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Duale Ausbildung

Wenn das Gleis zur Sackgasse wird

Von Ludger Wößmann
 - 06:36
Hervorragende Ausbildung - aber zu spezialisiert? Bild: Marcus Kaufhold

Deutschland ist zu Recht stolz auf sein System der dualen beruflichen Ausbildung. Wegen seiner hohen Qualität wird es weltweit bewundert. Die Vorteile: Wer Elektriker, Maler oder Einzelhandelskaufmann gelernt hat, schafft meist schnell den beruflichen Einstieg. Durch die Ausbildung in Betrieben und Berufsschulen kommen die Absolventen gut ins Gleis von der Schul- in die Arbeitswelt. Doch die berufsspezifische Ausbildung kann auch Schattenseiten haben. Zum Problem wird es, wenn das Gleis sich später als Sackgasse entpuppt. Einige einst beliebte Ausbildungsberufe – beispielsweise Schneider, Weber, Drucker, Modistin, Foto- oder Filmlaborant – sind heute kaum noch gefragt.

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In einer Studie, die gerade im „Journal of Human Resources“ erscheint, zeigen Eric Hanushek (Stanford), Guido Schwerdt (Konstanz), Lei Zhang (Schanghai) und ich, dass eine berufsspezifische Bildung den Eintritt der Absolventen in den Arbeitsmarkt in der Tat erleichtert, mit zunehmendem Alter aber die Beschäftigungsperspektiven verringert. Der anfängliche Beschäftigungsvorteil gegenüber allgemeinbildenden Abschlüssen kehrt sich im Laufe der Zeit in ein höheres Beschäftigungsrisiko um. Im immer schnelleren technischen und strukturellen Wandel werden viele erlernte berufsspezifische Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr nachgefragt. Dieser Konflikt im Lebensverlauf findet sich übrigens genauso, wenn wir nur Berufe betrachten, die körperlich wenig fordernd sind. Es geht also nicht darum, dass ältere Arbeitnehmer ihre Berufe aufgrund körperlich anspruchsvoller Arbeit nicht mehr ausüben können.

Für die Studie wurden die Daten von 15.000 Personen aus dem International Adult Literacy Survey (IALS) aus den neunziger Jahren ausgewertet. Derselbe Zusammenhang ergibt sich auch 2012 im sogenannten „Erwachsenen-PISA“, dem Programme for the International Assessment of Adult Competencies (PIAAC) mit 29000 Personen, wie ich in einer weiteren Studie mit Franziska Hampf gezeigt habe. Trotz der zwischenzeitlichen Reformen von Arbeitsmarkt und Rentensystem, die etwa eine Frühverrentung erschweren, fallen Personen mit berufsspezifischer Ausbildung mit zunehmendem Alter verstärkt aus dem Arbeitsmarkt.

Schneider werden nur noch selten gebraucht

Wer vor 30 Jahren eine hervorragende Ausbildung zum Schneider erhalten hat, hat es am heutigen deutschen Arbeitsmarkt schwer: Schneider werden einfach nicht mehr annähernd so viel nachgefragt wie damals. Das hat mit Veränderungen wie Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung zu tun. Deshalb weiß auch niemand, welche Kompetenzen in 30 Jahren – wenn die heutigen Azubis noch nicht einmal 50 Jahre alt sind – in der Wirtschaft gefragt sein werden.

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Unter den untersuchten 18 IALS- und 16 PIAAC-Ländern sind die Effekte in Ländern wie Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz besonders stark, die ein ausgeprägtes duales Berufsausbildungssystem haben. In diesen Ländern dreht sich der Beschäftigungsvorteil der Absolventen der beruflichen Ausbildung schon im Alter von 44 Jahren in einen Beschäftigungsnachteil um. Dabei geht es nicht um die Frage der Dauer eines Bildungsganges, denn deren Effekte werden in den Studien komplett herausgerechnet. Es geht darum, dass eine starke Fokussierung auf ein enges Berufsbild den Schritt von der Schul- in die Arbeitswelt erleichtert, aber gleichzeitig die Anpassungsfähigkeit älterer Arbeitnehmer an eine sich wandelnde Wirtschaft verringert. Das gilt genauso für höhere Bildungsgänge. Deshalb ist die aktuell zu beobachtende Zersplitterung in eng ausgerichtete Studiengänge – zum Beispiel ein Bachelor in Cruise Tourism Management – auch sehr kritisch zu sehen.

