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Mikroapartments

Hotel ohne Mama

Von Tim Niendorf
 - 20:59

Das ist schon Luxus. Während sich vor dem Wohnkomplex Urbanum im Frankfurter Gallusviertel die Autos im Abendverkehr stauen, herrscht auf der Rückseite des Gebäudes Ruhe. Auf der weitläufigen Dachterrasse im siebten Stock stehen ein paar Sitzbänke und Tische, die Luft ist frisch und die Aussicht ein doppeltes Versprechen. Zur einen Seite ist der Blick frei auf die leuchtende Skyline, zur anderen auf das Abendrot über dem verdunkelten Taunus. Es ist eine Wohlfühloase inmitten einer Großstadt, die immer mehr Menschen anzieht, nicht nur Touristen. Die Einwohnerzahl Frankfurts ist in den vergangenen vierzehn Jahren um 100.000 auf 746.000 angestiegen. Damit hatte die Stadt nicht gerechnet. Die Wachstumsschmerzen äußern sich nicht nur in den immer verstopfteren Straßen, sondern auch im Wohnraummangel – und der trifft auch in dieser deutschen Großstadt Studenten besonders hart. Ihr Budget ist schließlich oft sehr überschaubar.

Ein Profiteur dieser mit anderen Ballungsräumen vergleichbaren Situation sind die Investoren von Mikroapartments und anderen Wohnangeboten für Studenten. Lag der Anteil privater Angebote im Jahr 2015 bundesweit noch bei etwa einem Sechstel, steigt er dem Immobiliendienstleister Savills zufolge bis zum Jahr 2022 auf ein Drittel. Mittelfristig dürften private Anbieter demzufolge in Berlin, Kassel, Frankfurt, Hamburg und Bremen am bedeutendsten sein; ihr Marktanteil werde in diesen Städten schon in zwei Jahren bei deutlich mehr als 40 Prozent liegen. Die privaten Anbieter profitieren vor allem in den Großstädten. Denn vielerorts kann der Wohnungsmarkt den Bedarf nicht mehr decken. Allein in Frankfurt fehlen den aktuellen Zahlen des Stadtplanungsamts zufolge knapp 30 000 Wohnungen, wie auch Oberbürgermeister Peter Feldmann zugibt. Bis zum Jahr 2040 werden sogar 90 000 Wohnungen benötigt. Nicht nur für Studenten, aber auch.

Viele Menschen ziehen aufgrund der Arbeit in die Großstädte. Und dann wären da eben noch die Studenten, deren Zahl in Deutschland mit 2,8 Millionen auf einem Rekordniveau liegt. Auch wenn die Zahlen zuletzt stagnierten und an manchen Hochschulen etwas sanken, zeigt sich doch das Potential für die privaten Investoren. Hinzu kommt, dass die Zahl der ausländischen Studenten schneller gestiegen ist als die der einheimischen. Gerade für sie sind Mikroapartments attraktiv. Viele von ihnen bringen das nötige Geld mit, zumal sie die hohen Studiengebühren in ihrer Heimat sparen. Und ein Vorteil ist nicht zu unterschätzen: Die Zimmer sind möbliert. Für Chinesen, Amerikaner, aber auch viele Europäer, die hierher kommen, ist das ein Pluspunkt.

Den Staubsauger am Empfang leihen

Im Frankfurter Urbanum mit seinen Mikroapartments kommt jeder zweite Mieter aus dem Ausland. So gesehen, stehen Betül Yaz und Polona Noušak stellvertretend für die Bewohner des Gebäudes. Betül Yaz kommt ursprünglich aus Mainz, Noušak aus Slowenien. Als die Slowenin im September 2017 nach Deutschland zog, um in Frankfurt an der privaten Hochschule Fresenius Physiotherapie zu studieren, fand sie zunächst keine Wohnung. Das hatte verschiedene Gründe. Vom ohnehin angespannten Wohnungsmarkt abgesehen, verlangten einige von ihr, ein deutsches Konto zu besitzen. Dafür, sagt sie, brauche sie aber eine deutsche Anschrift. Wohnungssuche im Ausland kann sehr kompliziert sein. „Ich habe so viele Mails geschrieben. Viele wollten aber keine Studenten“, sagt die Vierundzwanzigjährige.

Bei Betül Yaz war es etwas anders – und doch ähnlich. Zuvor hatte die 25 Jahre alte Jurastudentin in einer Wohngemeinschaft gewohnt, zog dann aber, weil es ihr nicht mehr gefiel, für einige Zeit zu ihren Eltern nach Mainz zurück. Von dort aus suchte sie nach einer neuen Bleibe, fand aber keine, obwohl sie ein halbes Jahr lang suchte. „Es ist fast unmöglich, etwas in Frankfurt zu finden. Die Vermieter nehmen lieber Leute, die fest im Leben stehen.“ Also leider keine Studenten. Mit dem Urbanum fanden die beiden dann doch noch ein Dach über dem Kopf. Und zwar auch deswegen, weil hier weder ein Casting noch eine persönliche Vorstellung notwendig waren. Es reichte, online ein Dokument auszufüllen und den Nachweis eines Studiums zu liefern. Eine Immatrikulation ist aber nicht in allen Mikroapartments dieser Art notwendig. Andernorts zieht die Wohnform auch Pendler an, die nur unter der Woche einen Platz zum Schlafen brauchen. Oder Singles – deren Zahl im Grunde überall stark gestiegen ist.

