<iframe src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
Schlechte Bezahlung

Praktikant in Brüssel? Selbst schuld!

Von Annika Janßen
 - 10:35

Das Praktikum wird mit 400,00 Euro pro Monat vergütet.“ Als Tim-Philipp Wermter diesen Satz las, platzte ihm der Kragen. Wermter ist Masterabsolvent im Fach International Political Economy an der britischen University of Warwick. Über die IB-Liste, einen Mailverteiler für Studenten und Absolventen der Politikwissenschaft mit mehr als 16 000 Mitgliedern, hatte ihn Ende Oktober 2017 eine Praktikumsausschreibung des Brüsseler Büros von Elmar Brok erreicht, einem Mitglied des Europäischen Parlaments (EP). Gesucht wurden Praktikanten, die mindestens sechs Monate in Broks Büro assistieren sollten, in Vollzeit. Ein weit fortgeschrittenes oder abgeschlossenes Masterstudium sollten sie ebenfalls vorweisen können. Dafür einen Lohn von 400 Euro monatlich zu zahlen, sei eine Unverschämtheit, fand Wermter. Er schickte eine E-Mail an Broks Büroleiter: „Es würde mich sehr interessieren, wie es zu diesen Konditionen kommt, die nicht einmal die notwendigen Lebenshaltungskosten in Brüssel decken“, schrieb er. Eine Antwort erhielt er nicht.

Dass es viele schlechtbezahlte Praktika in Brüssel und in den europäischen Institutionen gibt, ist ein offenes Geheimnis, sagt Terry Reintke, seit dem Jahr 2014 Abgeordnete der Grünen/EFA-Fraktion im Europäischen Parlament. Reintke war bis vor wenigen Monaten Vorsitzende der Youth Intergroup im EU-Parlament und setzt sich seit Jahren für faire Arbeitsbedingungen für Praktikanten in Brüssel ein. Denn das Leben in der belgischen Hauptstadt ist kostspielig. Im Cost of Living Index der Datenbank Numbeo liegt Brüssel auf Rang 76 der ganzen Welt; allein die Miete für ein 15 Quadratmeter großes WG-Zimmer kostet monatlich um die 500 Euro. Insgesamt betragen die Lebenshaltungskosten für Studenten etwa 750 Euro im Monat, hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) errechnet. Ohne Erspartes oder finanzielle Unterstützung durch die Eltern können Praktikanten diese Ausgaben bei einer Bezahlung à la Brok nicht stemmen.

Auf Minijob-Niveau

Unabhängig von ihrem Lohn arbeiten die meisten Praktikanten in Vollzeit im EP, oft mehr als 40 Stunden je Woche. „Gleich zwei Gründe, ihnen mehr als einen Hungerlohn zu zahlen“, sagt Reintke. Sie kennt Geschichten von Parlaments-Praktikanten, die während ihrer Zeit in Brüssel in Garagen unterkommen mussten, im Winter nicht heizen und sich an manchen Tagen nichts zu essen kaufen konnten – weil sie es sich mit der mauen Bezahlung schlicht nicht leisten konnten. In einer Befragung unter 266 Praktikanten von Parlamentsabgeordneten fand die Youth Intergroup heraus, dass jeder Vierte monatlich 600 Euro erhielt, jeder Zehnte allerdings gar keinen Lohn. Immerhin: Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren schon gebessert. „Vor sieben Jahren waren etwa 20 Prozent der Praktika bei Parlamentsabgeordneten gar nicht bezahlt, heute liegt dieser Anteil nur noch bei zehn Prozent“, sagt Reintke. Doch sie schätzt, dass es eine Dunkelziffer gibt, die noch höher liegt. Reintke selbst zahlt den Praktikanten in ihrem Brüsseler Büro einen monatlichen Lohn von 1300 Euro.

CDU-Politiker Elmar Brok gehört nicht zu denjenigen, die gar nichts zahlen, aber das Praktikantengehalt bei ihm liegt offenbar seit Jahren auf Minijob-Niveau. So wird die Ausschreibung, die Master-Absolvent Wermter so wütend machte, im nahezu gleichen Wortlaut schon seit Jahren genutzt, wie eine kurze Online-Recherche ergibt. Einziger Unterschied der früheren Ausschreibungen zu der, die im Oktober 2017 an die IB-Liste ging: Es ist nicht von konkreten Summen die Rede. „Die Mitarbeit wird mit einem Zuschuss zum Lebensunterhalt vergütet“, heißt es etwa in einer Praktikumsausschreibung vom 6. November 2013. Der gleiche Satz findet sich in einer Ausschreibung, in der Praktikanten ab Juni 2017 gesucht wurden. Eine genaue Angabe zur Höhe des Zuschusses fehlt. Ein ehemaliger Praktikant, der sein Praktikum bei Brok im Jahr 2016 absolvierte, bestätigt aber: Auch damals zahlte Brok etwa 400 Euro, und auch damals reichte das nicht für den Lebensunterhalt in Brüssel. Brok selbst schreibt in einer Stellungnahme: „Die erwähnte Ausschreibung hat mein Büroleiter, der noch nicht lange im Amt war, selbständig und ohne mein Wissen herausgegeben.“ Im Übrigen könnten Praktikanten im Europaparlament nur nach den Regeln des EP ihre Tätigkeit aufnehmen, Verträge würden von der Verwaltung des EP geprüft, genehmigt und honoriert. „Darauf muss ich mich verlassen können“, schreibt Brok. Der 71-Jährige ist der dienstälteste Abgeordnete des Europäischen Parlaments, dem er seit dem Jahr 1980 als Mitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) angehört. Brok hat sich über Jahrzehnte in Brüssel verdient gemacht, leitete unter anderem zweimal den wichtigen Ausschuss für Auswärtige Angelegenheiten, Menschenrechte, Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Die digitale F.A.Z. PLUS
F.A.Z. Edition

Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

Mehr erfahren

Als direkter Vorgesetzter ist er verantwortlich für alles, was seine Brüsseler Mitarbeiter tun – Büroleiter inklusive. Auch über das Gehalt seiner Praktikanten sollte Brok eigentlich informiert sein. Aus EP-Regularien geht klar hervor, dass Praktikanten in Abgeordnetenbüros direkt dem jeweiligen Abgeordneten unterstehen, in dessen Büro sie tätig sind. „Die Einzelheiten des Praktikums sind Gegenstand einer schriftlichen Praktikumsvereinbarung, die vom Mitglied und von dem Praktikanten/der Praktikantin unterzeichnet wird“, heißt es darin. Diese Vereinbarung enthalte die ausdrückliche Klausel, dass das Europäische Parlament nicht als Partei der Vereinbarung angesehen werden könne. Brok gibt an, dass auch er solche Vereinbarungen mit seinen Praktikanten unterschreibt. Diese würden vom EP geprüft. „Ich gehe davon aus, dass ich bei Fehlern meinerseits darauf hingewiesen werde“, schreibt er in seiner Stellungnahme.

Ein geringes Praktikantengehalt im EU-Parlament ist allerdings weder ein Fehler, noch ein Einzelfall. Rechtlich ist es auch komplett unangreifbar. Denn in Belgien ist die Rechtslage eine andere als in Deutschland. In der Bundesrepublik gilt der gesetzliche Mindestlohn von 8,84 Euro pro Stunde auch für Praktika, wenn sie länger als drei Monate dauern. Mitglieder des EP können dagegen frei entscheiden, was ihnen die Arbeitskraft ihrer Praktikanten wert ist. So fallen die Gehälter für Praktikanten in Brüssel eben sehr variabel aus – je nachdem, bei wem sie arbeiten. Arne Lietz zum Beispiel, SPD-Abgeordneter des EP, vergütet Praktika mit dem Mindestlohn nach deutschem Recht, der Grünen-Abgeordnete Reinhard Bütikofer zahlt Praktikanten in seinem Brüsseler Büro immerhin 1000 Euro im Monat.

Die Praktika sind ein Karriere-Sprungbrett

In der ganzen Diskussion sollte auch nicht außer Acht gelassen werden, dass Praktika bei Parlamentsabgeordneten in Brüssel für viele Studenten und Absolventen ein Karriere-Sprungbrett sind – und daher neben der direkten Vergütung auch einen anderen potentiellen Wert haben. Wer Ambitionen auf eine Tätigkeit in der europäischen Politik hat, kommt um eine vorherige Praktikantentätigkeit kaum herum. Ehrgeizige junge Absolventen stecken daher im Dilemma: Lieber niedrig entlohnte oder gar nicht bezahlte Praktika akzeptieren, oder die Chancen auf eine EU-Karriere deutlich sinken lassen?

Der unter den Beschuss der Studenten geratene Elmar Brok erklärt jedenfalls in einem Telefonat, Praktikanten müssten „natürlich“ einen angemessenen Monatslohn erhalten. Auf die Frage, ob er künftig mehr bezahlen wolle, gibt er allerdings keine konkrete Antwort. Vielmehr betont er, wie begehrt Praktika in seinem Büro sind: Zum Teil kämen Eltern aus seinem Wahlkreis Ostwestfalen-Lippe auf ihn zu, um nach einem Praktikumsplatz für ihr Kind zu fragen. Außerdem seien ehemalige Praktikanten in ihrer Ausbildung und beim Einstieg in eine dauerhafte Beschäftigung im EU-Bereich oft außerordentlich erfolgreich – „oft auch mit meiner Hilfe“, betont Brok.

Die bloße Aussicht auf gutdotierte Posten scheint indes nicht mehr bei allen Studenten und Absolventen zu ziehen. Wie auch in vielen anderen Bereichen tut offenbar die gute Arbeitsmarktlage dem Selbstbewusstsein der Generation gut. Auch durch die Demographie haben sie vielfältige Berufschancen und betonen mittlerweile deutlicher ihre Ansprüche. Das gilt offenbar gleichermaßen in Sachen Brüssel-Praktika: „Können wir das Büro von Elmar Brok nicht endlich von der Liste löschen?“, schreibt eine Teilnehmerin der IB-Liste Mitte November 2017 über den Verteiler: „Sie werden’s nie lernen, und langsam nervt’s, alle paar Wochen wieder dieselben unverschämten Ausschreibungen zu lesen!“

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenElmar BrokBrüssel-ReisenEuropäisches ParlamentPraktikumStudentenBrüssel