Harvard, einer anderen amerikanischen Elitehochschule, gezeigt. Sie haben untersucht, welchen Erfolg ihre Kollegen mit ihren wissenschaftlichen Veröffentlichungen haben, gemessen an der Zahl der auf sie verweisenden Zitate in Fachjournalen. Diese Ergebnisse haben sie mit der Frage verbunden, wo die jeweiligen Autoren – die allermeisten naturwissenschaftlichen Aufsätze sind heute Gemeinschaftsproduktionen – ihre Arbeitsplätze haben. Und siehe da: Stehen die Schreibtische der gemeinsam ein Thema bearbeitenden Wissenschaftler im gleichen Gebäude, ist die Zitierquote ihrer Veröffentlichungen im Vier-Jahres-Durchschnitt 45 Prozent höher, als wenn sie sich nicht jeden Tag beim Gang zur Kantine oder zum Kaffeeautomaten über den Weg laufen können. Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass räumliche Nähe zu den Kollegen die Kreativität – und den Erfolg – ganz erheblich fördern kann.

Keine pauschale Antwort möglich

Nun kann sich also, wie so oft in der Wissenschaft, jeder die Studie aussuchen, die ihm am besten ins Weltbild passt. Oder sich die unangenehme Mühe machen, zu differenzieren, am besten gleich auf mehreren Ebenen. Erstens eignen sich manche Tätigkeiten viel besser fürs Home-Office als andere. Zweitens, davon war bisher noch nicht die Rede, ist nicht jeder Mensch gleichermaßen für die Arbeit von zu Hause geschaffen. Die einen schwärmen von der himmlischen Ruhe in den eigenen vier Wänden, die anderen bekommen den Blues. Die einen fühlen sich von den Kollegen abgelenkt, die anderen angespornt.

Nicht einmal die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Home Office lässt sich pauschal beantworten, wie das Beispiel des unglücklichen Professors aus dem BBC-Interview zeigt. In diesem Fall hat die Familie, wie späteren Befragungen zu entnehmen war, die schwierige Situation zwar mit Humor aufgearbeitet, aber das ist nicht immer so. Häufig genug entpuppt sich das Home-Office für die Beschäftigten nicht als Entlastung, sondern als Doppelbelastung. Und als Karrierefalle, weil Vorgesetzte bewusst oder unbewusst dazu tendieren, die Präsenz am Arbeitsplatz mit Beförderungen zu belohnen, auch wenn sie offiziell das Gegenteil behaupten.

Ab und zu zuhause arbeiten hilft

Andererseits gibt es für berufstätige Eltern oft keine vernünftige Alternative zum heimischen Arbeitsplatz, etwa dann, wenn die Betreuungszeiten in der Kita oder die Stundenpläne in der Schule das tägliche Pendeln zum Arbeitsplatz unmöglich machen.

Was ist daraus zu lernen? Es bringt nichts, einen Rechtsanspruch auf die Arbeit im Home-Office ins Gesetz zu schreiben, wie es die Niederlande vor ein paar Jahren getan haben. Denn die Steigerung der Heimarbeitsquote (zurzeit liegt sie in Deutschland bei 12 Prozent) ist kein Ziel an und für sich. Aber es hilft vielen Arbeitnehmern, wenn sie zumindest ab und zu von zu Hause aus arbeiten können; Berichte aus der Praxis laufen meistens darauf hinaus, dass das für eine geeignete volle Stelle an zwei oder drei Tagen in der Woche für beide Seiten ein Gewinn sein kann, sofern es verbindliche Absprachen zur Erreichbarkeit und zum Arbeitspensum gibt. Und noch etwas: Ob IBM mit seiner radikalen Kehrtwende Richtung Büro Erfolg hat, ist zweifelhaft. Vor drei Jahren hat Yahoo, ein anderer amerikanischer Tech-Konzern, seinen Mitarbeitern das Home-Office ersatzlos gestrichen. Das war als Rettungsmaßnahme in der Krise gedacht. Aber danach ging es mit der Firma erst so richtig bergab.

Quelle: F.A.S.
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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