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Amerikanische Studenten

Das College wird zur Schuldenfalle

Von Winand von Petersdorff
 - 05:27
Lustig ist das Studentenleben. Aber danach haben in Amerika fast 70 Prozent der Absolventen Schulden.

Wenn der 74 Jahre alte Bernie Sanders spricht, dann finden vor allem junge Leute den Sozialismus plötzlich akzeptabel. Punkt Nummer eins im Wahlprogramm des Bewerbers um die demokratische Präsidentschaftskandidatur ist die Beseitigung der Ungleichheit bei Einkommen und den Vermögen. Punkt Nummer zwei sind Hochschulen ohne Studiengebühren. Da jubeln sie frenetisch, die Studenten, die zu den treuesten Anhängern des energischen älteren Herrn gehören. In manchen Bundesstaaten hat Sanders 80 Prozent der jungen Vorwähler für sich gewonnen.

Amerikaner wachsen mit der Erfahrung auf, dass höhere Bildung Geld kostet - je besser sie ist, desto mehr. Jahrelang begriffen Familien und angehende Studenten das zwar als Belastung, aber nicht als politisches Thema. Doch diese Duldsamkeit geht offenkundig zu Ende. Vordergründig liegt das an den nackten Zahlen: Die besten hundert Hochschulen des Landes verlangen für das akademische Jahr 2015/2016 im Durchschnitt 12.300 Dollar Studiengebühr für Kinder des eigenen Bundesstaates und 39.200 Dollar für Studenten, die aus einem anderen Bundesstaat kommen. An den besten Adressen des Landes ist man mit rund 50.000 Dollar dabei. Noch nicht abgedeckt sind damit Kost, Logis und Geld für gelegentlich unverschämt teure Bücher (der Bestseller „Principles of Macroeconomics“ von Greg Mankiw kostet zum Beispiel rund 240 Dollar).

Dieser Status quo ist der vorläufige Endpunkt einer dramatischen Entwicklung. Über die letzten dreißig Jahre hinweg hat sich die durchschnittliche Eintrittsgebühr für ganz normale öffentliche Hochschulen mit vierjährigem Studium mehr als verdreifacht. Die Einkommen dagegen stagnierten in dieser Zeitspanne weitgehend. Viele Familien konnten oder wollten es sich nicht mehr leisten, ihren Kindern das Studium zu bezahlen. Die Folge war und ist bis heute, dass sich immer mehr Studenten Geld leihen, um diese Summen bezahlen zu können. Fast 70 Prozent aller Bachelor-Absolventen haben einen Schuldenberg angehäuft, zumindest einen kleinen. Im Schnitt ist er 35.000 Dollar hoch, Kreditgeber ist in der Regel die Bundesregierung.

1,2 Billionen Dollar Studienschulden

Noch alarmierender wirkt die Gesamtzahl. Zusammengerechnet summieren sich die Studienschulden in den Vereinigten Staaten zu einer volkswirtschaftlich höchst relevanten Dimension: Sie liegen inzwischen bei 1,2 Billionen Dollar, das ist mehr als das Dreifache des deutschen Bundeshaushalts. Nur für ihre Immobilien haben sich die Amerikaner stärker verschuldet als für ihre Bildung.

Die Wirtschaftsberater des Präsidenten fürchten inzwischen, dass die hohen Schulden die Hochschulabsolventen davon abhalten, Häuser und Autos zu kaufen. Statt die Konjunktur durch kraftvollen Konsum zu stimulieren, bleiben sie im ökonomisch schlimmsten Fall im Kellergeschoss des elterlichen Eigenheims wohnen und leihen sich gelegentlich Papas Auto.

Wie bedeutsam das Problem ist, zeigt auch eine andere Zahl: Rund 40 Millionen Amerikaner schlagen sich mit nicht abbezahlten Studentenkrediten herum. Und nach Berechnungen der Landeszentralbank von St. Louis ist knapp jeder dritte dieser 40 Millionen Schuldner mit den Zahlungen in Verzug. Damit ist die Zahlungsmoral oder Zahlungsfähigkeit der Ex-Studenten viel schlechter als die der Kunden in den anderen großen Kreditkategorien. Bei Autokrediten etwa liegt die Verzugsquote bei 8,5 Prozent.

Der wichtigste Pfad für den Aufstieg bliebe versperrt

Die Zahlen legen eine Vermutung nahe: Studieren in Amerika ist schlicht zu teuer. Wenn das schon für den Nachwuchs der Mittelschicht gilt, dann erst recht für die Kinder armer Familien. Damit stünde politisch allerdings noch mehr auf dem Spiel als das Wirtschaftswachstum. Wenn talentierte Kinder armer Leute nicht mehr studieren können, dann bleibt ihnen der wichtigste Pfad für den ökonomischen und sozialen Aufstieg versperrt. Amerika bräche sein Versprechen, dass es in diesem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein jeder nach oben schaffen kann. „Heute ist es wahrscheinlicher, dass ein dummes reiches Kind aufs College geht als ein kluges armes Kind“, sagt der bekannte Harvard-Soziologe Robert Putnam. Das ist der politische Treibstoff, der Bernie Sanders beflügelt.

Die Angelegenheit ist allerdings kompliziert, weil die nackten Schuldenzahlen wenig aussagen. Noch präziser formuliert: Sie geben ein völlig falsches Bild. Die Erziehungswissenschaftlerin Susan Dynarski weist auf das Phänomen hin, dass gerade die Studenten mit den höchsten Schulden besonders selten mit ihren Rückzahlungen im Verzug sind. Sie können mit den Schulden umgehen. Die Begründung ist einfach: Sie sind tendenziell diejenigen, die nach dem Abschluss auch am meisten verdienen. Sie haben an einer medizinischen Hochschule, an einer Business oder Law School studiert und dafür sechsstellige Schuldenberge angehäuft. Die höchsten Zahlungsausfälle dagegen sind für jene Gruppe zu verzeichnen, deren Mitglieder nur kleine Kredite bis zu 5000 Dollar in Anspruch genommen haben. Zum Vergleich: Mediziner haben nach dem Abschluss im Durchschnitt Studienschulden von 162.000 Dollar.