Ein Mikroapartment muss man sich allerdings auch leisten können. Betül Yaz und Polona Noušak zahlen für ihre 19 Quadratmeter 700 Euro, also deutlich mehr als die meisten Studenten für eine vergleichbare Fläche, von München einmal abgesehen. Im Schnitt kosten private Studentenapartments dem Immobiliendienstleister Savills zufolge in Frankfurt 632 Euro. Oft ist in dem Preis alles drin. Auch das Urbanum bietet eine Art Rundumsorglos-Paket. Wer keinen Staubsauger hat, kann sich einen am Empfang leihen. Wer sich ein Paket liefern lässt, muss nicht zu Hause sein oder auf nette Nachbarn hoffen: Am Empfang werden die Pakete angenommen. Zum Black Friday oder an Weihnachten stapeln sich die Päckchen dann auch schon mal. Den Studenten wird dann per Whatsapp-Nachricht mitgeteilt, dass sie Post bekommen haben. Auch bei allen möglichen weiteren Fragen kann man sich an die sogenannten „Residence Manager“ wenden. In englischer Sprache sind auch die Namen der Gemeinschaftsräume gehalten. Da wäre der Common Room, der Study Room, der Fitness Room und die Common Kitchen – wobei jedes einzelne Apartment auch eine integrierte Küche besitzt. In einem der Gemeinschaftsräume steht ein Billardtisch.

Eiscreme-Party und Kinonacht

Und dann wären da noch die Veranstaltungen, die „Events“: vom gemeinsamen Frühstück auf der Terrasse über Begrüßungs-, Halloween-, und Eiscreme-Partys bis hin zur Movie Night. „Die Events helfen einem, Leute kennenzulernen“, sagt Betül Yaz. Das sieht Polona Noušak genauso, die nicht zuletzt ihr Deutsch weiter verbessern will. Zwar habe sie bei einem Filmabend den „Hobbit“ allein ansehen müssen, weil sonst keiner auftauchte, doch hätten die Veranstaltungen einen immer größeren Zulauf. Es müsse sich erst einmal alles finden, schließlich gebe es das Frankfurter Urbanum erst seit Ende 2017.

Für die Eltern von Yaz war auch der Aspekt Sicherheit ein Thema. Zwei junge Frauen allein in einer Großstadt wie Frankfurt, das war ihnen nicht geheuer. Für die Eltern war es daher wichtig, dass es Kameras gibt, dass der Zutritt zum Gebäude nur mit einem Chip möglich ist und nicht jeder rein- und rausspazieren kann, wie er will. Den Komfort und die Sicherheit lassen sich die Eltern einiges kosten. Denn allein mit einem Nebenjob sind die 700 Euro Miete kaum aufzubringen.

Doch solange der Wohnraum in Ballungsgebieten knapp ist, werden Mikroapartments am Markt erfolgreich sein. Savills hat ausgerechnet, dass die klassischen Studentenwerke zwar mit etwa 114 000 Betten in den 30 größten deutschen Hochschulstandorten noch der größte Anbieter auf dem studentischen Wohnungsmarkt sind. Aber der private Markt wächst schneller. Dessen Bestand werde schon bald auf 63 000 Betten wachsen und damit um das Fünffache höher liegen als noch im Jahr 2010. Eine rasante Entwicklung. Studentenapartments seien das jüngste und am schnellsten wachsende Segment innerhalb der Wohnungsmärkte, sagt auch Thomas Beyerle, Marktbeobachter und „Chef-Researcher“ der Immobilienberatungsgesellschaft Catella. Als Gründe nennt er unter anderem die Internationalisierung der Bachelor-Studiengänge und die sogenannten Helikoptereltern. Ein Ende des Wachstums sei vorerst nicht absehbar, vor allem in Metropolen. Denn noch immer drängt es die Menschen in die Städte.

Doch um erfolgreich zu sein, sollten die Apartments gut an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sein. Dann nämlich, sagt Beyerle, sei auch die Bereitschaft größer, hohe Mieten zu bezahlen. So wie beim Urbanum in Frankfurt, das nur wenige Meter von einer S-Bahn- und einer Straßenbahnhaltestelle entfernt liegt. Um jedoch dem Bedarf aller Studenten gerecht zu werden, brauchte es auch mehr kostengünstige Angebote. Der Blick auf die Frankfurter Skyline und das Abendrot über dem Taunus – sie haben ihren Preis.

Quelle: F.A.Z.
Tim Niendorf
Volontär.
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