Aber auch für unser duales Ausbildungssystem legen die Befunde Verbesserungspotentiale nahe – denn auch ein recht gut funktionierendes System hat immer noch Potential verbessert zu werden. Um das duale Ausbildungswesen zukunftsfähig zu halten, sollten wir die frühe Spezialisierung der Auszubildenden verringern, indem wir die Anzahl der spezifischen Ausbildungsberufe verringern, den allgemeinbildenden Anteil an den Ausbildungsinhalten ausweiten und die lebenslange Weiterbildung stärken.

Der Branchenwechsel fällt schwer

Derzeit gibt es in Deutschland mehr als 340 verschiedene Ausbildungsberufe. In der Schweiz, die ein ebenso erfolgreiches duales Ausbildungssystem hat, sind es nur rund 200. Bei uns gibt es allein im kaufmännischen Bereich 30 spezifische Ausbildungsberufe, darunter zum Beispiel den Kaufmann für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen sowie den Kaufmann für Spedition und Logistikunternehmen. Durch die starke Spezialisierung der Ausbildungen fällt es den Menschen schwer, später in andere Branchen zu wechseln. In der Schweiz gibt es für die ersten beiden Jahre nur eine einzige kaufmännische Ausbildung, im dritten Jahr wird dann spezialisiert. Dadurch erlangen die Auszubildenden Kompetenzen, die ihnen später einen Wechsel in andere Branchen leichter machen.

Auch sollte der allgemeinbildende Anteil der Ausbildung an den Berufsschulen ausgeweitet werden. Den Azubis sollten Kompetenzen vermittelt werden, die über enge Berufsfelder hinausgehen, lebenslanges Lernen erleichtern und ihnen auch später noch nützen, wenn sich die Anforderungen der Wirtschaft verändert haben. Das liegt möglicherweise nicht im kurzfristigen Interesse der Betriebe. Aber das langfristige Beschäftigungsinteresse der Azubis ist hier deutlich höher zu werten. Interessanterweise weisen Ausbildungsleiter in großen Betrieben wiederholt darauf hin, dass größere Unternehmen mit verschiedenen Berufsgruppen ihre Azubis gern viel breiter ausbilden würden, um für Wandlungen des Produktionsprozesses gewappnet zu sein. Auch von Berufsschullehrern kommt häufig der Hinweis, dass eine Aufsplitterung in 30 kaufmännische Ausbildungen inhaltlich keinen Sinn macht und ein passendes Berufsschulangebot im ländlichen Raum erschwert.

Die Absolventen einer dualen Berufsausbildung nehmen im Vergleich zu Akademikern weit seltener an Weiterbildungsmaßnahmen teil. Weiterbildung steigert jedoch die Beschäftigungschancen. In der heutigen Zeit kann man in den meisten Berufen nicht bei dem einmal Erlernten stehenbleiben. Die heutige Wirtschaft verändert sich ständig, und genau das hat uns unseren Wohlstand gebracht. In 30 Jahren wird die Arbeitswelt anders aussehen – nur weiß heute niemand, wie. Aber wer heute ausgebildet wird, soll auch in 30 oder 40 Jahren noch auf dem Arbeitsmarkt tätig sein. Dafür brauchen wir andere, stärker allgemeinbildende Ausbildungskonzepte.

Prof. Dr. Ludger Wößmann leitet das Ifo-Zentrum für Bildungsökonomik am Münchner Ifo-Institut und ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Quelle: F.A.Z.
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