Die mit Schulden finanzierte Investition in die Bildung ist also nur ein Teil der Gleichung. Deren Lösung ist die Bildungsrendite: Was springt heraus für das eingesetzte Kapital? Und das eigentliche Problem ist, dass die Bildungsrenditen im amerikanischen College-System so weit auseinanderklaffen. Die Hochschulen mit den höchsten Eintrittsgeldern sind ihr Geld wert, weil ein Abschluss dort das Versprechen auf eine lukrative Karriere halten kann. Dagegen entlässt manch billiges College seine Absolventen ohne Perspektive ins Berufsleben. Der Abstand zwischen guten und schlechten Hochschulen hat sich vergrößert.

Viele Hochverschuldete kommen von „Profit“-Hochschulen

Vor diesem Hintergrund haben Adam Looney, ein Wissenschaftler im amerikanischen Finanzministerium, und Constantine Yannelis von der Stanford-Universität vergangenes Jahr im Auftrag der Denkfabrik Brookings die Studentenschulden genauer untersucht - und die Zahlungsausfälle, die sich seit Beginn 2000 fast verdoppelt haben. Sie förderten überraschende Ergebnisse zutage. Die Hauptbetroffenen sind deutlich älter als die Mehrheit der Studenten. Sie sind unabhängig von ihren Eltern, sie kommen eher aus armen Verhältnissen, und sie leben eher in unterprivilegierten Gegenden. Sie nahmen nennenswerte Schulden auf, um Hochschulen mit hohen Abbrecherquoten zu besuchen. Nach dem Studium kamen sie auf einen Arbeitsmarkt, der für sie wenig Perspektive bot. Jeder Vierte von ihnen konnte schon binnen der ersten drei Jahre nach dem Abschluss seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Viele blieben lange arbeitslos.

Die Wissenschaftler kamen zu einer zweiten wichtigen Erkenntnis. Amerika kennt öffentliche Hochschulen, außerdem private Universitäten ohne Gewinnabsicht, zu denen die bekannten Namen wie Harvard, Stanford oder Columbia gehören - und schließlich Hochschulen mit dem Ziel der Gewinnerzielung. Die Studenten, die sich finanziell übernommen haben und den starken Anstieg bei den Zahlungsverzögerungen zu verantworten haben, sind zum überwiegenden Teil an diesen „Profit“-Hochschulen unterrichtet worden. Diese Bildungseinrichtungen gehörten zunächst zu den wenigen kommerziellen Gewinnern der Wirtschaftskrise. Denn um der Arbeitslosigkeit zu entgehen, schrieben sich viel mehr Leute an gewinnorientierten Hochschulen ein und verschuldeten sich dafür. Die Institutionen konnten aber ihr Versprechen auf eine lukrative Karriere nicht halten.

In den Vereinigten Staaten macht aktuell der Niedergang der kommerziellen Kette Corinthian College Furore. Sie hat voriges Jahr ihre 28 Campus-Standorte geschlossen, kurz nachdem das Bildungsministerium dem Unternehmen eine 30-Millionen-Dollar-Strafe auferlegt hatte - für falsche Angaben darüber, wie viele Absolventen eine Arbeitsstelle und ein gutes Auskommen gefunden haben. Durch die Presse ging das Beispiel eines Studenten, der Wirtschaftsprüfung studiert hatte, von der Universität als erfolgreich vermittelt dargestellt wurde, in Wahrheit aber bei der Schnellrestaurantkette Taco Bell am Tresen seinen Lebensunterhalt verdiente. Rund 350000 Studenten dieser sogenannten Bildungseinrichtung haben nun Aussichten, ihre Schulden erlassen zu bekommen, weil ihre Aufnahme auf falschen Hoffnungen gründete. Der Betreiber ist inzwischen insolvent.

Ein neuer Typus des Krisenstudenten

Die Finanzkrise und die folgende wirtschaftliche Depression haben also den neuen Typus des Krisenstudenten hervorgebracht, der auf die Arbeitslosigkeit mit einer Investition in die Bildung reagiert und sich dabei verspekuliert, weil die Hochschulen ihr Geld nicht wert sind.

Neben den kommerziellen Universitäten sind städtische Colleges mit zweijährigen Studiengängen die andere große Problemgruppe. Das zeigt sich auch an den hohen Abbrecherquoten dieser Hochschulen. Paige Ponder, die eine Organisation zur Unterstützung armer Studenten in Chicago führt, nennt für die Colleges der Stadt Abbrecherquoten von bis zu 83 Prozent. „Am Ende haben sich die Studenten verschuldet und können nichts vorweisen“, sagt Ponder. Insgesamt bricht in Amerika knapp jeder Zweite sein Hochschulstudium ab.

Viel besser als diesen Krisenstudenten geht es in Amerika den herkömmlichen Studenten, die üblicherweise aus einer eher bessergestellten Familie kommen und eine vierjährige Ausbildung an einem nichtkommerziellen College absolvieren. Die Brookings-Studie fand heraus, dass diese Gruppe trotz Finanzkrise und vergleichsweise hoher Verschuldung nicht häufiger als früher in Zahlungsverzug geraten ist. Für sie hat die Bildungsrendite gestimmt.

Quelle: F.A.S.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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